In der Schweiz werden jährlich rund zwei Millionen Tonnen einwandfreie Lebensmittel vernichtet, laut dem gemeinnützigen Verein «Foodwaste». Gleichzeitig sind 600 000 Menschen von Einkommensarmut betroffen. Ist dieser Widersprüchlichkeit nicht entgegenzuwirken? Doch, die Nonprofit-Organisation «Tischlein deck dich» macht sich seit 1999 genau hierfür stark. Sie sammelt Lebensmittel von Grossunternehmern und verteilt sie an armutsbetroffene Menschen in der Schweiz. Nach Solothurn, Olten und Grenchen gibts nun seit einem Monat auch in Gerlafingen eine Geschäftsstelle.

Judith Trüssel, Pfarrerin der evangelisch-methodischen Kirche in Gerlafingen, hat sich freiwillig bei «Tischlein deck dich» gemeldet. Seit dem 3. Juli finden nun jeden Montagmorgen, zwischen 10 und 11 Uhr, die Verteilungsaktionen auch in ihrer Kirche statt. «Wir versorgen momentan 40 bis 60 Menschen. Es ist normal, dass die Bezüger anfänglich vorsichtig sind, aber es spricht sich herum. Jede Woche haben wir zwei, drei Bezüger mehr zu verzeichnen», so die 45-jährige Pfarrerin.

Der Würde willen zahlen die Bezüger pro Einkauf einen symbolischen Franken. Die freiwilligen Mitarbeiter achten sehr auf eine intime Sphäre, denn die Bezüger sollten nicht ausgestellt werden. Fotos sind also nicht erlaubt.

Für die Bezüger soll der Einkaufsort auch ein Begegnungsort sein. So erzählt Trüssel zum Beispiel, dass sie einen afghanischen Flüchtling bei sich zu Hause aufgenommen hat und dieser freiwillig bei «Tischlein deck dich» mithilft. Dank ihm könne man in der Geschäftsstelle sehr gut kommunizieren mit den afghanischen Bezügern und eine familiäre Atmosphäre bilden. Die freiwilligen Helfer übernehmen nicht nur die Betreuung der Bezüger und die gerechte Verteilung der Lebensmittel, sie erfüllen auch eine seelsorgerische Rolle, indem sie den Bedürftigen zuhören.

Portrait von Tischlein Deck dich

Portrait von Tischlein Deck dich

Minime Foodwaste-Bekämpfung

Verkauft werden allerlei Lebensmittel, die die Grossverteiler wegwerfen: Tiefkühlprodukte, Gemüse und Früchte, falsch verpackte Glace, Schokolade. «Die Produkte, die Sie erhalten, ersetzen keinen wöchentlichen Einkauf, helfen aber mit, das knappe Budget zu entlasten», stellt «Tischlein deck dich» fest.

Die Gerlafinger Verkaufsstelle ist ein Mal in der Woche geöffnet. Frischware aus den lokalen Bäckereien und Gastrobetrieben können also gar nicht Teil der Verteilungsaktion sein. Fehlt dem Verein die Kapazität, um Foodwaste (Verschwendung von Nahrungsmitteln) aktiver zu bekämpfen? Man habe als Teil der Organisation nicht den Anspruch, alles zu bekämpfen, sondern punktuell etwas zu erreichen, erklärt Trüssel.

Die Genehmigung erhalten die Bezüger vom Sozialamt. Dort werden ihnen Bezugskarten verteilt, mit denen sie schliesslich einkaufen können. Für Flüchtlinge, Familien mit mehreren Kindern und Menschen, die unter anderem trotz Erwerbstätigkeit unter Einkommensarmut leiden, ist «Tischlein deck dich» ein wahrer Segen.