Nazihotspot
Als «Die Männer von Zuchwil» Widerstand gegen die Nazis leisteten

Vor 80 Jahren organisierten sich die Einwohner von Zuchwil, um sich gegen die Nazis zu wehren.

Lara Frey
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Titelkomposition zum Bericht «Die Männer von Zuchwil» im «Schweizer Spiegel» aus dem Jahr 1939

Titelkomposition zum Bericht «Die Männer von Zuchwil» im «Schweizer Spiegel» aus dem Jahr 1939

zvg

Zuchwil ist eigentlich nicht sonderlich bekannt für militante Politiker und aufmüpfige Arbeiter. 1939 bewies sich die Wasserämter Gemeinde jedoch in zivilem Widerstand und zeigte, wie wenig Nationalsozialisten im Dorf geduldet wurden.

Die Patronenfabrik Solothurn AG ist 1939 die Ernährerin von 250 Arbeitern und deren Familien in Zuchwil. Dies in einer Zeit, in der die Arbeitslosigkeit schweizweit einen Höchstwert erreicht. Die Arbeit in der Fabrik ist überlebenswichtig für die Zuchwiler Familien. Dass die Fabrik in den Händen des Hitlerregimes liegt (Hermann-Göring-Konzern), ist eine unschöne Tatsache. Das Brot zwischen den Zähnen ist aber vielen wichtiger als die Moral.

Werkführer der Fabrik ist Werner Schaad, ein Opportunist, der in der ausweglosen Situation der Fabrikarbeiter die Chance auf eine Beförderung wittert. Um bei der nationalsozialistischen Direktion der Fabrik positiv aufzufallen, beginnt er, faschistische Propaganda im Betrieb zu verbreiten und Arbeiter, die sich wehren, zu schikanieren und zu entlassen.

Nazihotspot der Schweiz

Einige Arbeiter melden sein Verhalten bei der Polizei, diese begnügt sich jedoch mit einer Kenntnisnahme und unternimmt nichts. Die Nationalsozialisten, mit denen Schaad die entlassenen Arbeiter ersetzt, scharen sich um den Betriebsleiter, der auch ausserhalb der Fabrik beginnt, Naziversammlungen zu organisieren, die Leute aus der ganzen Deutschschweiz anziehen. Zusammen gründen sie den «Deutschen Hilfsverein»; der Name ist nichts anderes als ein schlecht getarnter Euphemismus für die nationalsozialistische Partei. Das Tragen von Hakenkreuzenabzeichen wird zur Normalität, die «Verbrüderung mit dem deutschen Volk» wird gefordert.

Schliesslich greift der Regierungsrat ein und beauftragt die Direktion der Waffenfabrik, Schaad zu entlassen. Die Kündigung setzt aber seinem Treiben kein Ende, Schaad geht weiterhin ein- und aus in der Fabrik und verbreitet die Naziparolen. In der Freizeit reist er in andere Kantone, um auch da Propaganda für Hitlers Nationalsozialisten zu machen.

Einstimmig gegen Nazis

Es sind schliesslich die Einwohner Zuchwils, die Schaad Einhalt gebieten: Ein interparteiliches Komitee ruft zu einer öffentlichen Kundgebung «zur Bekämpfung der nationalsozialistischen Umtriebe in Zuchwil» ein. 500 Einwohner von Zuchwil nehmen an der Kundgebung teil, unter ihnen auch Frauen und Kinder, denen an diesem Abend auch das Stimmrecht gewährt wird. Einstimmig verabschieden sie eine Resolution, die vom Regierungsrat verlangt, Schaad die Fabrik nicht mehr betreten zu lassen und «Massnahmen zur gänzlichen Unterdrückung nationalsozialistischen Tätigkeiten innerhalb und ausserhalb der Waffenfabrik» zu treffen.

«Jede nationalsozialistische Betätigung oder ähnlich Bestrebung» darf in Zuchwil nicht mehr geduldet werden. Die Arbeiter der Fabrik organisieren sich in einem Initiativkomitee, das fordert, sämtliche nationalsozialistischen Arbeiter aus der Fabrik endgültig zu verbannen. Die Direktion sieht sich gezwungen, den Forderungen nachzugeben, und an Stelle der Faschisten werden die von Schaad entlassenen Arbeiter wieder eingestellt.

«Erhebendes Beispiel»

Das Vorgehen der Zuchwiler Bevölkerung wird in vielen schweizerischen und ausländischen Zeitungen kommentiert. Im Juli 1939 erscheint im «Schweizer Spiegel» ein Bericht, der das Wirken der Zuchwiler als «erhebendes Beispiel» lobt. Es sei eine «machtvolle Kundgebung, die es verdient, im ganzen Schweizerland ein würdiges Echo zu finden», so der Berichterstatter. Gelte es doch, dem an der Grenze stehenden Nazi Widerstandswillen zu zeigen.