Bahnlinie Solothurn-Moutier
Zweifel an Sanierungskosten: Solothurn und Bern geben Untersuchung in Auftrag

Die Kantone Solothurn und Bern wollen Klarheit, ob die Sanierung des Weissensteintunnels wirklich 170 Millionen Franken kostet. Regierungsrat Roland Fürst nimmt den Bund in die Pflicht.

Sven Altermatt
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Die Zukunft der Moutier-Bahn scheint derzeit mehr als ungewiss. Hier passiert eine Komposition den Geisslochviadukt bei Bellach.

Die Zukunft der Moutier-Bahn scheint derzeit mehr als ungewiss. Hier passiert eine Komposition den Geisslochviadukt bei Bellach.

Hanspeter Bärtschi

Schwer verdaulich ist der Zahlensalat, der in diesen Wochen aufgetischt wird. Mal waren es 30, dann 70, schliesslich 100 Millionen Franken. Manche sprechen auch von 40, anderswo geistert der Betrag von 80 Millionen Franken herum. Satte 170 Millionen Franken kostet die Sanierung des Weissensteintunnels nach offizieller Leseart. In Bundesbern spielt man deshalb mit dem Gedanken, den Tunnel zu schliessen und die defizitäre Bahnlinie von Solothurn nach Moutier gleich stillzulegen.

Diese Meldung hat viele Solothurner geschockt und wachgerüttelt. Schon steht der Vorwurf im Raum, die Kostenschätzung sei vom Bund und der Bahnbetreiberin BLS bewusst abschreckend hoch angesetzt worden. Die Volksseele köchelt, und Zweifel haben jetzt offenbar auch die Behörden: Die Kantone Solothurn und Bern wollen eigenhändig eine Untersuchung in Auftrag geben, um die Kosten der Tunnelsanierung zu beziffern. Der Solothurner Regierungsrat Roland Fürst (CVP) bestätigt entsprechende Informationen gegenüber dieser Zeitung.

Tunnel-Besichtigung abgesagt

Im Baudepartement ist das Dossier zur Chefsache erklärt worden. Man wolle dem Bund nicht ein falsches Spiel unterstellen, sagt Fürst. «Aber dank einer Zweitmeinung können wir uns Sicherheit verschaffen.» In enger Absprache mit seiner Berner Amtskollegin Barbara Egger-Jenzer (SP) ist für den Baudirektor klar: Wer eine eigene Expertise im Köcher hat, kann entschlossener mit dem Bund verhandeln. «Für uns stellt sich vor allem die Frage», sagt Fürst, «mit welchen Massnahmen der Weissensteintunnel ein paar Jahre länger genutzt werden könnte.»

Gekämpft wird an vielen Fronten

Im August haben Recherchen dieser Zeitung publik gemacht: Der Bund zieht in Betracht, den Weissensteintunnel zu schliessen und die Bahnlinie Solothurn–Moutier stillzulegen. Zuerst war es verdächtig ruhig. Doch nun wird der Widerstand immer grösser – ein Überblick:

Thaler Gemeindepräsidenten: In einem Brief an Bundesrätin Doris Leuthard verweisen sie auf die Bedeutung der Bahn. Mitstreiter finden sie auch unter ihren Kollegen im Bezirk Lebern, etwa in Lommiswil.

Nationalrat: Nationalrat Stefan Müller-Altermatt (CVP) hat eine Anfrage im Parlament eingereicht, Bea Heim (SP) vergangene Woche mit einer Interpellation nachgedoppelt.

Solothurner Kantonsrat: Die SP-Fraktion fordert eine Stellungsnahme des Regierungsrats.

VCS-Petition: Mehrere Sektionen des Verkehrs-Clubs sammeln Unterschriften für den Bahn-Fortbestand.

Berner Jura: Zehn Gemeinden betonten in einer Mitteilung die staatspolitische Bedeutung der Linie. (sva)

In seinem heutigen Zustand sei der Tunnel höchstens noch bis Ende 2016 sicher, heisst es derweil bei der BLS. Wasser dringt durch den Jurakalkstein und macht dem Gewölbe zu schaffen. Am 17. Oktober hätten sich Kantonsvertreter bei einem Augenschein mit Delegierten von BLS und Bund ein eigenes Bild des Tunnelzustandes verschaffen wollen. Doch daraus wird nichts: Die BLS hat die Besichtigungsfahrt abgesagt. Wie gut unterrichtete Quellen bestätigen, wurde die Entscheidung auf Stufe Geschäftsleitung gefällt. Wann der Termin nachgeholt wird, steht laut Regierungsrat Fürst noch nicht fest. Und geht es nach dem Geschmack der BLS, sollte die Öffentlichkeit ohnehin erst dann informiert werden, wenn die Ergebnisse der Untersuchung vorliegen.

Wie weit will Solothurn gehen?

Lange schien es, als hätten Bern und Solothurn das Glück des günstigen Zeitpunkts auf ihrer Seite. Seit das Schweizer Stimmvolk im vergangenen Februar die Fabi-Vorlage angenommen hat, ist nämlich die Eidgenossenschaft für die Infrastruktur von Privatbahnen zuständig. Demnach muss der Bund auch für die Sanierung des Weissensteintunnels in die Kasse greifen. Doch ironischerweise ist es Bundesbern, das nun gehörig auf die Bremse drückt. Denn nicht nur der Zustand des Tunnels, sondern auch die schwache Auslastung und die Isolation vom Fernverkehr machen der Bahnlinie Solothurn–Moutier zu schaffen.

Entschieden ist offiziell noch nichts, betont das Bundesamt für Verkehr abermals. Alle Optionen seien offen. Von Bern und Solothurn wird ein klares Bekenntnis erwartet. Man müsse bereit sein, Defizite auch in Zukunft mitzutragen und den Betrieb zu garantieren. Die Frage lautet letztlich also: Wie weit wollen die Kantone gehen, um die Moutier-Bahn zu erhalten? Kampfeslust jedenfalls ist reichlich vorhanden. «Wir wollen uns entschieden für die Bahn einsetzen», sagt Baudirektor Fürst. Der Bund solle erst mal beweisen, dass die Bahnlinie tatsächlich überflüssig ist.

Unterstützung für das Thal

Dass der öffentliche Verkehr gerade bei der Anbindung von Randregionen seinen Preis hat, weiss man auch in Solothurn. Doch so rational die Stilllegung der Moutier-Bahn aus wirtschaftlicher Sicht klingen mag, so schwerwiegend wären für Fürst deren Folgen. Um den Planspielen entgegenzutreten, hat er sich einen Strauss an Argumenten bereitgelegt. So warnt der Regierungsrat vor allem davor, den Bahnhof Gänsbrunnen und damit das hintere Thal von der Kantonshauptstadt abzuschneiden: «Ich finde es äusserst eigenartig, wenn Pendler einen langen Umweg über Oensingen machen müssten.» Es sei beinahe zynisch, dass der Bund die Mittel für die Naturpärke und damit auch für das Thal verdopple, wenig später aber einen wichtigen Zubringer stilllegen möchte.

Hoffnungsträgerin Gondelbahn

Grosse Hoffnungen setzt Fürst jedoch vor allem in die Weissenstein-Gondelbahn. Diese ist darauf angewiesen, dass ihre Talstation in Oberdorf von der Moutier-Bahn erschlossen wird. Umgekehrt sollen sich die Gondeln positiv auf die Frequenz auswirken. Was das heisst, lässt ein Blick in die Vergangenheit erahnen. Erstmals bestätigt Regierungsrat Fürst: Bevor der Sessellift im Jahr 2009 geschlossen wurde, lag der Kostendeckungsgrad der Linie Solothurn–Moutier stets über 30 Prozent. Heute beträgt dieser nach offiziellen Angaben nur noch 22 Prozent. Hat der Bund die Gunst der Stunde zu wissen genutzt? So oder so, sagt Fürst: «Die Gondelbahn ist ein wichtiger Faktor und muss bei allen Erwägungen berücksichtigt werden.»