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Alle können sich an der Aare in Altreu vergnügen

In Altreu vergnügen sich Familien beim Baden ebenso, wie sich Velofahrer mit der Fähre über die Aare setzen lassen oder Senioren einen Schattenplatz im Gartenrestaurant suchen.

Beim Schnapsbrenner steht rund um das Gebäude kein einziges Fass mehr. Noch vor wenigen Monaten hätte niemand gedacht, dass all die Quitten vom Vorjahr in Hunderten von Plastikfässern jemals zu Schnaps verarbeitet würden. Es ist heiss. Die Menschen gehen im Schatten der Hecken. Über ihren Köpfen hecheln die Jungstörche in den flauen Wind. Die Ausflügler unten auf Altreus Strassen schauen kaum noch hoch. Sie suchen Schatten unter den Platanen im Gartenrestaurant des «Grüene Aff».

Seit Jahrhunderten ein Aareübergang

Auf einer Tafel wird erwähnt, dass seit dem 17. Jahrhundert eine Fähre zum Gebäude gehört, die zum Übersetzen auf die andere Aareseite berechtigt. Fährmann Sam Künti weiss noch genauer, dass schon seit dem 13. Jahrhundert hier eine Fähre übersetze.

Auch an diesem Nachmittag spülen Cars Pensionäre an die Gestade der Aare. Ihr Urteil ist klar: es gibt keine schönere Sitzgelegenheit mit Ausblick auf das Treiben auf der Aare. Ursprünglich war ein Ausflug nach Solothurn geplant, aber die Hitze liess die Reisegesellschaft aus Möhlin umdisponieren.

Wirt Rajah Manikavasagar erklärt, dass die Platanen im 15-Jahre-Rhythmus ihre Rinde erneuern und deshalb heuer die Blätter klein seien. Er spendiert eine Fanta und ist guter Laune. Die Besitzerfamilie hat investiert und beim Gartenrestaurant eine stabile Ufermauer errichten lassen, die in ihrer Ausprägung an Befestigungen von Seestädten erinnert. Das Ufer wurde zudem mit runden Kieselsteinen ausgelegt. Eine Familie nutzt die neue Badegelegenheit. Der jungen Mutter gefällt die Materialisierung der Mauer nicht. Sieht aus wie Granit, ist aber Betonstein.

Auch der Kanton hat investiert. Ein neuer Bootssteg soll für mehr Ordnung, sprich weniger Boote entlang des Aareufers sorgen. Ein Bootsbesitzer feiert eine Party auf dem vertäuten Boot. Gemeinsam springt man ins kühlende Nass. Auf dem Campingplatz nebenan ist tote Hose. Fast. Beim letzten Stellplatz sitzt eine Frau beim Zelteingang und leimt ein altes Holzpuzzle mit der Schweizerkarte als Motiv auf ein Tischchen. Sie habe eine Vorliebe für Holzpuzzles.

Aufdringliche Fragen stören nicht

Der laute Gesang einer Amsel übertönt ihre Erklärung. Ein Schulungsflugzeug schwenkt über dem Campingplatz zum Flugplatz Grenchen ein. Es wird noch einige Male vorbeifliegen. Nein, die aufdringlichen Fragen würden sie nicht stören. Sie sei es gewohnt, dass die Leute hier entlang gehen und sich nach dem Weg erkundigen. Später erzählt sie, sie sei von Zürich Schwamendingen. Am Camperfenster flattert eine violette Fahne mit Frauensymbol. «Ja», erzählt sie, «ich war am Frauenstreik.» Ein Camperpaar schlendert mit einem Hund vorbei. Dort, wo man eigentlich nicht baden darf, so die Schwamendingerin, locken sie den Hund ins Wasser. Das wäre in der Badi nicht möglich. Und ans Badeverbot halte sich eh niemand. Es sei eine schöne Ecke hier, dieser Campingplatz.

Der Platzwart, bei dem man sich als Besucher des Campingplatzes melden soll, hält gerade seine Siesta. Auf einer Tafel steht seine Handynummer. Nebenan liegt das Infozentrum Witi. Trotz Hitze halten sich einige Besucher auf dem Gelände auf. Eine Familie macht einen Zwischenhalt. Sie waren in der Taubenlochschlucht. «Dort hat es Schatten.» Jetzt hat die Erinnerung sie hergelockt. «Ich war schon als Schülerin hier und wollte schauen, wie es aussieht. Auch meine Tochter war schon hier», so die Koppigerin. Die Gesellschaft aus Möhlin sitzt derweil abfahrbereit neben dem «Grüene Aff» im klimatisierten Bus. Die Reise geht heim in den Aargau.

Leute kommen sogar aus Zürich zum Baden

Der Uferweg zwischen dem Restaurant und dem «Sängli» führt an den von der Lage her privilegierten Villen vorbei. Beim voll besetzten Sandbadeplatz an der Aare gibt eine Hausbesitzerin ihrem grünen Wembleyrasen den Finish. Es habe sich gebessert, findet sie, nachdem die Gemeinde ein neues Reglement erarbeitet hat und Feuer machen oder Grillieren verboten ist. «Jetzt geht es. Die Leute dort stören mich nicht», erklärt sie über den grünen Maschendrahtzaun hinweg. Aber sie oder Nachbarn müssten immer noch einschreiten, wenn uneinsichtige Leute feuern wollten. «Das ist ärgerlich. Diese Rolle gefällt mir nicht.» Und man soll jetzt nicht wieder übers «Sängli» schreiben. Das würde nur Leute anlocken. «Heute macht man ein Foto und teilt dieses im Internet. Bis von Zürich kommen die Leute hierher.»

Zurück zum Platzwart «Bruno»: er hat seine Siesta beendet und bedient im Bistro einen Gast. Seit 30 Jahren ist er auf dem Campingplatz und weiss genau, wann es im «Sängli getätscht» hat. «Früher haben nur Einheimische dort gebadet. Dann erschien ein Bericht mit den schönsten Badeplätzen. Da hat es angefangen.» Ihm gefällt die neue Mauer beim «Grüene Aff». Der Campingplatz gehört derselben Besitzerfamilie. Das Campinggebäude sieht gar heruntergekommen aus. Ein neues wäre nicht fehl am Platz. Aber der Platzwart des Campingplatzes will sich nicht einmischen. Er hoffe, noch lange hier arbeiten zu dürfen, so der 78-Jährige. «Ich habe schon eine schöne Wohnung mit einem schönen Sitzplatz. Aber dort wäre ich alleine. Hier bin ich unter Menschen.»

Nachgefragt:

«Die Aare ist hier beinahe wie ein See»

Fährmann Sam Künti.

Fährmann Sam Künti.

Welche Arbeit beschäftigt Sie hier?

Sam Künti: Ich bin Fährmann und fahre primär zum Plausch. Damit machen wir den Menschen eine Freude. Wir sind Teil einer europaweiten Verbindung zwischen West, Süd und Ost.

Wie beschreiben Sie den Ort?

Es macht Spass, in einer wunderschönen Landschaft mit dem Jura im Rücken und dem Bucheggberg zu sein. Die Aare ist hier beinahe wie ein See. Der Blick weitet sich. Das gefällt mir.

Haben Sie hier einmal etwas Besonderes erlebt?

Das Interessanteste war wohl die Bergung der «Rousseau», als diese hier ans Ufer prallte, weil die Steuerung versagte. Natürlich nutzen immer wieder bekannte Persönlichkeiten die Fähre. Samuel Schmid war hier.

Später revidiert Sam Künti seine Aussage.

Wenn ich ehrlich bin, dann hat mich die Vegetation auf den vorgelagerten Inseln am stärksten beeindruckt. Diese wurden renaturiert. Anfangs waren es Steinwüsten. Von der Fähre aus konnten wir zuschauen, wie die Natur die Inseln zurückerobert hat.

Interview: Urs Byland

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