Früher als Kavaliersdelikt wahrgenommen, hat die Steuerhinterziehung innert weniger Jahre einen ganz anderen Stellenwert erhalten. Spektakuläre Fälle haben die öffentliche Wahrnehmung verändert. Der Ärger, insbesondere unter den ehrlichen Steuerzahlern, ist gross – über UBS, Bank Wegelin, Uli Hoeness oder diese Woche über die Credit Suisse.

Dieser Sinneswandel in der Öffentlichkeit ist grenzüberschreitend und wirkt auf die Steuersünder in allen Ländern. In Deutschland etwa haben sich im ersten Quartal 2014 im Vergleich zum Vorjahr rund dreimal so viele Steuerbetrüger freiwillig bei den Finanzämtern gemeldet, wie eine Umfrage einer Nachrichtenagentur zeigt. In Frankreich sind seit vergangenem Sommer über 23 000 Selbstanzeigen von Steuersündern eingegangen. Auch in der Schweiz führen die öffentliche Debatte – und vor allem das bröckelnde Bankgeheimnis – zum Umdenken. Ab 2017 sollen die Daten ausländischer Kunden von Schweizer Banken an die ausländischen Steuerbehörden fliessen. Über kurz oder lang wird das Bankgeheimnis wohl auch im Inland fallen.

«Es ist nach wie vor keine abnehmende Tendenz bei den freiwilligen Selbstanzeigen ersichtlich», sagt Marcel Gehrig, Chef des kantonalen Steueramtes. So haben sich in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres bereits wieder rund 90 Steuerpflichtige im Rahmen der «kleinen Steueramnestie» selbst angezeigt (siehe Kasten). Die Zahl ist im Vorjahresvergleich konstant. Die Höhe der nachdeklarierten Vermögenswerte beträgt rund 38 Millionen Franken. Hochgerechnet aufs ganze Jahr zeigt sich, dass sich darunter offenbar mehr grössere «Fische» tummeln. Denn im ganzen Vorjahr lag die Höhe der nachbesteuerten Vermögen bei «nur» 60 Millionen Franken.

Basierend auf den bislang gemachten Erfahrungen sei die Entwicklung keine Überraschung, sagt Gehrig. Denn in den vier Jahren seit der landesweiten Einführung der «kleinen Steueramnestie» ist die Anzahl der reuigen Steuersünder ungefähr gleich hoch geblieben, aber tendenziell steigend. So erreichten die Selbstanzeigen mit 286 Fällen im vergangenen Jahr einen Rekordstand. Insgesamt haben sich allein im Kanton Solothurn rund 1000 Personen gemeldet bei einem Total von etwa 155 000 Steuerpflichtigen. Das «Potenzial» an nicht versteuerten Einkommens- und Vermögenswerten lasse sich nicht abschätzen. Gehrig: «Die Dunkelziffer, das heisst die Menge der bis anhin nach wie vor nicht deklarierten Vermögenswerte und deren Verteilung auf die Steuerpflichtigen ist naturgemäss nicht bekannt.»

Auch wenn die Motivation zur Selbstanzeige nicht erhoben wird, vermutet Gehrig «einen Wertewandel und eine zunehmende Angst vor der Entdeckung nicht versteuerter Vermögenswerte» als Gründe. Zudem würden wohl die Banken ihre Kunden auf die Möglichkeit der Selbstanzeige aufmerksam machen. Tony Broghammer, Chef der Raiffeisenbank Wandflue in Grenchen, bestätigt: «Unsere Mitarbeitenden sind angewiesen, bei entsprechenden Fragen von Kunden zu einer Selbstanzeige zu raten.» Gleichzeitig hält er fest, dass sich nicht vermehrt Kunden über den Ablauf der straflosen Selbstanzeige erkundigten. Zwar sei unbestritten, dass der Druck auf das Bankgeheimnis auch in der Schweiz gross sei. «Das führt zu Verunsicherung.» Das Thema sei aber bei «seiner» Bank von untergeordneter Bedeutung. «Wir gehen eher davon aus, dass die betroffenen Personen Rat bei Steuerberatern suchen.» Ähnlich reagiert Gerardo Grasso, Leiter der Spar- und Leihkasse Bucheggberg. «Wir raten unseren Kunden grundsätzlich zur Steuerehrlichkeit.» Dazu könne auch das Instrument der Selbstanzeige dienen. Für Grasso ist es zudem «plausibel, dass die Zahl der Selbstanzeigen aufgrund des Drucks auf das Bankgeheimnis hoch bleibt».

Von der Steueramnestie profitiert nicht nur der Steuersünder – er muss bei einer Selbstanzeige keine Busse bezahlen –, sondern auch die öffentliche Hand. Insgesamt hat die Regelung in den vier Jahren im Kanton Solothurn rund 19 Millionen Franken an zusätzlichen Staats-, Gemeinde- und Bundessteuereinnahmen generiert.