Schwester Benedikta
Zwischen Himmel und Erde - die neue Einsiedlerin hat eine bewegte Vergangenheit

Die 51-jährige Schwester Benedikta ist die neue Einsiedlerin. Die Bernerin schätzt das eremitische Leben, aber auch den Kontakt zu Menschen. So ist sie die ideale Besetzung für die Stelle als Einsiedlerin.

Urs Mathys
Drucken
Teilen
Schwester Benedikta lebt, wohnt und arbeitet in der Verenaschlucht.
6 Bilder
Auch den Garten muss die Einsiedlerin in Schuss halten.
Schwester Benedikta ist die neue Einsiedlerin
Beten und Arbeiten sind zwei feste Bestandteile im Leben als Einsiedlerin in der Verenaschlucht.
Schwester Benedikta
Die Einsiedlerin

Schwester Benedikta lebt, wohnt und arbeitet in der Verenaschlucht.

Felix Gerber

Wie begrüsst man eine Einsiedlerin? «Ganz einfach: Schwester Benedikta», kommt die Antwort mit einem herzhaften Lachen. Ein Lachen, das Schwester Benedikta nicht vergangen ist, obwohl der Medien-Marathon am Donnerstagmorgen bereits um 9 Uhr begonnen hat.

Von da an lösten sich Journalistinnen, Journalisten und Fotografen verschiedenster Zeitungen, Radio- und TV-Stationen quasi im Stundenrhythmus ab. Die neue Einsiedlerin in der Verenaschlucht bewältigte den bewusst auf einen Tag konzentrierten Ansturm mit Ruhe und Gelassenheit.

Journalisten sind ja auch nur Menschen. Und Schwester Benedikta will erklärtermassen nicht «nur» für das Gebet da sein, sondern eben auch für Menschen, die ein Anliegen haben – über alle Konfessionen hinweg. Ja, es sei schon eine Art Tätigkeit «zwischen Himmel und Erde», bestätigt die 51-Jährige. Gebet und Stille symbolisieren für sie dabei den Himmel, das Wischen, Aufräumen, die Gartenpflege in der Einsiedelei die Erde.

2011 ein Versprechen abgelegt

Schwester Benedikta gehört keinem Orden an, hat aber ein Versprechen abgelegt und trägt Schleier und Tracht. Gemäss katholischem Katechismus können Eremitinnen ihr Versprechen privat ablegen.

«Das habe ich 2011 in einem Ritual vor Zeuginnen gemacht», beschreibt sie. Die in der Region Bern aufgewachsene Eremitin spricht in schönstem Berndeutsch. Aber im Kanton Bern ist «man» doch meistens reformiert?

«Ja, tatsächlich, das war ich ursprünglich», bestätigt sie. Der reformierte Glaube sei ihr «ein gutes Fundament». Durch einen «Prozess der Berufung» habe sie dann «gespürt, dass ich zur katholischen Kirche gehöre.» Von Kind auf habe sie das Leiden auf der Welt beschäftigt, als Teenager habe sie die Biografie von Bruder Klaus gelesen, und zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr sei der Wunsch nach einer Veränderung immer stärker geworden.

Eine Zeit der Tränen

«Und dann kam der Tag X», schildert die Schwester: «An diesem Tag sagte mir Gott, dass es meine Bestimmung ist, dass ich mein Leben ganz im Gebet leben muss». Nicht einfach umzusetzen, für eine damals verheiratete Frau und Mutter von vier Kindern.

«Ja, das war eine harte Zeit; mit vielen Tränen auf allen Seiten», erinnert sie sich: «Gemeinsam haben wir den Weg gefunden. Und wir alle haben auch heute einen guten Kontakt miteinander.» Dies kommt etwa darin zum Ausdruck, dass ihr geschiedener Mann und die inzwischen erwachsenen Kinder – bereits gehört auch eine kleine Enkelin zur Familie – Schwester Benedikta jetzt bei der «Züglete» geholfen haben.

Hoffen auf Veränderungen

Kann sie – als selber Geschiedene – alle (umstrittenen) Positionen der offiziellen römisch-katholischen Lehrmeinung akzeptieren? Sie habe sich zu Gehorsam verpflichtet, antwortet die Frau.

Aber: «Es gibt Dinge, die ich nach meinem Gewissen und Verständnis anders sehe und wo ich mir Veränderungen erhoffe.» Dazu gehöre tatsächlich der Umgang mit Geschiedenen, die wieder heiraten. «Wo Brüche entstanden sind, müsste Barmherzigkeit sichtbar werden». Und was die Frauenordination betrifft? «Hier fühle ich, dass auch Frauen zu Priesterinnen geweiht werden sollten. Auch Frauen können berufen sein, das Wort Gottes zu verkünden.»

Beten und arbeiten

Auch für solche Veränderungen – und die Ökumene – will Schwester Benedikta beten. Stichwort beten: Sie tut dies täglich mehrfach – auch «öffentlich». In den Kapellen singt die Eremitin, die unter anderem Unterricht in klassischem Sologesang und Schauspielerei genossen hat, jeweils die Stundengebete. In deutscher Sprache, nicht in Latein, wie sie betont.

Den Kontakt mit Menschen scheut sie bei ihrer Arbeit nicht. Befürchtungen, dass das rege Kommen und Gehen in der Verenaschlucht ihr bald zuviel werden könnte – wie ihrer Vorgängerin – hat Schwester Benedikta nicht.

«Seit meinem Start am Dienstag habe ich bereits viele sehr schöne und wohlwollende Begegnungen» erlebt, verrät sie. Sie gehe mit Offenheit auf die Menschen zu und suche bei Bedarf das klärende Gespräch. Toleranz und gegenseitige Rücksichtnahme seien in der Einsiedelei gefragt: von Hundebesitzern, Joggern, Bikern und auch von Menschen, die hier lieber mehr Ruhe hätten. Eines ist dabei für Schwester Benedikta jedoch klar: «Ich bin hier Einsiedlerin, nicht Polizistin.»

Hat sie in der Nacht noch nie Angst gehabt, alleine in der Eremitenklause? «Noch keinen Moment», versichert sie. «Ich schlafe hier wunderbar», verrät die Einsiedlerin. «In der Stille des Waldes höre ich sogar die Tiere draussen – und dann schlafe ich wunderbar».