«Tschau Hans.» Zwei ältere Spaziergänger treten mit ihren Hunden in die Gaststube. Nicht irgendeine Gaststube, sondern die vom «Seeblick» am Burgäschisee. Das Walliserdeutsch von Evi Schweizer gesellt sich zum breiten Dialekt der Einheimischen. Ein Ziel, das sich die Wirtin vor zweieinhalb Jahren beim Start gab, hat sie erreicht. Den Kontakt zu den Einheimischen hat sie gefunden. Auch sie fühlen sich im «Seeblick» zu Hause.

Das ist deshalb nicht selbstverständlich, weil sich der «Seeblick», gerade im Winter, als stilvolles Restaurant situiert. Draussen beim Eingang stehen Lichterbäume. Im Foyer vermitteln Kerzen eine gediegene Atmosphäre. In der Gaststube lädt Plüsch zum Verweilen und im Esssaal steht ein Champagnerkübel mit unzähligen rosaroten Tulpen. Alles ist hell erleuchtet. «Ich mag das viele Licht», sagt Evi Schweizer.

Wintersaison mit Reiz

Im Sommer, in der Hauptsaison, wenn von morgens früh bis spät abends der Rubel rollt, komme sie kaum je dazu, sich vertieft den Gästen zu widmen. Dafür habe sie jetzt im Winter Zeit. Sie könne sich wieder den Details widmen. «Das war wohl die grösste Schwierigkeit hier, diesen Spagat vom Sommer in den Winter zu meistern.»

Im Sommer gibt es nicht wenige Tage, an denen 300 bis 500 Essen rausgehen würden. Hochzeitgesellschaften, Firmenanlässe sowie die Besucherinnen und Besucher des Burgäschisees würden für Rummel sorgen. «Vor dem ersten Winter haben mir alle gesagt: Ja, im Winter bist Du dann allein. Aber jetzt zieht es auch im Winter sukzessive an.» Sie gebe sich im Winter umso mehr Mühe, das sei vielleicht das Erfolgsrezept, sagt Evi Schweizer. Im Sommer müsse sie einfach die Schubladen voll haben, um reagieren zu können.

Mit acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie zwei Lernenden läuft der Winterbetrieb. «Im März werden für die Sommersaison vier Personen dazukommen. Dann haben wir wieder sieben Tage offen.» Und wenn Not am Mann ist, springt Evi Schweizer selbst ein. «In der Küche oder dort, wo es mich braucht.»

Dreimal getestet

Unter der Leitung von Evi Schweizer entwickelt sich der Seeblick kontinuierlich weiter. Gegen Ende letzten Jahres kam sie zu besonderen Ehren. Der «Seeblick» hat neu eine Fischküche mit Auszeichnung und ist Mitglied der Tafelgesellschaft zum Goldenen Fisch.

Die Fischküche hat für ein Restaurant am See eine gewisse Logik. Und Fische aus dem Burgäschisee? «Manchmal im Sommer verkaufen uns Kinder ihre gefangenen Fische. Die nehmen wir gerne und kochen sie. Aber wir haben jeden Tag frischen Fisch angeliefert.» Drei mal sei ihre Fischküche von der Tafelgesellschaft anonym zur besten Zufriedenheit getestet worden.

«Sie fragten, weshalb ich mich nicht selber gemeldet hätte, aber ich hatte anfangs nicht den Anspruch, vielleicht hätte ich mich später gemeldet, wenn die Fischküche schon länger funktioniert hätte.» Ihr Koch versuche, den Fisch ins Menu zu integrieren, damit auch Nichtfischkenner auf ihre Kosten kommen. Als Beispiel nennt sie Jakobsmuschel, mit Spinat in einen Frühlingsrollenteig gewickelt.

Das Paradies gefunden

«Ich liebe Lebensmittel.» Sie gehe lieber auf den Markt das Angebot anschauen, als Schuhe in Schaufenstern. Sie lese Kochbücher, besuche öfters andere Betriebe um sich über deren Konzepte zu informieren, und: «Ich klaue auch manchmal Ideen von den Speisekarten. Dabei überlege ich mir immer, warum welche Speisen auf der Karte stehen.» Sie habe viele Kontakt zu Punkte-Köchen, schwärmt aber insbesondere von ihrem Koch Peter Atzinger, der ihre Ideen und Wünsche umsetzt. «Alles macht er selber. Bei uns gibt es keine Bouillonwürfel in der Küche.» Damit habe sich der «Seeblick» positioniert und locke Gäste von Langenthal bis Schönbühl an.

«Ich habe ein tolles Einzugsgebiet.» Der «Seeblick» kann auf Besucher aus der ganzen Schweiz zählen, auch aus der Heimat von Evi Schweizer. «Sicher zweimal in der Woche kommen Walliser mich besuchen, weil sie wissen, dass ich hier bin. Heute etwa kam ein Musiker von Stefanie Heinzmann, der Konzertlokale rekognosziert.» Und auch Firmen aus dem Oberaargau wie Glas Trösch oder Bystronic haben das kleine Hotel am See mit den sechs Zimmern für ihre Kunden entdeckt.

Auf dem Boden bleiben

Und dennoch achte sie darauf, mit dem Restaurant nicht abzuheben. Eiscafé, Fischchnusperli und ein Sandwich bleiben ebenso auf der Karte wie das Wiener Schnitzel und das Cordon bleu. «Wir versuchen einfach, immer einen kleinen Schritt weiterzugehen.»

Sie liebe die Region und sagt von sich selber: «Ich bin angekommen. Das hier ist für mich ein Paradies geworden.» Die grösste Ehre für die Walliserin sei aber ein Angebot der Einheimischen gewesen. Sie wurde ins OK der Burghofnacht eingeladen, was sie mit Stolz erfülle.