Buchegg

365 Tage und rund um die Uhr geöffnet: Das Blumenhaus feiert sein 75-Jahr-Jubiläum

Seit 75 Jahren gibt es das Blumenhaus Buchegg. Das Zentrum für Menschen mit einer geistigen und mehrfachen Behinderung hat eine wechselvolle Geschichte.

Wer aus der Limpachebene nach Buchegg kommt, sieht links das Wahrzeichen «Schlössli» und rechts die ausgedehnte Gebäudeanlage der Institution Blumenhaus Buchegg. Nicht mehr vorhanden ist das altehrwürdige Bauernhaus, in dem die deutsche Pädagogin Elly Dora Geigenmüller 1942 für anfänglich drei und später bis zu 70 Kinder ein Zuhause als Familiengemeinschaft gründete. Es wich einem Neubau, der als mehrgeschossiges Wohnhaus für beeinträchtigte Erwachsene die Ansicht des Dorfes wie ein Pendant zum Schlossturm prägt.

Mit einfachsten Möglichkeiten und viel Liebe suchte Geigenmüller, die bald von ihrem jugendlichen Umfeld «Muetterli» genannt wurde, die ihr anvertrauten Kinder zu fördern. Ihre aufopfernde Arbeit war häufig von finanziellem Mangel begleitet, denn die damalige Zeit war weit entfernt von heutigen Sicherungssystemen für invalide Menschen. Wie eine Legende mutet an, dass «Muetterli» mit einem mit Kindern vollgepackten Leiterwagen in einer Bank erschien und um die Zahlung eines fälligen Betrages ersuchte. Wenn nicht, werde sie die Kinder in der Bank lassen, habe sie resolut gemeint, erzählt der heutige Institutionsleiter Roger Schnellmann.

Trägerverein gegründet

Über die Jahre fand ihr Einsatz grosse Anerkennung und auch Unterstützung. 1952 wurde unter dem Präsidium des Solothurner Bürgerammanns Eugen Moll der Trägerverein für das Kinderheim gegründet. Der Verein wurde vom Grenchner Juristen Erich Wolf, gefolgt von Ruth Gribi, Roberto Zanetti, Kurt Mühlemann, Daniel Rauber und aktuell Markus Jordi geführt. Vereinsziel ist die Mittelbeschaffung und die Vernetzung des Heims mit der Bevölkerung in der Region. Denn Sanierungen, Erweiterungen und komplexe Neubauplanungen begleiteten die 75-jährige Geschichte des Blumenhauses.

Fürsorge, Förderung und Arbeit mit Beeinträchtigten wurden als erster Baustein mit der Einführung der Invalidenversicherung 1960 und später im Sozialgesetz geregelt. Die Aufgaben im Blumenhaus mit Sonderschule, Therapieeinrichtungen und schon seit 1968 «geschützten» Arbeitsplätzen, vervielfältigten sich. Eine grossherzige Spende als Legat von Viola de Saussure-Heer legte gemeinsam mit kantonalen Finanzierungszusagen die Basis für Bauprojekte. Geehrt und unvergessen als «Seele des Blumenhauses», wie Landammann Willi Ritschard sie anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums bezeichnet hatte, verliess Gründerin Geigenmüller 1972 im Alter von 70 Jahren gemeinsam mit ihrer langjährig vertrauten Mitarbeiterin Trudi Stählin Buchegg, um im Tessin bis zu ihrem Tod 1983 weitere Betreuungsarbeit und Ruhestand zu verbinden.

Blumenhaus im Wandel

Neue Konzepte, die eine für Behinderungsformen differenzierte Schulung verlangten, bestimmten das Leben im Heim. Ab 1978 waren Heimleiter Peter Eggen und ab 1984 Nachfolger Peter Zurschmiede für die Organisation verantwortlich. 1990 übernahm der Heilpädagoge Manfred Lehmann die Leitung der Institution, die in allen Bereichen von professioneller Führung profitierte. Grosse Bauvorhaben wie etwa das im Jahr 1998 eingeweihte, neue Schulhaus oder der 2007 eröffnete Doppelkindergarten betrieb er mit Engagement. Zudem wurde das Blumenhaus zu einem wichtigen und geschätzten Arbeitgeber, der in Weiterbildung und Qualitätsmanagement investierte.

Seit 2012 steht nun Roger Schnellmann an der Spitze der Institution. Er wird sie Ende Februar 2018 verlassen. «Unser 75-jähriger Weg und meine Arbeit hier sind nur möglich, weil ein Kollektiv einsatzfreudiger Menschen dahintersteht. Nicht der Einzelne, aber wir alle gemeinsam sorgen in einer liebevoll gestalteten Heimstatt für Menschen mit unterschiedlichsten Einschränkungen.»

Gegenwärtig wohnen im Blumenhaus Buchegg 60 Kinder und Jugendliche sowie 30 Erwachsene. Betreut und gefördert werden sie durch insgesamt 180 Mitarbeitende, die in unterschiedlichen Pensen und Aufgaben an der Erfüllung der öffentlichen Leistungsaufträge für einen 365-Tage-Betrieb rund um die Uhr beteiligt sind. Zur Verfügung stehen in der Werkstatt 20 «geschützte» Arbeitsplätze und fünf weitere in Küche, Wäscherei und Hausdienst. Angeboten werden ausserdem zwei Räume für Notfallaufnahmen und Entlastungsbetten für Gastkinder, die unter Umständen gar nicht im Blumenhaus wohnen oder gefördert werden.

Auf gutem Weg

«Wir haben in all unseren Abteilungen das nötige Know-how zur sorgfältigen Begleitung von Kindern und Erwachsenen mit besonderen Bedürfnissen», betont Roger Schnellmann die kontinuierliche Weiterentwicklung der Gesamtinstitution. Kantonal angedacht sei inzwischen die Integration der Kinder aus dem Biberister Zentrum Oberwald. «Unser Haus wird sich auch dieser Herausforderung – ebenso wie damals der Eingliederung des Kinderheims Deitingen – stellen können», ist der Institutionsleiter überzeugt. Allerdings: Neben allen Notwendigkeiten wie Anpassungen der Infrastruktur, Sanierungen und Umsetzung zeitgemässer Bildungskonzepte müsse eine inhaltliche Diskussion stattfinden zum Thema: Was ist die Gesellschaft bereit, weiterhin zu investieren? Und wie verändert sich hier im Blumenhaus der Mix an Menschen mit besonderem Betreuungsbedarf? Eine interne Strategietagung will sich im November mit diesen Fragen beschäftigen.

Freitag, 3. November, 9–11 Uhr und 14–16 Uhr steht das Blumenhaus Buchegg zum Besuchstag bereit. Grosse und kleine Bewohner sowie das Team der Mitarbeitenden freuen sich auf viele Gäste.

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