Kettenreaktion 19

«Alles futsch?» Auf dem Attisholz-Areal wird auf harte und sanfte Konfrontation gesetzt

«Alles futsch?», fragt Claudia Brander aus Fulenbach.

Künstlerinnen und Künstler aus der Region spielen in der Ausstellung Kettenreaktion 19 auf dem Attisholz-Nord-Areal mit.

«Kettenreaktion Attisholz» – ein gefährlicher Industrieunfall? Nein, nicht im Geringsten. Hinter dem, auf den ersten Blick vielleicht erschreckenden, Namen verbirgt sich eine Kunstausstellung auf der Industriebrache der ehemaligen Cellulosefabrik. Über sechzig Kunstschaffende haben Werke geschaffen, in denen sie ihre Wünsche, Visionen, Ideen, aber auch Kritiken am Attisholzareal einbringen.

Unter ihnen befindet sich auch die Solothurner Künstlerin Kristin Wirthensohn. Sie macht in ihren Fotokompositionen «Alles im Fluss» auf die Verwandlung des Industrieareals aufmerksam und unterstreicht gleichzeitig die überlebenswichtige Bedeutung sauberen Trinkwassers. Da die Cellulosefabrik jahrelang die Aare mit Chemikalien vergiftet hat, schwingt im Titel ihres Projektes auch eine kritische Doppeldeutigkeit mit.

Kristin Wirthensohn stellt an der Kettenreaktion 19 aus. "Alles im Fluss"

«Alles im Fluss» bei Kristin Wirthensohn.

Kristin Wirthensohn stellt an der Kettenreaktion 19 aus. "Alles im Fluss"

Konfrontationen verschiedener Art

«Ich wollte etwas bringen, das zum Gelände passt und zum Nachdenken anregt», berichtet Wirthensohn. Ihre Fotokompositionen sind in einem offenen Buch in einem abgetrennten Raum im Pavillon zu betrachten. «Dieser abgetrennte Raum im Raum symbolisiert die saubere Atmosphäre und zeigt das Spannungsfeld zwischen der schwierigen Geschichte des Areals, insbesondere der Wasserverschmutzung, und der ausgestellten Sauberkeit», so Wirthensohn.

Auch Claudia Brander möchte die Besuchenden zum Nachdenken anregen. Die Künstlerin aus Fulenbach setzt dabei auf «sanfte Konfrontation» mit grundlegenden Fragen wie «Brauchen unsere Enkel noch Schmetterlinge?» oder «Müssen wir uns bald eine neue Erde suchen, weil diese nicht mehr zu retten ist?»

Das Attisholzareal bezeichnet Brander als magischen Ort für Künstler und Besucher, selten habe sie solch eine grosse künstlerische Freiheit erlebt wie hier. «Attisholz hat etwas Urbanes. Es ist aussergewöhnlich und individuell. De Besucher sind offen für Neues, hier verschmelzen verschiedene Kulturen, Lebensweisen, Ideen und Einstellungen. Das Areal versprüht ein spezielles Gefühl von Freiheit – man lässt Kunst in jeder Form zu.»

Unterhaltungsindustrie im Attisholz-Areal

Eine kritisch angehauchte Seite schwingt in der Kunstinstallation von Lea Fröhlicher (Solothurn) und Olivia Hegetschweiler (Zürich) mit. Die beiden Künstlerinnen haben ein Büro eingerichtet, in dem «Adventureangebote», wie zum Beispiel Bungee-Jumping vom Turm, beworben werden. Im Hintergrund des Raumes sieht man aber noch Spuren der ursprünglichen Nutzung der Fabrik. Die Angebote sind in Realität nicht buchbar, die Kunstschaffenden machen so aber augenzwinkernd einen Seitenhieb auf die aktuelle Entwicklung des Areals. «Die Stichworte Unterhaltungsindustrie, Erlebnis-Kreationen, Spassgesellschaft und wirtschaftliches Wachstum spielen dabei wohl eine Rolle», erklärt Fröhlicher.

Wie sich das Areal momentan entwickelt, gefällt ihr jedoch. «Es ist ein inspirierender Ort, an dem viel möglich ist», sagt sie. Auch dass das Areal sich mit der Kultur und Kunst mitentwickelt und auf diese Weise zwischengenutzt wird, begrüsst sie.

«Ein Spielplatz für Kinder und für Erwachsene»

Sabrina Christ (Solothurn) ist begeistert vom Areal. «Das Gelände ist momentan noch ein Spielplatz, für Kinder und vor allem für Erwachsene. Hier treffen sich Menschen, inspirieren sich und daraus entsteht Neues – eine Kettenreaktion eben.» Die Künstlerin hat zusammen mit Yves Lavoyer (Solothurn) die Installation in der Säulenhalle geschaffen. Die beiden erzählen: «Wir fanden diese grosse Papierrolle in der Säulenhalle und haben aus dieser Formen kreiert und diese mit abgeschabten Graffiti untermalt, um die Graffitikultur auf dem Attisholzareal zu illustrieren.» Auch in diesem Prozess verstecke sich quasi eine Kettenreaktion, verrät Christ. «Die Rolle wurde von jemandem hingeschafft, von uns verändert und später wird sie von einem Tanzkollektiv verwendet werden.»

Die Arbeit auf dem Areal inspiriert die Kunstschaffenden. Lavoyer erzählt: «Was mich immer am meisten interessiert, ist es, dahin zu schauen, wo sonst niemand hinschaut. Der systematische Blick des Normalbürgers würde wohl die Schönheit auf dem alten Fabrikgelände nicht sofort entdecken. Künstlich beschönigen möchte ich aber nichts.»

Meistgesehen

Artboard 1