Sömmerung auf dem «Weidli»

Auf der Sömmerungswiese in Balm: «Bergluft macht die Kühe robust»

Pascale und Urs von Roll schauen mit Yarin und Mattis auf der Sömmerungsweide nach dem Rechten

Pascale und Urs von Roll schauen mit Yarin und Mattis auf der Sömmerungsweide nach dem Rechten

Familie von Roll bewirtschaftet ihren Bio-Sömmerungsbetrieb in Balm seit zehn Jahren. Beide sind berufstätig: er als Lehrer, sie als Staatsschreiber-Stellvertreterin und Gemeindepräsidentin von Balm.

Die alte Balmbergstrasse führt in den Wald und wird zu einer unebenen Schotterstrasse. Links geht es steil bergauf, weiter oben ist das Balmfluhköpfli. Der Wald lichtet sich, auf der rechten Seite erscheint ein kleiner Bauernhof. Eingebettet in die wilde Natur, in eine breite Palette an Grüntönen. Eine ausladende Linde steht wie eine Schutzpatronin in der Mitte. Um den Baum herum haben sich Pascale und Urs von Roll mit ihren beiden Söhnen ein idyllisches Zuhause geschaffen.

Die Kinder fahren mit Dreirädern über den Hofplatz. Urs von Roll kniet auf der Terrasse und beugt sich gefährlich nahe über einen Bienenschwarm, welcher sich dort versammelt hat. «In ihrem Volk ist vermutlich eine neue Königin geschlüpft. Deshalb will die alte Königin mit einem Teil des Volkes weiterziehen», erklärt der Landwirt. Damit die Bienen wieder zum Volk zurückkehren, müsse er die alte Königin im Schwarm finden und sie zerdrücken. «Ich weiss, das ist gemein. Aber es geht nicht anders, wir haben schon neun Völker». Er schält sich aus seinem Anzug.

Von Rolls’ volles Programm

Auf dem Hof leben neben den Bienen elf Schottische Hochlandrinder, 15 Schafe, 5 Kaninchen und ein Hund. Urs von Roll kümmert sich um das Land und die Tiere und seine Frau Pascale hauptsächlich um Garten «und alles was gerade so ansteht». Ihren Alltag muss die Familie gut planen, denn Pascale von Roll ist Staatsschreiber-Stellvertreterin und Gemeindepräsidentin von Balm. Urs von Roll ist als Sport- und Werklehrer tätig. Wie bekommt man das alles unter einen Hut? «Eine gute Planung ist das A und O», so von Roll. «Wir sind auf die Menschen in unserem Umfeld angewiesen, besonders wenn die ‹Heusaison› beginnt». Klingt nach viel Arbeit und wenig Freizeit. «60 Prozent sind Landwirtschaft und die restlichen 100 sind Hobby», scherzt von Roll.

Auch die Kinderbetreuung will gut geplant sein. Die beiden Söhne Yarin und Mattis verbringen je einen Tag bei ihrer Mutter, bei ihrem Vater, in der Kita und bei den beiden Grosseltern. «Das Wochenende verbringen wir aber alle zusammen», sagt der Landwirt und strahlt. Die Kinder nimmt er überall mithin: In den Wald, auf die Weide, zu den Tieren. «So erlebe ich, wie meine Kinder aufwachsen und kann sie ins Tagesgeschäft einbeziehen».

«Grosse Hörner und viel Charme»

Das «Weidli« ist ein Ganzjahresbetrieb mit neun Hektaren Sömmerungsweide und vier Hektaren landwirtschaftlicher Nutzfläche. «Da drüben ist die Sömmerungsweide, dort sind zurzeit unsere Tiere drauf». Die ganze Familie spaziert über die blumenreiche Juraweide, um bei den «Schotten» nach dem Rechten zu sehen. Hochlandrinder sind robuste Tiere, bestens geeignet für steiniges und steiles Gebiet. «Viel Ertrag bringen sie nicht», sagt Urs von Roll. «Sie machen das aber wett: mit ihren grossen Hörnern und viel Charme», fügt er augenzwinkernd hinzu.

Schmetterlinge tanzen und Bienen summen. Sohn Yarin entdeckt unterwegs ein Unkraut und versucht es auszurupfen, was ihm mit seinen kleinen Händen noch nicht so recht gelingen will. Auf der Sömmerungsweide grasen nicht nur die eigenen Tiere, sondern auch sechs «Guschtis» – also Jungrinder – aus Rüttenen und neun Ziegen.

Die Sömmerung ist für ihn ein aufwendiger, aber erfüllender Nebenerwerb, Ende Jahr bleibe jeweils nur ein kleiner Lohn übrig. Zwei Franken müssen Bauern am Tag pro Tier für die «Bergluftkur» bei von Rolls bezahlen. Bei den Ziegen geht die Entlöhnung unkomplizierter vonstatten: «Pro Sommer erhalten wir von der Talbäuerin das fertig abgepackte Fleisch eines ‹Gitzis›». Zudem hilft sie beim Aufstellen und Flicken der Zäune.

Wenn einem Tier etwas zustösst, muss der Talbauer für die Tierarztkosten aufkommen, «ausser wir haben einen fahrlässigen Fehler gemacht». Aber die Bauern geben ihre Tiere laut von Roll gerne auf den Berg. Einerseits macht die Bergluft und das Gelände sie robuster. «Anderseits eignen sich Flachlandwiesen viel besser zum mähen als unsere Weiden im unebenen und teils steilen Juragebiet». So hilft man sich also gegenseitig, damit beide Parteien ihr Land den Gegebenheiten angepasst bewirtschaften können.

Familie verlässt das «Weidli»

Auf dem «Weidli» leben Mensch, Flora und Fauna im Einklang miteinander. Doch nicht mehr lange, jedenfalls nicht mit der Familie von Roll. «Ende dieses Jahres ziehen wir hier weg», sagt von Roll. Und zwar aus erbrechtlichen Gründen. Das «Weidli» gehört zum Fideikommiss der Familie und der Fideikommissinhaber wolle den Hof nun selber bewirtschaften.

Die Familie von Roll aus Solothurn ist eine der letzten Familien, welche noch unter dieser speziellen Einrichtung des Erbrecht steht. Es stammt aus Adelszeiten und diente dazu, dass der Familienbesitz einer adligen Familie nicht durch Erbteilung zersplittert wurde. So gilt bei von Rolls noch heute: der älteste männliche Nachkomme hat auf das gesamte Fideikommissgut der Familie das Nutzniessungsrecht, auch auf das «Weidli».

«Wir haben aber bereits ein neues Zuhause gefunden, in Balm nur zwei Kilometer von hier entfernt», sagt der Landwirt ohne Gram in der Stimme. Die Sömmerung muss die Familie aufgeben. Den Milchkuhbetrieb in Balm will sie zu einem Mutterkuhbetrieb umbauen. «Das ‹Weidli› zu verlassen tut zwar weh, aber wir blicken auf zehn wunderbare Jahre zurück – und zuversichtlich in die Zukunft».

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