Zuchwil

Als Baby im Kijuzu – nun betreut er dort selber Kinder

Die Kinder auf der Gruppe spielen gerne mit Can Ekinci. Anfängliche Berührungsängste seinerseits sind längst verflogen.

Der 16-jährige Can Ekinci absolviert im Zentrum für Kind und Jugend in Zuchwil ein Praktikum. Er wurde als Kleinkind auch schon im Zentrum betreut.

Es dauert eine Weile, bis Can Ekinci Zeit für ein Gespräch hat. Er sei noch beim Einschlafen mit den Kindern, erklärt eine Mitarbeiterin. Es ist kurz nach dem Mittagessen. Die Kinder im Zentrum Kind und Jugend Zuchwil (Kijuzu) halten Mittagsschlaf. Dann öffnet sich eine Türe und heraus tritt ein Junge, der eine völlig andere Erscheinung hat, als man erwartet.
Die Geschichte von Can Ekinci ist aus vielen Gründen eine besondere. Etwa weil er sich als Mann in eine Berufsdomäne von Frauen begibt. Der 16-Jährige mit den dunklen Locken absolviert im Kijuzu ein Praktikum. Oder weil er türkische Eltern hat. Oder weil Can Ekinci als Kleinkind auch schon im Kijuzu betreut wurde.

Can Ekinci ist Zweitgeneratiönler. Seine Grosseltern kamen in die Schweiz. Ihre Kinder gründeten hier eine Familie. Dass nun deren Sohn eine Ausbildung im sozialen Bereich anstrebt, ist nicht ganz selbstverständlich. «Nach der obligatorischen Schule war ich unschlüssig, in welche Richtung ich ausgebildet werden wollte.» Er hat als Automechaniker geschnuppert oder als Strassenarbeiter und noch in viele andere Berufe hineingeschaut, aber nichts hat ihn angesprochen.

«Sie hat mir Mut gemacht»

Seine Heilpädagogin, die ihm Stützunterricht gab, weil es ihm schwerfiel sich zu konzentrieren, stand am Ursprung von Can Ekincis Berufswunsch. «Sie hat mich immer wieder gepuscht und mir Mut gemacht: ich sei ein sozialer Mensch und könne gut Geschichten erzählen.»

Wie entwickelte sich daraus sein Berufswunsch? In der Normalschule arbeitete Can Ekinci an seinem Abschlussprojekt, das er allen Mitschülern präsentieren sollte. «Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich machen könnte», erzählt er. Seine Heilpädagogin gab ihm nach vielen Gesprächen den Ratschlag, auch im Zusammenhang mit der Berufssuche, ein Puppentheater zu kreieren. Also baute Can Ekinci ein Puppenhaus und Stabpuppen. Er malte Bilder für die Szenerien und setzte die Geschichte um, die ihm seine Heilpädagogin zuhielt.

«Am Anfang war ich sehr skeptisch und habe mich auch, muss ich ehrlicherweise sagen, geschämt beim Gedanken, ein Puppenspiel vorzuführen.» Für eine Testaufführung suchte er einen Aufführungsort und fragte Sybille Christen, Leiterin des Kijuzu. Er kennt sie, wurde er doch schon als Baby von seinen Eltern erstmals im Kijuzu zur Betreuung abgegeben. Ekinci besuchte die Institution, bis er vier Jahre alt war, und seine Mutter nach Langendorf umzog, die dann später mit ihm wieder nach Zuchwil zurückkehrte. «Zuchwil ist meine Heimat. Hier habe ich meine Kollegen.»

Can Ekinci überwindet sich

Es habe ihn extrem viel Überwindung gekostet, das Puppenspiel zu zeigen, sagt er. Die Kinder, die ihm fremden Betreuenden und auch seine Mutter schauten zu. Heute muss er schmunzeln. Es sei dann trotzdem gut gekommen. Je länger er das Puppenspiel vorführte, umso mehr Spass bekam er daran. Im Kijuzu wurde zu diesem Zeitpunkt das Angebot frei, in dem ein junger Mensch ein Berufsvorbereitungsjahr absolvieren kann. Can Ekinci nahm die Gelegenheit wahr und suchte gleich nach dem Puppentheaterspiel – «nachdem ich mich etwas beruhigt habe» – die Kijuzu-Leiterin auf und drückte ihr die Bewerbung in die Hand.

Zwei Tage später – Can Ekinci sass mit Mitschülern draussen über einer Malarbeit und zeichnete einen Baum ab – rief Sybille Christen zum Fenster des nahen Kijuzu hinaus ihm zu, «das weiss ich noch ganz genau», er könne dann nächsten Monat drei Tage lang zu ihr im Betrieb schnuppern kommen. Dann ging es schnell. Ekinci durfte das Berufsvorbereitungsjahr im Kijuzu machen. Dieses beinhaltete zwei Tage Schule in Olten und drei Tage Arbeiten im Kijuzu. Auf weitere mögliche Schnuppertage verzichtete er und auch Bewerbungen schrieb er keine mehr. Er hatte gefunden, was er suchte. Als er das Jahr abgeschlossen hatte, erhielt er die Praktikumsstelle im Kijuzu, die noch bis Sommer 2019 dauern wird. Einmal in der Woche besucht er das Bildungszentrum Kinderbetreuung in Zürich, damit ihm im Kijuzu nicht die Decke auf den Kopf fällt. Und nun steht er vor dem Entscheid, ob er eine dreijährige Lehre am Kijuzu starten darf.

Sein Vater schaute ungläubig

Jetzt muss er nicht Autos sondern darf Kinder pflegen. «Am Anfang war es heikel, beispielsweise wenn ich ein Kind nach der Toilette waschen musste. Jetzt ist es normal.» Man sage, er könne es gut mit den Kindern, erzählt er. Als er seinen Vater über seinen Berufswunsch informierte, habe ihm dieser zuerst nicht geglaubt. «Dann war er aber schnell einverstanden, solange ich eine Lehre in der Schweiz mache.» Auch die Kollegen haben ihn deshalb aufgezogen, aber Can Ekinci konnte zurückgeben. «Ihr kommt immer dreckig heim und müsst schuften, habe ich sie geneckt.»

Die Arbeit im Kijuzu sei abwechslungsreich. An diesem Morgen beispielsweise habe er einen Teig geformt, mit dem er am nächsten Tag mit den Kindern Guetzli backen will. «Am Tag darauf malen wir vielleicht, und dann gehen wir wieder einmal in den Wald. Es läuft immer etwas. Mir wird kaum je langweilig. Ich mache vieles gern, und es gibt hier nur wenig wirklich unangenehme Dinge.» Was dazu zählt, hat er schon verraten.

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