Solothurn et les Welsches

Zweisprachigkeit erwünscht: Siky Ranch soll bilingue werden

Seit Jahresfrist zeigt  Christophe Keller in Crémines seine Falkner-Shows.

Seit Jahresfrist zeigt Christophe Keller in Crémines seine Falkner-Shows.

Ennet dem Röstigraben in Crémines hat der Jurassier Christophe Keller viel vor mit der Siky Ranch – seit je beliebt für Deutschschweizer Schulreisen. Der grösste Teil 2 unserer Serie «Solothurn et les Welsches».

Im Jura ist die Siky Ranch eine Institution. Weil die Anreise im Zug, aber auch aus Solothurn nur ein paar Minuten dauert, ist der überschaubare Zoo in Crémines ebenso südlich des Weissensteins beliebt. Generationen von Kindergarten- und Schulklassen pilgern seit Jahrzehnten für eine Schulreise über die Sprachgrenze.

Seit gut einem Jahr nun hat die Siky Ranch einen neuen Besitzer. Und Christophe Keller krempelt den Betrieb um. Unter dem Titel «Valais des Oiseaux» (Tal der Vögel) setzt der 43-Jährige mit seiner Frau Mélanie auf die Falknerei und damit auf einheimische Tiere. Die weissen Tiger – in den letzten gut zehn Jahren unter dem Ex-Dompteur Jerry Wegmann das Markenzeichen – sowie die Löwen, Stachelschweine und Affen sind längst in anderen Zoos in Europa untergekommen.

Über ein Dutzend neue Volieren

«Wir wollen der Siky Ranch eine neue Identität verpassen», erklärt Christophe Keller. Als augenfälligste Veränderung stehen heute in der Mitte der 3,3 Hektaren grossen Anlage Dutzende Stühle vor einem grünen Rasen. Darauf demonstriert der Fachmann für Raubvögel täglich, wie Bussarde, Adler, Falken und Geier jagen und dafür trainiert werden. «Bis jetzt stösst die neue Siky Ranch auf grosses Interesse», freut sich Christophe Keller. Denn die nächsten Falknereien in der Schweiz stünden in Buchs SG und Locarno. «Trotzdem bleibt noch sehr viel zu tun.» 

Tatsächlich gibt es derzeit einige Baustellen auf der Siky Ranch. «Wir wollen in den nächsten Jahren gut ein Dutzend neue Volieren bauen für verschiedene Raubvögel, das beliebte Veranstaltungszelt an einen geeigneteren Ort zügeln und stattdessen unter den Bäumen einen neuen Spielplatz bauen.» Somit kommen zum letztjährigen Kaufpreis von 800 000 Franken laut Christophe Keller in den nächsten Monaten und Jahren nochmals mindestens eine halbe Million Investitionen dazu. Geld dafür stehe zwar bereit; dennoch sei er auch am Erschliessen weiterer Finanzierungsquellen. «Tierpatenschaften, Gönner, Beiträge der öffentlichen Hand: Wir müssen knapp kalkulieren und dürfen uns nicht übertun», erklärt der viel beschäftigte Jurassier.

Mentor für Organisatorisches

Dass Christophe Keller den Umbau der Siky Ranch auch im übertragenen Sinn ernst nimmt, zeigt die Aufnahme des Nachwuchs-Zoodirektors in ein internationales KMU-Förderprogramm. Bei einem Wettbewerb in Genf erhielt er Ende Mai zusammen mit fünf weiteren Start-ups einen Mentor zur Seite gestellt; und zwar keinen Geringeren als den ehemaligen CEO von Easyjet. «Davon erhoffe ich mir, dass ich auch die Organisation wieder auf Vordermann bekomme.» Denn nach zwei gescheiterten Verkaufsversuchen dümpelte die 1972 ursprünglich vom Druckereiunternehmer Siegfried Roos begründete Siky Ranch mehr schlecht als recht vor sich hin.

«Es ist zwar sehr viel Arbeit, aber auch sehr schön. Eine solche Chance muss man einfach packen und sich ins Abenteuer stürzen», kommentiert Christophe Keller. Selber kennt er die Siky Ranch seit Kindsbeinen. «Alle Kinder kennen doch diesen wunderbaren Ort», fügt er lachend an. Fragt sich, wie sich das Leben nach gut einem Jahr als Zoodirektor anfühlt? Zum ersten Mal im Gespräch stockt der dreifache Vater etwas. Fügt dann aber ganz selbstbewusst an: «Dank meiner Familie weiss ich, dass ich abends auch mal Feierabend machen muss und noch ein Leben neben der Siky Ranch habe.»

Dennoch endet der Tag ennet dem Solothurner Röstigraben neuerdings nicht mehr mit dem Schliessen des Kassenhäuschens. Im Haus, in dem der letzte Zoodirektor Jerry Wegmann gewohnt hat, können Interessierte neuerdings zwischen Wölfen, Enten, Eseln und Zwergziegen übernachten. «Bei uns soll man nicht nur Tieren zuschauen können, sondern deren Gewohnheiten auch hautnah miterleben dürfen.» Aus diesem Grund entwickelt Christophe Keller derzeit auch das Projekt der Siky-Ranch-Erforscher: «Auf einem Rundgang durch den Zoo wollen wir den Kindern die Augen für wichtige Details aus dem Alltag der Tiere öffnen», erklärt Keller die Idee.

«Französisch oder Deutsch spielt dabei ja keine Rolle», ergänzt er lachend. Am Ende kann man die Antworten vergleichen. Aber auch bei dieser Idee hat Keller einen Hintergedanken: «Natürlich könnte man das Konzept danach auch auf andere Zoos ausweiten, und die Kinder könnten so immer mehr Tierarten und deren Lebensweise kennen lernen.» Doch dazu reichte die Zeit – abgesehen von einer deutschen Übersetzung der Flyer – bislang noch nicht.

Deutsch nicht vergessen

Denn das ist eben auch die Siky Ranch: «Bienvenue au Jura» steht bereits am Strassenrand beim Bahnhof Gänsbrunnen, dem letzten solothurnischen Dorf vor dem bernjurassischen Crémines. «Die Zweisprachigkeit bringt zwar einen gewissen Mehraufwand», sagt Keller. Dennoch weiss er, dass er ebenso auf die Gäste aus der Deutschschweiz angewiesen ist. «Früher sprachen wohl 99 Prozent der Besucher Deutsch. Das möge bestimmt auch mit seinen deutschsprachigen Vorgängern zu tun gehabt haben. Inzwischen ist es vielleicht halbe-halbe», freut sich der Zoo-Direktor. «Die Welschen entdecken ‹ihre› Siky Ranch wieder, das freut mich natürlich.» Doch wenn sich der Betrieb weiter einspiele wie geplant, werde er Ausschau halten nach deutschsprachigen Mitarbeitenden. Vorerst ist nämlich nur das Restaurant bilingue.

«Obwohl ich in der Schule Unterricht hatte, spreche ich leider schlecht Deutsch», erklärt Christophe Keller: «Da bin ich als Romand wohl keine Ausnahme.» Darum gibt es die Falknerei-Schau vorerst auch nur auf Welsch. Schriftlich gibt es jedoch Übersetzungen. «Aber ich bin am Deutschlernen», ergänzt Keller. «Ich merke leider erst jetzt, wie wichtig die zweite Sprache ist.»

Bereits erschienen «Alle rennen auf den Berg – und doch ist er eine Grenze» (9. 7.).

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