Passwang
Kein Wenn und Aber: Am Passwang-Tunnel musste man mitarbeiten

Vor 80 Jahren durchstiessen vorwiegend Laien das 180 Meter lange Tunnel-Bauwerk am Passwang. Die Arbeiter schufteten unter schwierigen Bedingungen. Die Baustelle war Teil eines Arbeitsbeschaffungsprogrammes.

Lucien Fluri
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Ramiswiler Schulkinder besichtigen die Baustelle: Links im Bild die Arbeiter vor dem Südportal des Sohlenstollens. guldentaler kalender

Ramiswiler Schulkinder besichtigen die Baustelle: Links im Bild die Arbeiter vor dem Südportal des Sohlenstollens. guldentaler kalender

Solothurner Zeitung

Als die ersten Arbeiter im April 1931 an den Passwang kamen, waren die Baracken noch nicht eingerichtet, die Verpflegung noch nicht geregelt. Trotzdem ging es schnell vorwärts: Vor genau 80 Jahren, am 16. September 1931, um drei Uhr morgens, gelang der Durchstich am 180 Meter langen Passwangtunnel. Als Notstandsprojekt wurde der Bau der zwölf Kilometer langen Strasse begonnen.

Arbeitsbeschaffungsprogramm

Die Hauptarbeit leisteten rund 200 Arbeitslose, Solche im Bauwesen einzusetzen, war eine beliebte Methode, um schnell und sichtbar Erfolge bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit vorzuweisen. Sie kamen vielfach aus der Uhrenindustrie, deren Exporte mit der Weltwirtschaftskrise 1929 eingebrochen waren – vom Bauwesen hatten die Fabrikarbeiter in der Regel wenig Ahnung.

Am 8. April 1931 begannen die Arbeiten. Steinbrecher, Sandreiben und Rollgeleise wurden an den Passwang gebracht. Holzgerüste zum Stützen der Felsen wurden mit Säge und Beil zugerichtet, mit Schaufel und Pickel wurde an der Strasse gearbeitet. Ein elektrisch betriebener Kompressor mit zwei Bohrhämmern ermöglichte den Tunnelaushub. Bei günstigem Gestein kam der neun Quadratmeter grosse Sohlenstollen fünf Meter pro Tag voran. Trafen die Arbeiter auf die blaue Mergelschicht, gings lediglich drei Meter vorwärts.

In Baracken zusammengepfercht

Aus dem ganzen Kanton kamen die Arbeiter. Getrennt von ihren Familien schliefen sie in Baracken bei der alten Käserei in Ramiswil oder auf Bauernhöfen. 32 Betten standen in einer Baracke. «Sie sind so nahe beieinander, dass jeder über das Bett des andern klettern muss», kritisierte Arbeitersekretär Adolf Heri. Schränke, um die Sonntagskleider zu verstauen, gab es nicht. Schuhe und Kleider mussten die Arbeiter auf eigene Kosten kaufen. Ross und Wagen brachten das Mittagessen von der Kantine auf die Strecke. Gegessen wurde im Stehen.

Die Arbeitszeit betrug 55 Stunden pro Woche – 10 Stunden täglich und der Samstagmorgen. Bezahlt waren die Arbeiter im Stundenlohn. Ein Franken betrug der Mindestlohn, der in einzelnen Fällen dennoch unterschritten wurde. Konnte an Regentagen nicht gearbeitet werden, erhielten die Männer keinen Lohn.

Arbeitersekretär und SP-Kantonsrat Heri verschaffte sich bei einem unangemeldeten Besuch auf der Baustelle selbst einen Überblick. «Die Arbeit ist nicht angenehm, die Gegend ist stark bergig, das Terrain schlimm, die Leute sind von zu oberst bis zu unterst voll Schmutz», war sein Fazit. «Es kann sich nicht nur darum handeln, dafür zu sorgen, dass die Leute Arbeit haben, sondern man muss dafür sorgen, dass die Leute bei diesen Arbeiten ihr Auskommen finden.»

Bei Landammann Ferdinand von Arx stiess der unangemeldete Besuch des Arbeitersekretärs auf wenig Gegenliebe. «Ich möchte ihm nur anraten, wenn er das nächste Mal dorthin geht, sich anzumelden.» Platzprobleme gab es aus Sicht des Regierungsrates nicht: Im Grimselgebiet hätten in den Baracken 60 Arbeiter übernachtet, antwortete von Arx auf die Einwände von Heri.

Netto 6.50 Franken Lohn pro Tag

Das Vorurteil, die Arbeitslosen nähmen die Stellen nur widerwillig an und zeigten zu wenig Leistung, hielt sich auf bürgerlicher Seite hartnäckig. «Leider war der Passwang in den Augen vieler Arbeitsloser ein Schreckgespenst. (...) Der Widerstand war nicht berechtigt und unbegründet», schrieb der Regierungsrat in seinem Rechenschaftsbericht 1931 und doppelte im Baubericht 1935 nach: «Die Arbeitsleistung derselben stund hinter der normalen Leistung frei angeworbener Arbeiter zurück.» Allerdings belegte der Regierungsrat seine Behauptung teilweise: Am 26. Mai 1931 seien 132 Arbeiter auf der Baustelle erschienen, eingeschrieben waren 200.

Streitpunkt war immer wieder der Lohn. Zehn Franken verdienten die Arbeiter pro Tag. 3.50 Franken mussten sie gleich wieder für die Mahlzeiten und den Schlafplatz abgegeben. Der Rest reichte schlecht, um zu Hause eine Familie durchzubringen. Am 1. Juni 1931 gewährte die Regierung eine erste Lohnzulage von 20 Prozent für alle Familienväter; im Frühling 1932 gab es erneut einen einheitlichen Tageszuschlag von 3.50 Franken für alle Arbeiter.

Ab Oktober 1933 rollte der Verkehr

Die Arbeitslosenversicherung war im Kanton erst 1927 eingeführt worden. Das Obligatorium galt aber nicht für die oberen Lohnklassen, sondern nur für die unteren – und nur diese konnten für Notstandsarbeiten verpflichtet werden.

350 Tage benötigten die Arbeiter für den Tunnelausbau, eineinhalb Jahre für die ganze Strasse. Ab Ende Oktober 1933 hatte das Schwarzbubenland so endlich eine direktere Anbindung an die Kantonshauptstadt.