Er gehört ganz einfach zu Deitingen: der Schachen. Die Ebene an der Aare ist Standort der Justizvollzugsanstalt, bald von Standplätzen für Fahrende und wahrscheinlich einer Unterkunft für Asylsuchende. Eigentlich liegt das Gebiet auf Flumenthaler Boden. Wer aber dort lebte oder arbeitete, richtete sich stets nach Deitingen aus.

Derzeit steht das Areal zwischen grünblauem Aare- und grauem Autobahnband im Fokus. Am 29. Juni informieren Bund, Kanton und Gemeinde über das geplante Asylzentrum. Wir blicken zurück auf die bewegte Geschichte.

Seit 1835 steht im Schachen ein Gefängnis. Der gesellschaftliche Wandel spiegelt sich in der geänderten Bezeichnung der Institution. 1886 wurde die Zwangsarbeitsanstalt in Betrieb genommen. Ab 1954 hiess sie Arbeitsanstalt, später nur noch Anstalt. 1990 wurde sie zum sozialpädagogischen und therapeutischen Zentrum. Letztes Jahr schliesslich eröffnete der Kanton Solothurn die neu gebaute, geschlossene Justizvollzugsanstalt. Zwischen 1925 und 1963 war der Schachen überdies eine Frauenanstalt.

Arbeitsscheue und Müssiggänger

1870 wurde im Solothurner Kantonsrat über eine kantonale Anstalt für «Müssiggänger» und «Arbeitsscheue» debattiert. Sie waren den Gemeinden lästig. Wer einen «liederlichen Lebenswandel» pflegte, wurde administrativ versorgt. Manchmal wählten Angehörige der mittellosen Unterschicht – Taglöhner und Landarbeiter – Gefängnisse während der Winterzeit freiwillig als Zufluchtsort. Sie provozierten den Aufenthalt mit Diebstählen.

Der Regierungsrat wollte jedoch nichts von einer solchen Anstalt wissen. Sie sei zu teuer und die Aussichten auf Erfolg der Massnahmen zu gering. Diese Haltung änderte sich rasch. Schon am 27. Januar 1884 hiess die Kantonsbevölkerung in einer Volksabstimmung ein Gesetz gut, das den Aufbau und Betrieb einer Zwangsarbeitsanstalt zum Ziel hatte.

Eine Anforderung an den Standort war, dass die Insassen nicht übermässig mit der übrigen Bevölkerung in Kontakt kamen. Auf dem Schachengut fand der Kanton den idealen Platz. Das Landstück entlang der Aare zwischen Deitingen und Flumenthal gehörte früher den Familien Zeltner und Vogelsang. Die Kosten für den Landkauf betrugen 68 000 Franken. Am 1. Juni 1886 nahm die Anstalt den Betrieb auf.

«Kantonale Vagantenschule»

Gründe für eine Einweisung waren Arbeitsscheu, Trunksucht, «Vagantität» oder Vernachlässigung der Familienpflichten. Den Entscheid über die Einweisung fällte damals nicht ein Richter, sondern der Regierungsrat auf Antrag von Verwandten oder der Heimatgemeinde. Schon bald produzierten die Insassen Lebensmittel, die auf dem Markt verkauft wurden. Weil es zu Beginn an Arbeitskräften mangelte, wurden kurzerhand Schuldner von Militärersatzabgaben und Geldbussen zur Zwangsarbeit abkommandiert. Erst später wurde diese Praxis vom Bundesgericht als unstatthaft erklärt. 

Die Resozialisierung war bereits damals ein Ziel; die «verkommenen Leute» sollten wieder in die «menschliche Gesellschaft» eingegliedert werden. Allerdings war damals nicht die Besserung der Hauptzweck, sondern der Schutz der staatlichen Ordnung. Einen guten Ruf genoss die Zwangsarbeitsanstalt nicht. Ein ehemaliger Bewohner bezeichnete sie als «kantonale Vagantenschule».

Nach der Jahrhundertwende stieg die Zahl der Inhaftierten rasch an. Bald mangelte es im «Schachen» an Beschäftigungsmöglichkeiten. So bauten Schachen-Insassen Wege und verrichteten Wald- und Holzerarbeiten in Beinwil, arbeiteten in der internen Korbflechterei oder der Cellulose-Fabrik Attisholz. In den 1960er-Jahren halfen sie beim Bau der nahen Autobahn, später wurden sie bei Firmen wie Autophon, Scintilla oder Schaffner beschäftigt.

Als «Abfalleimer» bezeichnet

Weil Trinker, «Arbeitsscheue» oder «Verwahrloste» aufgrund ausgebauter Grundrechte später nicht mehr ohne weiteres kriminalisiert werden konnten, wurde der fürsorgerische Freiheitsentzug im Schachen zunehmend infrage gestellt. Eine Umwandlung in den Strafvollzug mit Halbgefangenschaft lehnte die Solothurner Stimmbevölkerung jedoch im Jahr 1984 ab. Gerettet wurde danach die Institution durch die Umwandlung in ein sozialpädagogisches und therapeutisches Zentrum.

Letztes Jahr wurde schliesslich der Neubau der Justizvollzugsanstalt eröffnet. Dort gibt es Platz für 96 Straftäter mit hoher Flucht- oder Rückfallgefahr. Von ihnen kriegt die Deitinger Bevölkerung nichts mit. Sie sind hinter Gitter gesperrt. Anders ist es mit den Fahrenden, die sich demnächst im Schachen niederlassen. Sie können sich auf die Bewegungsfreiheit berufen. Ebenso die Asylsuchenden, die nach der Schliessung des Zentrums Fridau in Egerkingen im Schachen Quartier beziehen sollen. Geplant ist ein kantonales Asylzentrum, das später vom Bund übernommen werden könnte.

Straftäter, Fahrende, Asylsuchende – diese Mischung brachte Gegner dieser Nutzung kürzlich dazu, den Schachen als «Abfalleimer» des Kantons zu verunglimpfen. Das Uferland an der Aare bei Deitingen gibt weiterhin zu reden. Das nächste Mal am 29. Juni.

Quellen: Geschichte des Kantons Solothurn 1831–1914. Der «Schachen» – eine Institution im Wandel der Zeit, in: Über Geschichte und Landschaft der Gemeinde Deitingen.