Hohe Schnürschuhe mit Stahlkappen, Helm, Leuchtweste, Schutzbrille und Arbeitshandschuhe: Nur wer so ausgerüstet ist, darf die derzeit grösste Baustelle im Kanton Solothurn betreten. «Die Sicherheitsstandards sind sehr hoch. Wir wollen jegliche Art von Unfällen vermeiden», sagt Scott Keetch. Der 46-jährige Amerikaner ist verantwortlicher Projektleiter für den Neubau der Produktionsstätte des Biotechnologiekonzerns Biogen in Luterbach.

Das Thema Sicherheit ist omnipräsent, auch später auf dem Rundgang über die komplett eingezäunte und gesicherte Baustelle. Keetch zeigt beim Eingang auf das Areal von 22 Hektaren die vergitterten Drehkreuze. Jeder Arbeiter ist registriert. «Das Drehkreuz lässt sich nur mit dem Fingerabdruck öffnen.» So sei sichergestellt, dass sich nur zutrittsberechtigte Personen mit absolviertem Sicherheitstraining und einer gültigen Arbeitsbewilligung auf der Baustelle befinden. Zudem diene das Zutrittssystem der Übersicht im Falle einer Evakuierung.

Elf Kräne – wie die Solothurner Zahl

Von Keetch’s temporärem Büro im Verwaltungsgebäude der ehemaligen Zellulosefabrik Borregaard auf der Nordseite der Aare öffnet sich der Blick auf die imposante Baustelle. Elf Kräne – «entspricht der Solothurner Zahl», ergänzt der Biogen-Mann lachend – dominieren das Bild. Sechs davon sind benannt mit Biogen (Bauherr), Jacobs (Generalunternehmer), Luterbach (Standortgemeinde), Solothurn (Standortkanton), Implenia und Marti (beides Baukonzerne). Der höchste davon ragt 72 Meter in die Höhe.

Auf dem Weg zur Baustelle queren wir die nach den heftigen Regenfällen reissende Aare über die ehemalige Eisenbahnbrücke der Zellulosefabrik – inzwischen in einen Fussgänger- übergang umfunktioniert. Scott Keetch schreitet zügig voran und verrät einige eindrückliche Zahlen. 12 500 Tonnen Stahl werden verbaut. Das sind 1,7-mal so viel wie beim Eiffelturm. 29 000 Kubikmeter Beton werden verwendet. 101 Kilometer Rohre werden verlegt – entspricht der Strecke von Luterbach nach Zug, dem Schweizer Headquarter von Biogen. 843 Kilometer Kabel werden eingezogen. Das ist gleichlang wie die Strecke von Luterbach nach Hamburg.

Pneulader, Muldenkipper, Bagger, fahrbare Hebebühnen, Camions: Die Baustelle vibriert. Dort, wo bis vor acht Jahren die 1891 gegründete Zellulosefabrik ihr Rundholz- und Holzschnitzellager betrieben hatte, herrscht Aufbruchstimmung. Mit der Schliessung der einzigen Zellulosefabrik der Schweiz ging eine wichtige Ära der hiesigen Industriegeschichte zu Ende. Auf dem Areal wächst nun die industrielle Zukunft nach.

Ein Camion nach dem anderen fährt auf die Baustelle. Bis zum Bauende werden es etwa 20 000 bis 30 000 Anlieferungen sein, wie Keetch sagt. Die Dynamik ist gross, die Spezialisten arbeiten konzentriert und speditiv. Kein Wunder, hegt doch Biogen ehrgeizige Ziele. Die gesamte Anlage soll Anfang 2019 in Betrieb gehen. «Wir sind im Plan», meint Keetch. Seine Augen hinter den Brillengläsern lächeln optimistisch im Glauben, dass alles gut kommen wird. Die massigen und doch eleganten Stahlträger werden zusammengefügt und verschraubt. Derweil werden bereits die ersten Böden und Wände betoniert. 250 Baufachleute unzähliger Firmen arbeiten derzeit auf dem Bauplatz.

Zig Ingenieure sind vor Ort

Der Laie fragt sich, wie bei dem scheinbaren Durcheinander letztlich alles zusammenpassen wird. Dafür ist eben Scott Keetch und die Spezialisten der Generalbauunternehmerin, der US-amerikanischen Jacobs Group, zuständig. Die eigens gegründete Jacobs Switzerland GmbH hat Büros in der alten Zellulosefabrik mit 30 Angestellten bezogen, Biogen ist mit 20 Mitarbeitenden direkt vor Ort. Am Südende der Baustelle steht ein grosser, grauer Komplex. Erst aus naher Distanz wird klar: Es ist nicht etwa eine Wohnüberbauung, sondern unzählige Container beherbergen unter anderem Büros, Aufenthalts- und Pausenräume sowie Sanitärräume für das Baustellenpersonal. Daneben wird in einem Grosszelt die Kantine geführt.

Scott Keetch ist nicht etwa Daueroptimist. Seine selbstbewusste Art fusst vielmehr auf jahrelanger Erfahrung als Projektleiter für den Bau von Fabrikationsstätten in der ganzen Welt. Für Firmen in der Halbleiterindustrie war er viele Jahre in Asien stationiert, seit elf Jahren ist der Chemieingenieur im Team von Biogen. Während dreier Jahre war er in Dänemark tätig, wo er für den Biotechkonzern den Bau einer vergleichbaren Anlage wie jetzt in Luterbach managte. Seit vergangenem August ist er nun hier im Solothurnischen vorübergehend zu Hause. «Meine Einsatzzeit in Luterbach ist auf vier Jahre ausgelegt.» Mit seiner Familie wohnt er in einem Doppeleinfamilienhaus im benachbarten Feldbrunnen.

Angriff an vier Orten

Der Bau ist komplex. Die Anlage wird gleichzeitig an vier Orten in Angriff genommen. Ganz im Westen entsteht der Versorgungskomplex, von wo aus die Anlage mit Elektrizität, Wasser und Dampf versorgt wird. Dann folgen das Lagerhaus und das Verwaltungsgebäude für Büros und Labors. Am weitesten fortgeschritten ist das Herzstück, der Produktionsbau. Stetig wächst die Konstruktion aus zig Stahlträgern in die Höhe, bis das fünfte Stockwerk erreicht sein wird. Letztlich werden dort in zwei Fertigungszellen mit je vier Fermentern Proteine aus Säugetierzellen produziert. Das so gewonnene Protein ist der Basisstoff für die biopharmazeutischen Medikamente von Biogen. Nach eigenen Angaben sei man weltweit führend in der Entwicklung von Therapien gegen multiple Sklerose. In der Pipeline befinden sich derzeit Entwicklungen zur Behandlung von Alzheimer und Hämophilie.

Jetzt wird es anstrengend. Zielstrebig peilt Scott Keetch einen der von weit her sichtbaren fünf Betontürme an. Es sind die an den Ecken platzierten fünf Treppenhäuser, die das Ausmass des Produktionsbaus ungefähr aufzeigen. «Letztlich sind diese zwar im Bau integriert, aber aus Sicherheitsgründen baulich nicht direkt mit dem Stahlbau verbunden», erläutert der Projektleiter. Die letzten Stufen sind geschafft. Oben, auf 40 Meter Höhe, ist das wahre Ausmass der gigantischen Baustelle ersichtlich. Sogar die Alpen rücken ins Blickfeld – und Keetch’s temporärer Wohnsitz in Feldbrunnen.

Der ansonsten in North Carolina lebende Biogen-Manager schätzt hier die Vorteile der Kleinräumigkeit. «Ich kann zu Fuss oder per Fahrrad zur Arbeit», sagt er auf dem Rückweg zum Büro lachend. Auch die Nähe zur Stadt Solothurn zählt als Pluspunkt. Besonders die Altstadt hat es ihm angetan. «Wir alle fühlen uns sehr wohl hier.» Welche Aufgaben ihn nach der Fertigstellung und Inbetriebnahme der Anlage in Luterbach erwarten, weiss er nicht. Das ist aber für ihn als «moderner Nomade» kein Problem.