Jahresrückblick
Alte Industrieareale erfreuten sich Beliebtheit - die Grossfusion weniger

Viele ehemalige Industrieareale erhalten neue Nutzungen, das Projekt «Top5» ist grandios gescheitert und beschäftige in der Region Hundertschaften. Wir werfen einen Blick auf die Highlights der Bezirke Lebern, Bucheggberg und Wasseramt von 2015.

Urs Byland, Rahel Meier und Christof Ramser
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Die Vorbereitungsarbeiten für das Biogen-Projekt in Luterbach laufen Ende Oktober auf Hochtouren. (Archiv)

Die Vorbereitungsarbeiten für das Biogen-Projekt in Luterbach laufen Ende Oktober auf Hochtouren. (Archiv)

Hanspeter Baertschi
Das Gebäude von Global Warehouse in Derendingen

Das Gebäude von Global Warehouse in Derendingen

Hanspeter Bärtschi

Das war nicht zu erwarten. Dass so rasant ein grosser Teil des Areals der Industriealtlast Cellulose Attisholz, der späteren Zellstofffabrik Borregaard, eine Zukunft finden würde. Nach der Schliessung der Zellstofffabrik und dem Scheitern des Projektes im Attisholz Süd ein Holzcluster mit Grosssägerei (Schilliger), Holzheizkraftwerk und Pelletfabrik (AEK) aufzubauen, folgte eine weitsichtige Planung im Auftrag des Kantons, die bereits in diesem Jahr unerwartete Erfolge feiern durfte.

Am 30. Juni fiel erstmals der Name des amerikanischen Biotechnologiekonzerns Biogen. Heute, ein halbes Jahr später, liegt ein Baugesuch für die erste Etappe auf. Das ging schneller, als wenn Herr Solothurner ein Gartenhäuschen bauen will. «Biogen» investiert eine Milliarde Franken und könnte zum Segen für eine ganze Region werden.

Im Schatten der Grossansiedlung haben zwei Firmen ihre weitere Tätigkeit in Attisholz Süd bekräftigt. Die Bahnwagenunterhalts-Firma CT-X Rail Service AG verschiebt im Rahmen der «Biogen»-Ansiedlung ihre Anlage und baut zwei Industriehallen mit Bürotrakt und 13 Gleisen.

Die Vigier Beton Mittelland AG konzentriert diverse Aktivitäten auf dem Areal Attisholz Süd, dazu gehören die Altholzaufbereitungsanlage in Zuchwil, die Betonzentrale Zuchwil, die Betonzentrale Flumenthal sowie das Annahmezentrum Kiesofenhalle Attisholz Nord. Bestehen bleiben das Kieswerk Attiswil, die Inertstoffdeponie Attisholz sowie der dortige Recyclingplatz. Für das Cleantechcenter werden zwei Hallen, ein Betonwerk und ein Bürogebäude erstellt. Das Projekt steckt momentan in der Gestaltungsplanphase.

Zellstoff im Attisholz Nord

Auf der anderen Seite der Aare wurde die Grossansiedlung mit Freude zu Kenntnis genommen. Die Entwicklung des Industrieareals mit den umgebenden Villen ist ein langwieriges Projekt.

Gut möglich, dass «Biogen» dem Ganzen Auftrieb gibt. Auf dem Industrieareal wurden die Produktionsanlagen entfernt. Es stehen noch die alten Industriegebäude, die zwischen genutzt werden.

Aktuell dienen die Gebäude als Lagerraum oder der Kulturszene für vielfältige Projekte. Auch Solothurns Partymacher Markus Moerler hat das Gelände entdeckt und organisiert im Attisholz Nord unter dem Label «Zellstoff» Partys in einer Industriehalle.

Globales Möbelhaus

Die grösste Ansiedlung zumindest in Bezug auf das Volumen, die in diesem Jahr abgeschlossen wurde, steht auf dem Wissensteinfeld in Derendingen. Auf dem Gelände mit 80 000 Quadratmetern steht neben der Autobahn eine Halle mit den stolzen Ausmassen von 313 mal 212 Metern und einem Bruttoraumvolumen von über 600 000 Kubikmetern. Die Firma Global Warehouse Schweiz, Teil der Steinhoff-Gruppe, errichtete ein riesiges Lagergebäude, in dem der Spezialist für den Möbel- und Fachhandel Waren für seine Kunden wie die eigene Conforama oder die Lipo lagert und ausliefert.

Ehemalige Spinnerei-Areale
Nicht weit entfernt, in Derendingen ist ebenfalls der Bagger aufgefahren. Abgerissen wurden die letzten Bauten der früheren Kammgarnspinnerei und -weberei Schoeller. An ihrer Stelle baut Credit Suisse eine Halle für die Bedürfnisse der bereits ansässigen DHL Logistics AG, einem Güterbeförderungsbetrieb.

Für die Besitzer der Liegenschaften in der nahen, unter Denkmalschutz stehenden, früheren Arbeitersiedlung Elsässli kam es dicke. Das Bundesgericht hatte entschieden, dass sie für den Aushub der belasteten Gartenböden nicht den Kanton belasten können. Derendingen macht aber auch aus einem anderen Grund auf sich aufmerksam.

Der Souverän genehmigte ein 36,5 Millionen-Bau mit Dreifachturnhalle und Annexbauten in der künftigen Mitte des Dorfes bei den zwei Kirchen. Und in Planung ist eine grosse Überbauung im Emmenhof, früher ebenfalls ein Industrieareal mit einer Baumwollspinnerei. Dort besteht die Absicht, ein Hochhaus zu bauen, was zu vielen Einsprachen im Planverfahren führte.

Mischnutzung

Auch Zuchwil hat ehemalige Industrieareale, die neuen Nutzungen zugeführt werden müssen. Erfolgreich ist die Swiss Prime Anlagestiftung mit der riesigen ehemaligen Sulzer-Halle, wo früher Webmaschinen zusammengebaut wurden. Gerade hat die Nachfolgefirma Itema ihren Mietvertrag verlängert. Zudem wird das angrenzende Areal in ein Wohnquartier verwandelt. Die nahe Widi soll dazugeschlagen werden, was aber von den dort trainierenden Sportvereinen kritisiert wird.

600 Stimmberechtigte strömten an die Gemeindeversammlung in Biberist.

600 Stimmberechtigte strömten an die Gemeindeversammlung in Biberist.

Hanspeter Bärtschi

Top 5, Flop 1, oder ein Dreierpakt von Solothurn, Biberist und Zuchwil? Heftig wurde über die Grossfusion spekuliert. Am Ende hiess es: nichts davon. Von den fünf Gemeinden Biberist, Derendingen, Luterbach, Solothurn und Zuchwil, die Anfang 2015 noch zum Zusammenschluss bereitstanden, blieben nach den Gemeindeversammlungen im Dezember bloss Solothurn und Zuchwil übrig. Aus der Traum von der Grossfusion.

Nachdem das Geschäft in der ersten Jahreshälfte bloss Schulterzucken provozierte, erwachten im Herbst die Gemüter. Untergangspropheten sagten mit der Fusion den Verderb des Gemeinwesens voraus, andere lobpreisten das Projekt zielblind als Lösung aller bisherigen und folgenden Probleme.

Roland Stadler hatte die Nase vorn

Es war ein langer und intensiver Wahlkampf um die Nachfolge für das Gemeindepräsidium in Bellach. Am Ende konnte der freisinnige Roland Stadler mehr Stimmen auf sich vereinigen und er tritt am 1. Januar 2016 die Nachfolge von Anton Probst an. Stadler trat im Wahlkampf selten öffentlich auf und verliess sich darauf, dass ihn die Wähler von seiner langjährigen Arbeit im Gemeinderat her genug kennen.

Newcomer Martin Röthlisberger, der von der SP schon im Februar für das Gemeindepräsidium portiert wurde, holte sich in Bellach aber mit seinem Wahlkampf, in dem er viel Präsenz markierte, viele Sympathiestimmen. Er vertrat vor allem in den Bereichen Verkehr und Finanzen eher linke Ansichten, die ihn klar von seinem freisinnigen Gegenkandidaten abhoben. (rm)

Trotzdem wurde man in Biberist vom Ansturm überwältigt. Fast 600 Personen wollten dabei sein, als es um Sein oder Nichtsein der bisherigen Kommune ging. Der Gemeindepräsident wollte längst zur Begrüssung ansetzen, als die Menschen am Eingang zur Biberena noch immer in der Schlange standen.

Stühle wurden vom Stapel geholt, und als die 500 vorgedruckten Stimmkarten restlos verteilt waren, behalf man sich mit Papierschnitzeln.

Versöhnlich beim Bier

Hochemotional wurde dann in den fünf Gemeinden diskutiert. Im Halbstundentakt trafen auf dem Online-Portal der Solothurner Zeitung die Resultate ein. Derendingen Nein, Biberist Nein, Zuchwil Ja, Luterbach Nein, Solothurn Ja.

Relativ knapp war der Entscheid einzig in Luterbach. Alle anderen Versammlungen entschieden sich deutlich für oder gegen das Eintreten.

Was bleibt vom denkwürdigen Abend? In Luterbach machten Wendehälse von sich reden, die im Gemeinderat für und vor der Stimmbevölkerung gegen das Eintreten votierten.

In Biberist prosteten sich nach der Versammlung mit Martin Blaser und Markus Dick die beiden prominentesten Befürworter und Gegner mit einem Bier zu. Und in Derendingen erwachte durch den Fusionsprozess ein neues Selbstbewusstsein. Man will nun als aufstrebendes Dorf zum Wasserämter Zentrum werden.

«Jetzt erst recht», hiess es Mitte Dezember beim Rest der Steuerungsgruppe. In Zuchwil, wo der Gemeinderat die Fusion ablehnte, wollte man zwar nicht auf die Parole zurückkommen. Bei einigen fand dennoch ein Meinungsumschwung statt. Zuletzt sprach man gar von einem Steuerfuss von 115 Prozent.

Die Anlage der Familie nahe dem Steinbruch Bargetzi in Rüttenen. (Archiv)

Die Anlage der Familie nahe dem Steinbruch Bargetzi in Rüttenen. (Archiv)

Hanspeter Bärtschi

Kurz vor Weihnachten flatterte die schlechte Nachricht in Form einer gerichtlichen Verfügung in das Mobilheim in Rüttenen. Die jenische Familie Huber, seit fast 30 Jahren hinter dem Steinbruch Bargetzi zu Hause, wird weggewiesen.

Bis zum 4. Januar 2016 muss sie ihre Bauten demontieren und den Platz sauber hinterlassen, sonst droht eine polizeiliche Räumung. Die Empörung unter der Gemeinschaft der Fahrenden war gross.

Dass eine Familie über Weihnachten weggewiesen werde, sei «ungeheuerlich», vermeldete die Radgenossenschaft der Landstrasse. Die Familie von Charles und Gabriela Huber mit ihrem Sohn Charles junior sieht sich «ins Nichts gestossen».

Überraschend kam der Gerichtsentscheid indes nicht. Bereits seit Ende 2014 hätten die ehemaligen Fahrenden den Platz verlassen müssen. Die Bürgergemeinde Solothurn als Landbesitzerin duldete die Familie allerdings so lange, bis der Kanton Solothurn einen Standplatz gebaut hat.

Fündig wurden die Behörden im Schachen Deitingen/Flumenthal. Man wolle dort einen «Vorzeigeplatz» schaffen, sagte Rolf Glünkin vom Raumplanungsamt im Frühling gegenüber dieser Zeitung.

Unter eine Hochspannungsleitung mochten die Jenischen allerdings nicht zügeln – und lehnten den Standplatz im Schachen kategorisch ab. Andere Projekte waren am lokalen Widerstand gescheitert. Schliesslich riss bis bei der Bürgergemeinde der Geduldsfaden. Und Hubers verbrachten die Festtage mit der Wohnungssuche.

Der Golfplatz in Aetingen/Luterbach

Der Golfplatz in Aetingen/Luterbach

AZ

Der Golfplatz im Limpachtal erhielt eine neue Besitzerin. Besitzer Rudolf Schnorf verkaufte einen Teil seiner Aktien an die Genossenschaft Migros Aare. Das führte zu Unruhe unter den Stammbesuchern des Golfplatzes in Aetingen.

Sie befürchteten, dass nun Krethi und Plethi den Golfplatz überschwemmen würde. Das sei nicht die Absicht, versicherte die neue Besitzerin. Der andere Golfplatz in der Region erweiterte im Jubiläumsjahr – 20 Jahre Golfplatz Wylihof – die Anlage im Süden.

Der Mülacker in Lüsslingen-Nennigkofen

Der Mülacker in Lüsslingen-Nennigkofen

Urs Byland

Es verging kaum eine Sitzung des Gemeinderates Lüsslingen-Nennigkofen, in der nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit über den Gestaltungsplan Mühlacker gesprochen wurde. Mit allen Mitteln wurde versucht, das Projekt der Wohnbaugenossenschaft am Bach und der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Kirschblüte im Mühlacker zu verhindern.

Einen ersten Höhepunkt fand das Seilziehen zwischen den beiden Parteien an der Gemeindeversammlung Ende Mai, an der über das Räumliche Leitbild entschieden wurde. Weder die Eingaben in der Mitwirkung noch die Einwendungen an der Versammlung fanden Gehör. An der Versammlung wurde das Leitbild deutlich angenommen, worauf die anwesenden Mitglieder der Kirschblüten-Gemeinschaft den Raum demonstrativ verliessen.

Erfolg hatten die Genossenschaften aber bei den kantonalen Behörden. Mitte August lehnte der Regierungsrat zwar die Rechtsverweigerungsbeschwerde der Genossenschaften ab, machte gleichzeitig aber deutlich, dass der Gestaltungsplan Mühlacker nach geltendem Recht aufgelegt werden müsse und es nicht angehe, das räumliche Leitbild anzuwenden, ohne dass die Ortsplanung verabschiedet ist.

Seither wird am runden Tisch über den Gestaltungsplan verhandelt. Stein des Anstosses ist weiterhin die Wohnnutzung. Die Gemeinde möchte eine solche von 25 Prozent, die Kirschblüten reden von 40 Prozent.