Sucht

«Koks ist wie eine Schlampe»

Seit drei Jahren besucht Roman G. regelmässig die Therapie bei Suchtberaterin Nicole Müller.   Hanspeter Bärtschi

Seit drei Jahren besucht Roman G. regelmässig die Therapie bei Suchtberaterin Nicole Müller. Hanspeter Bärtschi

Ein Ex-Kokainsüchtiger erzählt, wie er dank einer Suchttherapie seine Abhängigkeit überwunden hat. Heute ist er sogar der Polizei dankbar.

«Koks ist wie eine Schlampe: Sie tut einem nicht gut, aber man geht trotzdem immer wieder zu ihr zurück.» Roman G.* ist «der Schlampe» vor acht Jahren das erste Mal verfallen. Heute ist der Handwerker 31 und clean – dank der Therapie bei der Perspektive Region Solothurn, die Roman bereits seit drei Jahren besucht.

Auslöser war die Polizei. Sie hat Roman beim Autofahren kontrolliert; er hatte Kokain im Blut – und der Ausweis war weg. «Das hat mich zum Umdenken geführt. Ich wollte wieder Auto fahren und meinen Beruf ausüben.»

Heute ist Roman der Polizei dankbar. Er findet, sie sollte härter gegen die Dealer am Bahnhof Solothurn vorgehen. «Früher habe ich natürlich anders gedacht», sagt Roman.

Früher war alles anders. Mit 23 kokst Roman das erste Mal in der Disco. «Am Anfang glaubt man, man habe den Konsum unter Kontrolle, doch dann reisst es ein.» Bis zu 1000 Franken hat Roman jeden Monat für die Droge ausgegeben.

«Ich hatte keine anderen Interessen mehr. Sah ich coole Schuhe im Schaufenster für 100 Franken, dachte ich: wow! Aber dann kam mir sofort der Gedanke, dass ich das Geld lieber für Kokain ausgebe.» Roman konnte nachts nicht mehr schlafen. Am Morgen verschlief er und verlor deshalb mehrmals seinen Job. «Ich sass oft allein zu Hause, fühlte mich einsam und wertlos. Also kokste ich – und nach einer kurzen Euphorie fühlte ich mich noch schlechter.» Er wurde depressiv. «Ich habe Stimmen gehört, die sagten, ich sei schlecht.»

Dann kam der heilvolle Vorfall mit der Polizei. Und für Roman war endgültig klar: Er benötigte Hilfe. Roman suchte und stiess auf die spezielle Kokainsprechstunde der Perspektive.

Der Anfang war schwer: «Ich hatte kein Vertrauen in die Menschen mehr. Wer kokst, schaut für sich, verarscht seine Kollegen und teilt nicht mehr.» Gegenüber Suchtberaterin Nicole Müller begann er sich dann langsam zu öffnen.

Es folgten Gespräche übers Leben, über Gefühle, Ängste usw. «Kokain ist nur das Symptom, das es zu bekämpfen gilt», sagt Müller. Die Gründe für die Sucht liegen oft sehr tief. Aber auch das Umfeld muss radikal geändert werden, damit der Süchtige vom Kokain wegkommt. Das heisst erstens: von koksenden Kollegen Abschied nehmen. Und zweitens: Kommt das Verlangen nach Kokain, braucht es eine Ablenkung, eine Alternative. «Ich begann, viel Sport zu treiben», sagt Roman. Schwimmen, Biken, Wandern. «Kam die Lust auf eine Linie Kokain, habe ich mir die Wanderschuhe angezogen und bin losmarschiert.»

Neben den Gesprächen und dem Sport hat Roman eine dritte wichtige Massnahme ergriffen, um vom Koks loszukommen. Er hat auf eigenen Wunsch seine Finanzen der Perspektive übergegeben. «Früher habe ich am Zahltag sofort fast alles Geld ins Kokain investiert.» Die Folgen: Schulden, Betreibungen und tagelang ohne Geld. Heute braucht Roman für seine Zahlungen die Unterschrift von der Perspektive, und diese erstellt für ihn das Budget. «Jetzt bin ich wieder schuldenfrei.» Und vor allem hat Roman G. ein Ziel vor Augen: «Ich will mich selbstständig machen und eine eigene Firma aufbauen.»

Suchtberaterin Nicole Müller stellt Roman G. eine sehr gute Prognose: «Er hat in den letzten drei Jahren hart an sich gearbeitet und sich stark entwickelt. Ich habe vollstes Vertrauen, dass er so weitermacht.» Roman sei nun bereits seit drei Jahren clean. «Viele glauben, man komme aus der Kokainsucht nicht heraus. Das ist nicht so.»

* Name von der Redaktion geändert

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