Amtsgericht
Kokain-Dealer lügen vor Gericht, dass sich die Balken biegen

Den Dealern, welche sich vor Amtgericht verantworten mussten, war keine Lüge zu schade, um nicht ins Gefängnis zu kommen. Alles half nichts: zwei nigerianische Dealer wurden zu je sieben und ein dritter zu vier Jahren Knast verurteilt.

Hans Peter Schläfli
Merken
Drucken
Teilen
Die beiden Dealer müssen ins Gefängnis.

Die beiden Dealer müssen ins Gefängnis.

Keystone

Auf Knien flehte Charlie S.* vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern um Gnade, Vergebung und Milde, als er eine Gelegenheit zu einem letzten Wort erhielt. Dabei hatte er vor diesem melodramatischen Auftritt während zwei Tagen praktisch alles abgestritten, was ihm vorgehalten wurde. Sogar, dass er von der Polizei dabei beobachtet worden war, wie er mit Plastiksäcken, WC-Papier und Getränkeflaschen das observierte Haus am Solothurner Stadtrand betreten hatte, leugnete er. «Das war jemand anders», sagte der 33-Jährige, der in Polen verheiratet ist und ein Kind hat, obwohl er kurz darauf in diesem Haus verhaftet wurde.

Charlie S. und auch sein «Businesspartner» Alan H.* logen, bis sich im altehrwürdigen Amtshaus 2 die Balken bogen. Als die Polizei Ende November 2009 ihr Drogenhaus stürmte, war nämlich der unter Hämorrhoiden leidende Kurier Jake H.* gerade dabei, unter grossen Schmerzen mehr als 1600 Gramm Kokain aus seinem Darm in einen Kessel auszuscheiden. Die Drogen hatte er als «Bodypacker» in Form von sogenannten Fingerlingen verschluckt und geschmuggelt.

Während also der Kurier den Drogenbesitz nun wirklich nicht mehr leugnen konnte, versuchte Charlie S. noch rasch, 4320 Franken Drogengeld die Toilette hinunterzuspülen, bevor ihn die Polizei ergreifen konnte. Vor Gericht erklärte er, das Geld sei im Regen nass geworden. Er habe es auf der Heizung trocknen wollen und dabei sei es ihm in die Toilette gefallen. Alan H. behauptete, er habe geschlafen und wisse von nichts.

Teil eines holländischen Netzwerks

Der Mieter des Drogenhauses hiess Emeka und wurde mittlerweile bereits nach Nigeria ausgeschafft. Ein unbekannter Ame organisierte das Netzwerk von Holland aus. Kommuniziert wurde über Handys, die auf falsche Namen registriert waren. Da Ame und Emeka nicht vernommen werden konnten, behaupteten Charlie S. und Alan H., dass die beiden Unbekannten die Drogen entgegengenommen hätten und sie nur gelegentlich unbedeutende Hilfsdienste geleistet hätten.

Doch in der Nacht, als sie gefasst wurden, waren nur die drei Angeklagten im Haus. Schliesslich brach das Lügengebilde zusammen: Jake H. gab neun Kurierdienste von Holland nach Solothurn, Zürich und Basel zu. Der 31-jährige, der an HIV und grünem Star erkrankt ist und dessen Frau und Kind in Nigeria ebenfalls an einer HIV-Infektion leiden, nannte immer wieder die beiden anderen Angeklagten als seine wichtigsten Kontaktpersonen und Abnehmer der Drogen in Solothurn. Die vielen abgehörten Telefongespräche bestätigten die Aussagen des Kuriers. Zudem hatten Charlie S. und Alan H. versucht, im Untersuchungsgefängnis Schöngrün mittels geheimen Zetteln ihre Aussagen abzustimmen. Die Polizei liess dies vordergründig geschehen und sammelte diese Kassiber als Beweismaterial.

Zwei grosse und ein kleinerer Fisch

Bei einer solchen Beweislage hatten es die Pflichtverteidiger schwer. Die Anwälte von Charlie S. und Alan H. argumentierten, dass die Handys von vielen verschiedenen Personen benutzt wurden und dass die belastenden Aussagen nicht von ihrem Mandanten stammten. Aber sie blieben pauschal und konnten kein Telefongespräch konkret bezeichnen, das in den Akten falsch ausgelegt worden wäre. Und wenn die beiden Hauptschuldigen nicht mehr weiter wussten, dann mussten die Anwälte jeweils dem anderen Angeklagten die Schuld zuweisen.

Der eigene Mandat sei bloss ein kleiner Fisch, der andere der grosse Fisch. Das Gericht aber erkannte Charlie S. und Alan H. als gleichberechtigte, austauschbare Partner einer kriminellen Bande. Beide wurden wegen gewerbs- und bandenmässigem sowie mengenmässig qualifiziertem Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz zu je 7 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. «Die Indizienkette ist dicht und ineinandergreifend», erklärte Gerichtspräsident Rolf von Felten. «Die abgehörten Telefongespräche lassen keine Zweifel daran offen, dass sie zusammen einen schwungvollen Drogenhandel betrieben. Beide zeigen zudem keine Reue oder Einsicht; sie verhalten sich bis heute renitent.»

Der Anwalt von Jake H. versuchte, für seinen Mandanten mildernde Umstände zu erhalten. Er führte die Krankheitsgeschichte sowie die in Nigeria mit HIV infizierte Familie ins Feld. Mit wenig Erfolg: «Viele Menschen leiden in Afrika an HIV. Aber diese schwierige Situation ist keine moralische Legitimation, hier in der Schweiz mit dem Drogenhandel die Gesundheit vieler Menschen zu gefährden», heisst es in der Urteilsbegründung. Immerhin, die Kooperation wurde Jake H. als deutlich strafmildernd angerechnet. Zudem hielt der Staatsanwalt fest, dass er als Kurier im Netzwerk auf einer tieferen Stufe stand. Deshalb wurde er mit 4 Jahren Gefängnis weniger streng bestraft.

Mit Hand- und Fussfesseln abgeführt

Alle drei wurden auch noch wegen Geldwäscherei verurteilt, obwohl nur wenige Überweisungen mit Western Union nach Nigeria bewiesen werden konnten. «Die gewerbsmässige Geldwäscherei ergibt sich bereits schlüssig aus der Tatsache, dass vom grossen Gewinnen fast nichts mehr auffindbar ist», so von Felten. Das beschlagnahmte Geld und alle Wertgegenstände der drei Nigerianer werden definitiv eingezogen und sie müssen die Verfahrenskosten bezahlen. So wie die drei gekommen waren, wurden sie abtransportiert: In Hand- und Fussfesseln mussten sie zurück in den Strafvollzug.

*Namen von der Redaktion geändert