Rüttenen
Audienz im Schlössli: Rüttener zu Besuch im Haus der Gegensätze

Auf dem Königshof gibts knatternde Töffs und einen französischen Garten. Das Wohnhaus, das auf Rüttener Gemeindeboden steht, ist seit 2013 unter Denkmalschutz. Die heutigen Besitzer schwärmen vor allem über den Garten.

Von Lea Reimann
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Der Westturm des Königshof in Rüttenen.

Der Westturm des Königshof in Rüttenen.

Hanspeter Bärtschi

Eine Piratenflagge flattert neben dem historischen Herrenhaus im Wind und macht neugierig auf die Bewohner. Man klingelt und wird, um in den Garten zu gelangen, durch einen alten Gang mit wunderschönem Boden aus Terrazzo und Solothurner Stein geführt. Auf der Seite stehen Motorräder aufgereiht, die einen ersten Hinweis geben, womit der Bewohner beruflich zu tun hat. In einem Erker sitzen zwei Skelette, die Schach spielen und draussen trifft man auf Tonnenfeuer aus Motorex-Ölfässern, hinter denen sich der fein gepflegte, idyllische französische Garten erstreckt. Selten vermischt sich das heutige Leben auf diese schöne Art mit den historischen Zeugnissen. Die Atmosphäre ist charmant, das Haus ist belebt und wirkt trotz der rund 500 Jahre, die es auf dem Buckel hat, sehr jugendlich.

Kolorierte Zeichnung des Königshof
8 Bilder
Patrizierporträts schmücken die Ahnengalerie
Der Westturm des Königshof in Rüttenen.
Die Südfassade um 1920
Ein wunderschöner, holzgetäferter Erker
Der Eingangsbereich
Der Königshof auf einer Ansicht von Franz Graf um 1830
Der Hof mit der alten Kastanie

Kolorierte Zeichnung des Königshof

Hanspeter Bärtschi

Obwohl der Königshof nicht auf Solothurner, sondern auf Rüttener Gemeindeboden steht, gehört er doch in den stattlichen Kreis alter Landhäuser in unmittelbarer Stadtnähe. In leichter südlicher Hanglage platziert und zweiseitig vom Wald kulissenhaft hintermalt, wirkt er wie ein geheimnisvolles Märchenschloss. Vom Stadtquartier Hofmatt führt eine langgezogene Allee zum herrschaftlichen Wohnhaus, das zusammen mit dem Ökonomiegebäude ein architektonisch reizvolles Ensemble bildet. Seit 2013 steht alles zusammen, samt Nebengebäuden, unter Denkmalschutz.

Ein Königshof ohne Monarch

So schön es auch klingen mag, doch ein König hat auf dem Königshof nie gewohnt. Vielmehr erhielt er seinen Namen von der früheren Besitzerfamilie, die sich «Küng zum Hoff» nannte, und zwar zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Nachdem Georg Küng den «Küngshof» 1569 an Hans Ulrich Suri verkaufte, blieb der Königshof während mehr als dreihundert Jahren im Besitz der Familie von Sury und ihren direkten Nachkommen. Da er zum Teil an verheiratete Töchter vererbt wurde, änderten sich im 18. und 19. Jahrhundert die Namen der Besitzer, sodass Gugger, Altermatt und schliesslich Tugginer als Eigentümer zu finden sind. In dieser Zeit wurde der Königshof durch zahlreiche Veränderungen und Umbauten schrittweise zu einem hochbarocken Landsitz verwandelt. 1878 erwarb die Solothurner Hülfskasse den Königshof, danach ging er an den Neuenburger Uhrenfabrikanten August Robert Tissot und schliesslich an dessen Tochter Eugénie Moschard-Robert Tissot.

Nachdem das Schlösschen ab den 1950er Jahren wieder dem Kanton gehörte, wurde es 1993 von der Familie Frei-Straumann erworben. Mit der Auflage, es innerhalb von zwei Jahren zu restaurieren. «Dass wir Bürger von Rüttenen sind und schon vorher in der Region gewohnt haben, war wahrscheinlich ausschlaggebend dafür, dass wir ihn kaufen konnten», sagt Besitzerin Felicitas Frei. Bauernhof und Pächterhaus sind noch heute im Kantonsbesitz und werden verpachtet. Das Besitzerpaar wohnt mittlerweile in Engelberg, doch die Liegenschaft soll im Familienbesitz bleiben und wird heute von Sohn Gregor Frei bewohnt.

Audienz im Schlössli

Zahlreiche Schlössli und prächtige Landsitze zeugen von einst feudalen Verhältnissen in unserer Region. Ob herausgeputzt oder halb verfallen – die ehemaligen Patrizierhäuser in der Umgebung von Solothurn faszinieren noch heute. In einer Sommerserie blicken wir hinter die Fassaden der Häuser und treffen die Menschen, die in dieser besonderen Umgebung wirken, leben und arbeiten. Bereits erschienen: Schlösschen Vorder-Bleichenberg (9. Juli). (crs)

Jugendliches Haus

Wie die ersten Eindrücke bereits verraten haben, kommt auf dem Königshof nicht alles in alter Manier daher. Besitzerin Felicitas Frei erklärt, welch umfangreiche Renovationen durchgeführt wurden: «Teilweise wurden die alten, gemalten Tapeten fachgerecht überdeckt, sodass wir unsere eigenen Bilder und Dekorationen aufhängen konnten.» Die alte Tapete könnte aber jederzeit wieder freigelegt werden. Bei den Renovationsarbeiten habe man ausserdem verschiedene Schichten wegkratzen können und so die ursprüngliche Farbe ans Licht gebracht. «Von Türkis bis Bazooka-Pink war fast alles vorhanden», lacht sie. Entsprechend habe man sich dann zum Teil auch an solchen Farben orientiert – ein Badezimmer ist beispielsweise rosa.

Mysteriöse Stollen

Da man das Haus rollstuhlgängig machen wollte, sei ausserdem ein Lift eingebaut worden. Dieser war so programmiert, dass er ab und zu Probefahrten machte – manchmal auch nachts. Davon hat die Familie Frei aber anfangs aber nichts gewusst. So kam es also vor, dass mitten in der Nacht und ohne dass ihn jemand betätigt hätte, plötzlich der Lift in den Keller fuhr, wie von Geisterhand betätigt. «Beim ersten Mal sind wir erschrocken – dann gewöhnten wir uns daran und witzelten darüber. Der von Sury sei wohl wieder im Lift unterwegs und könne nicht schlafen.»

Mysteriös sind auch die Stollen, die ganz in der Nähe des Königshofes aus der Erde kommen. Bei diesem Thema kommt Gregor Frei ins Reden. Er, der seit seinem neunten Lebensjahr in diesem Haus wohnt, erzählt, wie sie schon damals diese «Fluchtgänge» in die Stadt gesucht hätten. Es handle sich um eine alte Wasserleitung, in der man gebückt gehen könne. Nach etwa 250 Metern ist der Stollen allerdings eingebrochen.

Ein Garten, der lebt

«Was uns hier am meisten gefällt, ist der Garten», schwärmt die Besitzerin Felicitas Frei. Der Garten sei das zentrale Element, das die Wohnqualität erhöhe. Eulen nisten, Füchse kommen zu Besuch und auch Ringelnattern seien im gesunden Biotop zu finden. Sohn Gregor, der das Haus mittlerweile bewohnt, stimmt ihr zu. Für seine Hunde und Katzen sei der Garten ein Paradies. «Den Bezug zur Natur schätzen wir sehr», sagt er, der auch selbst gerne im Garten arbeitet. Gewisse Arbeiten müssen aber von Fachleuten erledigt werden. «So will man beispielsweise den Schattengang erhalten und auch die rund 240 Jahre alten Linden müssen gepflegt werden», sagt Felicitas Frei.

Der majestätische Kastanienbaum

Besonders für Einheimische gibt es ein Gewächs, das unzweifelhaft mit dem Königshof assoziiert wird: der Rosskastanienbaum. 1998 wurde der majestätische, 300 Jahre alte Baum gefällt, vielen dürfte er noch in Erinnerung sein. Man vermutet gar, dass es sich dabei um die älteste Rosskastanie nördlich der Alpen gehandelt habe. Wegen des schlechten Gesundheitszustandes war es nötig, den Baum zu fällen. Eigentümerin Felicitas Frei: «Der Baum war einfach fantastisch. Ich erinnere mich, dass mein Mann im Obergeschoss sein Büro hatte und er rausschauen konnte und den Kauz in den Blättern sah.» Ihn fällen zu lassen, sei damals keine einfache Entscheidung gewesen. Doch die Stelle, wo dieser Kastanienbaum stand, ist nicht leer geblieben. Ein neuer Kastanienbaum wächst dort. Einer, der vielleicht auch wieder die mächtige Grösse des alten Baumes erreichen wird und der in hunderten von Jahren erzählen könnte, wie wir hier um die Jahrtausendwende gelebt haben. (lrb)

Gedicht über den gefällten Kastanienbaum

Hier wachsen keine Rosskastanien mehr

„Hier wachsen keine Rosskastanien mehr“, war da als Titel in der Zeitung zu lesen. Es folgte ein Bericht über einen uralten Rosskastanienbaum, den man gefällt hatte und der nach dem Entfernen der Wurzeln ein riesengrosses Loch in der Erde hinterliess, einen Krater, der einen Meteoriteneinschlag vermuten lässt. Dieser Baum war mir aus frühester Kindheit her vertraut. Oft führte unser Weg an diesem imposanten Riesen vorbei und wir Kinder sammelten die Rosskastanien, die er fallen liess, mit Begeisterung ein, voller Überzeugung einen kostbaren Schatz entdeckt zu haben.

Dieser gewaltige Baum habe eine Krankheit gehabt, hiess es da in der Zeitung, man habe noch versucht ihn zu retten, doch trotz Baumpflegemassnahmen habe sich die Krankheit ausgebreitet und der Zustand des Baumes habe sich ständig verschlechtert. Es wurde unumgänglich ihn zu fällen und so endete das Leben dieses 20-Meter-Riesen, mit einem stolzen Stammumfang von 6,3 Meter und einem Durchmesser von 1,86 Meter, nach vermutlich 350 Jahren. Er sei einer der ältesten Rosskastanienbäume gewesen, die überhaupt je in Westeuropa gewachsen waren.

Hätte ich vorher von dieser „Notschlachtung“ gewusst, hätte ich den Baum, der scheinbar in meinem Herzen auch ein paar Würzelchen geschlagen hatte, noch einmal besucht. Ich hätte ihn gerne noch einmal in Ruhe betrachtet, hätte seine Rinde berührt und wäre ein letztes Mal um den Stamm herumgegangen. Ich hätte bewusst Abschied genommen.

Für mich persönlich hätte diese Mitteilung in der Zeitung zu den Todesanzeigen gehört, oder mindestens auf die letzte Seite ins „memoriam“. Nun ist es also zu spät für mich, zu ihm hinzugehen und Abschied zu nehmen. Es ist wieder ein Abschied, den ich alleine erlebe, ich habe die Aufgabe, dies zu meistern, ihn gehen zu lassen.

Ja sicher, es war nur ein Baum, doch diese schmerzhafte Erfahrung des „Verlustes“ habe ich auch schon mit Menschen gemacht. Dieses riesengrosse Loch in der Erde, das dieser Baum hinterliess, erinnert mich an die Lücke die ein Mensch hinterlassen kann. Die Leere, die bleibt, wenn er geht, als hätte ein Komet eingeschlagen.

Liebgewonnene Orte können wir wieder aufsuchen, liebgewonnene Zeiten entfernen sich von Stunde zu Stunde. Ich kann den Ort der Begegnung zwar wieder besuchen, doch der Baum wird nicht da sein. Nur ein grosses Loch wird mich angähnen und mit der Zeit wird auch dieses verschwinden und es bleibt nur noch die Erinnerung.

Ja, ein Jahrhunderte alter Rosskastanienbaum erinnert mich daran, wie vergänglich alles ist. Geliebte Menschen, schöne Bäume, glückliche Momente sind kein Besitz, sie werden uns nur geliehen und es ist uns selbst überlassen, wie wir mit dieser Leihgabe umgehen. Wir tun uns selber Gutes, wenn wir sie dann zu schätzen wissen, wenn sie da sind und mit Hilfe der schönen Erinnerung erstreben, uns wieder davon zu lösen. Mit dem Bewusstsein der Veränderung ist man vielleicht etwas genussfähiger und eher in der Lage zufrieden zu leben.

Schade, dass dieser Baum nicht mehr dort steht, doch ich freue mich immer noch darüber, dass er dort gestanden hat. Der Zeitungsbericht über den alten Rosskastanienbaum hat in mir einige Gedanken ausgelöst und mir erneut bewusst gemacht, dass jeder Tag ein grosses Geschenk ist und jeder einzelne Tag es wert ist, ihn mit offenen Sinnen zu erleben, was er auch bringen mag, es ergibt bestimmt alles irgendeinen Sinn.

Anita Reimann

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