Amtsgericht
Zwei Nachbarn handeln einen fairen Preis für den Hausfrieden aus

Eine Schweizerin und ein Türke sind Nachbarn - und sie streiten sich. Die Frau behauptet, dass er ihr gedroht und sie auch geschlagen habe. Das bestreitet der Türke aber. Vor Amtsgericht haben sie sich nun auf einen Vergleich geeinigt.

Christoph Neuenschwander
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Der Haussegen hängt schief. (Symbolbild)

Der Haussegen hängt schief. (Symbolbild)

key/az

Es geht ja auch anders, hat sich Amtsgerichtspräsident Ueli Kölliker wohl gedacht – und die beiden Parteien zu einem Vergleich förmlich gedrängt. Denn Anna K.* und Önder E.* sind Nachbarn und mögen sich nicht besonders. Der Türke und dreifache Familienvater hat Angst vor dem Hund, den die Schweizerin inzwischen an die Leine nimmt. Er findet zudem, dass sie sich an keinerlei Hausregeln hält.

Sie wiederum hat ihn wegen Tätlichkeit und Drohung angezeigt. Diese Taten, begangen am 6. September 2012 waren Gegenstand der Verhandlung am Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt. Was aber an besagtem Datum, das beide Parteien anfänglich mit einem ganz anderen Streit an einem ganz anderen Tag verwechselten, genau geschehen war, blieb ungewiss.

Die verschwundene Drohung

«Ich habe im Treppenhaus mit einer Kollegin über irgendetwas gelacht», sagte Anna K. «Da kam Önder E. durch die Haustür und glaubte wohl, wir lachen über ihn.» Wie schon oft zuvor begann ein Streit zwischen den beiden Nachbarn. Die Kollegin – ebenfalls eine Bewohnerin des Hauses – ging die Treppe hoch zu ihrer Wohnung. Dann soll Önder E. die Schweizerin Anna K. geschubst haben, worauf diese aufs Steissbein fiel, sich aber nicht weiter verletzte. Die in der Anklageschrift vorgehaltene Drohung, es gebe vielleicht einen Mord, erwähnte die Privatklägerin bei ihrer Befragung nicht mehr.

Auch Önder E., vom Amtsgerichtspräsidenten auf die Drohung angesprochen, sagte lediglich: «Um Gottes willen, was denn sonst noch?» Er gab zu, drohend die Hand erhoben zu haben. Aber das mache man nun mal, wenn man sich gegenseitig beschimpfe, so der Angeklagte. Dass er Anna K. geschubst habe, bestritt der 45-Jährige. Sie sei erschrocken, als er die Treppe hochgekommen sei. Daraufhin habe er auf Türkisch zu ihr gesagt: «Die Schuldigen haben immer Angst.» Das habe die Klägerin zwar nicht verstanden, beschimpft habe sie ihn aber trotzdem. Und sie soll sogar mit der Handkante auf seine Brust geschlagen haben.

Jeder zahlt 200 Franken

«Warum schliessen Sie beide nicht einen Vergleich?», fragte Kölliker schliesslich. «Das wäre doch besser als die Verhandlung bis zum bitteren Ende, also bis zum Urteil durch einen Strafrichter, durchzuziehen.» Sowohl Önder E. als auch Anna K. hatten diese Möglichkeit bereits früher ausgeschlagen. Sie wollte nur, wenn er sich entschuldigt; er weigerte sich, sich für etwas zu entschuldigen, das er nicht getan habe. An diesen Standpunkten hielten sie denn auch vor Gericht fest.

Es bringe doch nichts, Öl ins Feuer zu giessen, entgegnete Kölliker. Schliesslich sei jetzt schon seit längerer Zeit nichts mehr passiert. «Es geht um den Hausfrieden. Sie verpflichten sich, einander in Ruhe zu lassen. Die Entschuldigung lassen wir weg. Und die Verhandlungskosten teilen Sie halbe-halbe.» Um die Zerstrittenen von seinem Vorschlag zu überzeugen, bot Kölliker gar an, die Kosten auf das absolute Minimum festzusetzen. «Ein symbolischer Betrag von 200 Franken, weniger geht nicht», so der Amtsgerichtspräsident. Önder E. und Anna K. gingen, etwas widerwillig, auf das Schnäppchen ein.

Bleibt zu hoffen, dass ihnen klar ist: 200 Franken sind ein mehr als fairer Preis für den Hausfrieden. Und ganz besonders für eine zweistündige Verhandlung mit Dolmetscherin und zwei Zeugen, die sich beide an herzlich wenig erinnern konnten, aber trotzdem je eine Entschädigung von 20 Franken erhielten.

Name von der Redaktion geändert.