Entwicklung

Aufschwung: Kuno Tschumis Derendingen will hoch hinaus

Kuno Tschumi: «Wir werden von der grauen Maus zur attraktiven Gemeinde. Das hat einen positiven Effekt für die ganze Region.»

Kuno Tschumi: «Wir werden von der grauen Maus zur attraktiven Gemeinde. Das hat einen positiven Effekt für die ganze Region.»

Gemeindepräsident Kuno Tschumi (FDP) äussert sich zur starken baulichen Entwicklung in Derendingen.

Derendingen verändert sein Gesicht. Der belastete Verkehrsknotenpunkt Kreuzplatz wird umgestaltet, die 2,5 Kilometer lange Hauptstrasse wird beruhigt. Für 36,5 Millionen baut die Gemeinde ein Dorfzentrum und für 1,2 Millionen ein Kinder- und Jugendzentrum. Aber auch an den Rändern bewegt sich etwas. Im Osten steht ein neues Logistikzentrum, im Westen kriegt die Emme ein neues Flussbett. Und auf dem Emmenhof-Areal wird ein neues Quartier für bis zu 1000 Bewohnern hochgezogen.

Kuno Tschumi, haben Sie keine Flugangst?

Kuno Tschumi: Ich? Nein.

Derendingen setzt gerade zu einem Höhenflug an. Hunderte neue Wohnungen, ein Hochhaus, dazu die vielen anderen Bauprojekte.

Das ist kein Höhenflug, sondern es sind geplante, strukturelle Verbesserungen, deren Folgen jetzt wirksam werden. Es ist eher eine Treppe, die wir hinaufschreiten. Ich vergleiche die Situation mit den 1970er-Jahren, als Derendingen noch sehr ländlich war. Damals hob der Gemeindepräsident Walter Weber zusammen mit dem Bürgergemeindepräsident das Dorf in eine neue Ära und professionalisierte vieles. Jetzt werden wir von der grauen Maus zu einer attraktiven Gemeinde, die für Neuzuzüger und Investoren interessant ist. Es materialisiert sich, was wir vor Jahren in den Köpfen hatten.

Vieles kommt zum Fliegen und wird Derendingen auf Jahrzehnte hinaus verändern. Seit Sie aus der Fusion mit Solothurn ausgeschieden sind, treten Sie stärker auf. Haben Sie neues Selbstvertrauen gefasst?

Es sind für uns epochale Projekte, die nun auf einen Schlag kommen. Das ist eine grosse Herausforderung, aber auch eine Riesenchance. Mit veralteten Strukturen wären wir nach einer Fusion bloss eines von mehreren Rädchen am Wagen gewesen, während der Motor woanders liefe. Wir brauchen etwa noch sechs Jahre, um unsere Infrastruktur à jour zu bringen, dann stehen wir gut da. Sei es alleine, sei es als mögliche starke Fusionsbraut für Solothurn in der Zukunft oder mit dem Wasseramt. Das Selbstvertrauen fassten wir aber nicht erst mit dem Fusionsprozess.

Vorher entwickelte sich das Dorf aber weniger stark.

Derendingen war etwas stehen geblieben, es gab veraltete Strukturen, kein Zentrum. Ich bin jetzt zehn Jahre im Amt. Vorher lebte und politisierte man eher aus dem Moment heraus. Das Klima in Verwaltung und Politik war nicht so gut. Ich brachte Ruhe hinein und befriedete zuerst den Gemeinderat. Dann schafften wir neue Behördenstrukturen. In einem Leitbild stellten wir unsere Ziele der Bevölkerung vor. Seither setzen wir nur noch um.

Und jetzt möchten Sie im Wasseramt eine Führungsrolle übernehmen?

Geografisch hatten wir seit je eine Trichterfunktion, weil die wasserämtischen Strassen bei der Emmenbrücke zusammenkommen. Wir waren immer der Brückenkopf, bevor man in die Stadt kommt. Schon heute gehören wir beim Zivilschutz, der Sozialregion und den Schulen zu den Leitgemeinden. Wir sagen nicht, dass wir das Zentrum des Wasseramts werden. Aber durch unsere gute Infrastruktur wird sich diese Tendenz verstärken.

Auf dem Areal der alten Spinnerei wird ein neues Quartier gebaut. Wie begegnen Sie der Wachstumsskepsis vieler Anwohner?

Ich verstehe die Angst der Anwohner vor dem Mehrverkehr. Das wird gewisse Schwierigkeiten geben. Doch das Gelände ist eingezont, es wird dort ohnehin gebaut werden. Die Frage stellt sich nur noch, wie hoch die Gebäude werden.

Die Leute fürchten um ihre freie Fahrt und die freie Sicht.

Wir müssen den Leuten mitteilen, dass es ein qualitativ gutes, verdichtetes Projekt mit vielen Freiräumen ist. Wir haben es mit einem Investor zu tun, der sein privates Geld investiert. Das Quartier wird verkehrsfrei, zwei Einstellhallen an den Rändern nehmen den Autoverkehr auf. Bevor die Lücken im Zentrum nicht aufgefüllt sind, dürfen wir ja im Grünen nichts mehr einzonen. Zudem wird künftig höher gebaut. Das ist eine Folge des neuen Raumplanungsgesetzes, das in Derendingen mit 73 Prozent angenommen wurde.

Sehen Sie einen Konflikt zwischen dem alten und dem neuen Derendingen?

Wer neu zuzieht, sucht diese Mischung aus ländlich und urban. Wir werden auch für Mitarbeiter von Biogen interessant. Das ist positiv für die Bevölkerungsstruktur. Der Gemeinderat hat die Optik, wie Derendingen in den nächsten 50 Jahren aussehen soll. Zudem wird das Areal ja nicht auf einen Schlag überbaut. Erst wenn die ersten Bauten gefüllt sind, werden die nächsten Gebäude erstellt. Was hier gebaut wird, ist eminent wichtig und wird auf die ganze Gegend ausstrahlen.

Wie wirken sich die vielen neuen Einwohner auf die Infrastruktur aus?

Mit der Überbauung Derendingen Mitte erhalten wir Schulraumreserven bis gut 7000 Einwohner. Wir verfügen über ein Glasfasernetz im ganzen Dorf und eine Erschliessung per Fernwärme. Auch für den Fall, dass die Verwaltung wachsen würde, ist vorgesorgt.

Derendingen hat mit 133 Prozent einen hohen Steuerfuss. Ist eine Senkung angesichts des hohen Investitionsbedarfs in Sicht?

Das ist schwierig vorauszusehen. Wir erzielten in den letzten Jahren stets Überschüsse. Zudem beziehen wir viel aus dem Finanzausgleich. Aber wir sind mit dem Geld vernünftig umgegangen und haben unsere Schulden um über 20 Millionen abgebaut. Wir könnten die Steuern eigentlich um 4 bis 5 Prozentpunkte senken und werden der Bevölkerung aufzeigen, was das bedeuten würde. Auf jeden Fall haben wir versprochen, dass die Steuern trotz des Neubaus von Derendingen Mitte nicht erhöht werden.

Was hielt eigentlich Ihr ehemaliger prominenter Einwohner, der Ex-Nationalgoalie Pascal Zuberbühler, von den eher hohen Steuern?

Ich habe ihn einmal gefragt, warum er nach Derendingen gezogen ist. Er hat seine familiären und beruflichen Bezüge in Genf, Basel, Zürich und Bern und fand hier eine geeignete Lage und Wohnung. Die Familie mochte das Dorf, die Spielgruppen für die Kinder, die Infrastruktur. Die Steuern spielen dabei eine weniger grosse Rolle. Und das geht den meisten Leuten so, die hier wohnen. Das Potenzial des öffentlichen Verkehrs oder der guten Schulen ist bedeutend wichtiger.

Neuzuzüger mit hohem Einkommen werden also nicht abgeschreckt?

Das glaube ich nicht. Viele Neuzuzüger sind in guten mittelständischen Berufen, etwa in Lehr- oder Pflegeberufen, aber es kommen auch Ärzte oder Leute aus dem IT-Bereich. Diese Leute bringen Geld, statt es abzuholen. Es ist auf jeden Fall noch niemand wegen des Steuerfusses weggezogen. Wichtig ist schliesslich, was am Ende des Monats im Sack bleibt. Und da stehen wir nicht schlecht da.

Auch Dienstleister gibt es zahlreiche im Dorf.

Wir haben die Detailhändler Migros und Coop, dazu Ärzte, Optiker, die Apotheke. Die Betriebe registrieren, dass viele Wohnungen gebaut werden, also investieren sie und bleiben. Wir helfen, ihre Zukunft zu planen. Das macht das Zentrum attraktiv und hilft allen im Dorf.

Wie sehen Ihre persönlichen Ambitionen aus? Sie werden im Juli 65-jährig, nächstes Jahr sind Gemeinderatswahlen.

Ich werde nächstes Jahr noch einmal antreten, damit ich das Angefangene zu Ende bringen kann. Zudem gehen meine zwei Jüngsten noch immer zur Schule. Ich kann also nicht einfach mal einen Monat in die Ferien gehen. Bis die Kinder draussen sind, gehe ich einer geregelten Tätigkeit nach. Mein Ablaufdatum endet nach der nächsten Amtsperiode, also 2021.

Und in der Kantonalpolitik? Sie haben stets viele Fremdstimmen generiert.

Deshalb war ich ja auch für den Regierungsrat im Gespräch. Als ich aber sah, dass es gut kommt mit den Kandidaten, zog ich mich zurück. Als Kantonsrat und als Präsident des Einwohnergemeindeverbands werde ich weitermachen. Mein Herz schlägt für die Gemeinden.

Der VSEG tritt seit einiger Zeit gestärkt auf. Haben die Konflikte mit dem Kanton zugenommen?

Eben nicht. Das hängt damit zusammen, dass sich die Gemeinden das Heft nicht mehr aus der Hand nehmen lassen. Starke Gemeinden sind im Interesse des Kantons, weil es ihn entlastet. Das Seilziehen hört damit auf. Wir werden ernst genommen und als Partner fair behandelt.

Bei den Nationalratswahlen letztes Jahr schnitten Sie schlechter als erwartet ab. Hat Sie das überrascht?

Ich war im ersten Moment erstaunt und hätte mehr Stimmen erwartet. Wir werden das noch analysieren. In meinen Augen hängt es auch mit der Listenkonstellation zusammen. Zudem wissen viele Wähler nicht, wie wichtig die Liste ist, um einen zusätzlichen Sitz zu holen. Im Wasseramt sind wir offenbar schon zu mobil, als dass die Wähler per Heimatschutz nur ihre Bezirksvertreter wählen und die anderen streichen. Zu den Nationalratswahlen werde ich nicht mehr antreten.

Kommunalpolitisch haben Sie viel bewegt. Eine persönliche Befriedigung?

Meine Befriedigung ist, dass ich den Mut habe, an die Zukunft zu glauben. Man kann das Leben nicht konstruieren, sondern es kommt bei einem vorbei. Das Kunststück ist, das Glück und die Chancen zu erkennen und sie zu packen. Das zeigt sich in der Entwicklung von Derendingen. Damit komme ich auf Ihre Eingangsfrage mit dem Höhenflug zurück. Jetzt zahlt sich der Mut zum Risiko aus. Wenn man immer vorsichtig und defensiv ist, kommt man nirgends hin. Wir werden mit Derendingen auch künftig nicht in der Nationalliga A spielen, aber wir steigen von der zweiten in die erste Liga auf.

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