Lohn-Ammannsegg

«75 Prozent der unheilbar Kranken möchten zu Hause sterben»

Fachleute und Betroffene (von links) Reto Stampfli, Franziska Bögli, Verena Bürki, Beatrice Stank, Leni Hug, Christoph Cina und Reto Allemann.

Fachleute und Betroffene (von links) Reto Stampfli, Franziska Bögli, Verena Bürki, Beatrice Stank, Leni Hug, Christoph Cina und Reto Allemann.

100 Personen interessierten sich für den Anlass «Unheilbar krank – und jetzt?» rund um das Thema Palliative Care in Lohn-Ammannsegg.

Wie vernetzt die Aufgabe von Palliative Care ist, zeigte allein schon das Podium mit Fachleuten und Betroffenen. «Du bist bis zum letzten Atemzug deines Lebens wichtig. Wir werden alles tun, damit du nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt leben kannst.» Dieses Zitat stellte der Moderator, Reto Stampfli, an den Anfang des Podiumsgesprächs.

Er verdeutlichte damit die Aufgabe von Palliative Care (Betreuung und Behandlung von Menschen mit unheilbaren, lebensbedrohlichen und oder chronisch fortschreitenden Krankheiten). Die katholischen Pfarreien Biberist/Bucheggberg/Lohn-Ammannsegg und der Verein «palliativeCare Region Biberist» organisierten diesen Anlass in der Guthirtkirche zum Thema «Unheilbar krank – und jetzt?».

In einem Kurzreferat erklärte Spitalseelsorgerin Sybille Kicherer Steiner von den Psychiatrischen Diensten der Solothurner Spitäler AG den dazugehörenden Begriff «Spiritual Care». Er beinhalte die tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit, Sinn und Trost. Es gelte, die Ressourcen eines Menschen zu ergründen. «Was stärkt ihn, wo liegen die Quellen des Trostes.»

«75 Prozent der unheilbar Kranken möchten zu Hause sterben», verdeutlichte Franziska Bögli, Leiterin Spitex Biberist. «Unsere Aufgabe ist es, Symptome zu lindern.» Dies nach Absprache mit dem Hausarzt, der Onkologie, den Angehörigen, Seelsorgern, Freiwilligen.

Wohlfühlen und Schmerzfreiheit

Dass nur dank der Zusammenarbeit eine lückenlose Begleitung möglich ist, betonte auch Verena Bürki, Leiterin Pflege im Läbesgarte. Es sei die Kernaufgabe des Alters- und Pflegeheims, die Menschen auf dem letzten Weg zu begleiten mit den Schwerpunkten Wohlfühlen und Schmerzfreiheit.

Leni Hug, Spitalseelsorgerin im Kantonsspital Olten, sprach von Zuwendung, Respekt und Würde, die dem Patienten in der Palliativstation entgegengebracht werden.

Von positiven Erfahrungen berichtete Reto Allemann. Seine Mutter starb nach 14-monatiger Krankheit an Krebs. «Ich hatte einen Schock, als sie in die Palliative-Abteilung verlegt werden musste», erzählte er. Dieser Zustand habe sich aber schnell gelegt. Es sei ein Ort der Hoffnung und Begegnung mit tiefschürfenden Gesprächen geworden. Dies habe den Angehörigen und seiner Mutter Ruhe und Frieden ermöglicht.

Beatrice Stank erzählte vom 49-jährigen Freund der Familie, der an einem Hirntumor litt. Er habe im Läbesgarte ein befriedigendes Leben führen können.

Sterben wird tabuisiert

«Ist Palliative Care eine Zeiterscheinung?», wollte der Moderator wissen. «Die Medizin gaukelt uns Menschen ewiges Leben vor», sagte Christoph Cina, Hausarzt und Präsident von «palliative so». Die Allmacht der Medizin habe dazu geführt, dass der letzte Lebensabschnitt tabuisiert werde. Sterben sei ein langer Prozess, in welchen oft zu spät eingestiegen werde. Er spreche in seiner Praxis früh über eine Patientenverfügung. «Der Kranke setzt sich damit auseinander und löst Diskussionen aus.»

In diesen Gesprächen würden auch die Grenzen der Angehörigen ergründet und die Aufgaben mittels Betreuungsplan definiert. Das bedeute Stressbewältigung, und die Angst vor Autonomie- und Kontrollverlust könne dem Patienten genommen werden.

Diskutiert wurde dann die Frage: Warum gelingt das Loslassen nicht immer? «Leider gibt es kein Betty-Bossi-Rezept dazu», meinte Christoph Cina. Aus der Runde kamen verschiedene Gedanken. Etwa, bedrückende Lebenssituationen früh zur Sprache bringen, nicht erst im Sterben. Helfen könnten auch Musik, Düfte, bestimmte Liegepositionen, Berührungen. Manchmal seien es die Angehörigen, die den Sterbenden nicht gehen liessen. Es gelte auch zu akzeptieren, dass jemand alleine sterben möchte. Eine anwesende Frau warnte vor falschem Trost mit Worten wie: «Es geht dann schon wieder besser.»

Palliative-Care-Helpline: 079 894 17 89

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