Selten zeichnen Staatsanwaltschaft und Verteidigung derart unterschiedliche Bilder der Angeklagten, wie es an der Verhandlung vom Donnerstag vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern geschah. Zwei Männern aus dem kosovo-albanischen Kulturkreis wird vorgeworfen, neben vielen anderen Delikten, in Grenchen einen Barbetreiber während Monaten bedroht und Schutzgelder erpresst zu haben. Die Verteidiger beschrieben den 53-jährigen Schwiegervater und den 31-jährigen Schwiegersohn dagegen als pflichtbewusste Security, die nur den Lohn einforderten, der ihnen zustand.

Der 53-jährige Schwiegervater nahm bei seiner Befragung das Aussageverweigerungsrecht in Anspruch. Der 31-jährige Schwiegersohn, der bereits einmal neun Monate im Gefängnis Witzwil verbracht hat, wollte zur Anklage ebenfalls nichts sagen. Zu seiner persönlichen Situation gab er aber Auskunft: «Mein Leben hat sich seit der Untersuchungshaft komplett geändert», sagte der Kosovare, der als Jugendlicher in der Schweiz Asyl erhalten hatte. Er habe inzwischen seine langjährige Freundin – die Tochter des Mitangeklagten – geheiratet und sei Vater geworden. «Ich will für meine Frau und mein Kind da sein. Die Freunde von früher treffe ich nicht mehr.»

«Balkansystem» in Grenchen

Staatsanwältin Regula Echle zitierte zu Beginn ihres Plädoyers den Schwiegervater: «Das Balkansystem funktioniert so», habe er der Polizei zu Protokoll gegeben. «Die Ermittlungen fanden in einem schwierigen Umfeld statt, weil kaum eine Personen eine weisse Weste hat.»

Es sei aktenkundig, dass gegen die beiden Angeklagten schon mehrfach Anzeigen eingegangen waren, die dann aber von den möglichen Opfern wieder zurückgezogen wurden. «Offenbar aus Angst», so die Staatsanwältin. «Auch diesmal wurden die Geschädigten unter erheblichen Druck gesetzt. Da die Aussagen trotz der Angst gemacht wurden, sind sie glaubwürdig.»

Laut Anklage hatten die beiden Beschuldigten zur Weihnachtszeit 2015 Schlägereien in einer Grenchner Bar «orchestriert», um danach der Betreiberfamilie klar zu machen, dass es ohne Security nicht gehe. Von da an hielt sich der Schwiegersohn regelmässig in der Bar auf, kassiert rund 30 Franken pro Stunde, feierte und konsumierte, ohne zu zahlen. Der Schwiegervater sei nur aufgetaucht, wenn er sein wöchentliches Schutzgeld von 500 Franken einkassieren wollte. Den Ruf, gewalttätig zu sein, hätten die beiden durch massive Drohungen und Tätlichkeiten unterstrichen. Deshalb sei der Tatbestand der gewerbsmässigen Erpressung erfüllt.

«In diesem Kulturkreis gehört es zum guten Ruf, in solchen Bars einen Sicherheitsmann zu haben. Das ist keine Schutzgelderpressung, sondern eine absolute Notwendigkeit», machte Rechtsanwalt Rolf Liniger geltend, der den Schwiegersohn verteidigte. «Ein gutes Beziehungsnetz, eine beeindruckende Erscheinung und kleine Gehaltsvorstellungen. Das sind die Kriterien. Dass es während der fraglichen Zeit zu keinen Zwischenfällen kam, das zeigt, dass mein Mandant als Security die erwartete Wirkung hatte.» Die Behauptung, es handle sich um Schutzgelderpressung, sei lächerlich.

«Ein grosses Märchen, ein schlecht gemachter Mafia-Film.» So bezeichnete Rechtsanwalt Ronny Scruzzi die Anklage, er verteidigte den Schwiegervater. «Die Familie, die die Bar mit Animierdamen und illegalem Glücksspiel betrieb, duldete den Drogenhandel. Sie hat überall Schulden. Die schwarz angestellten Musiker wurden oft um ihren Lohn geprellt. Die beiden Beschuldigten wollten nur ihre berechtigten Lohnansprüche durchsetzen.»

Lange Liste der Anklage

Zur gewerbsmässigen Erpressung gesellten sich weitere Anklagepunkte. Der Schwiegervater soll eine Frau aus Kroatien illegal beschäftigt haben. Der Verteidiger bezeichnete sie als «flüchtige Liebesaffäre, die nur ab und zu aus Gefälligkeit im Geschäft aushalf.» Der Schwiegersohn soll bei einem Bankomaten einen Raubüberfall begangen haben, indem er einen Mann wegstiess und 1000 Franken an sich nahm. «Die Karte eingeschoben und den Pincode eingegeben hat das Opfer, er war ein Bekannter. Es gab keinen Diebstahl und keine Drohung oder Gewalt, also muss ein Freispruch vom Vorwurf des Raubes erfolgen», meinte die Verteidigung dazu.

Die Staatsanwaltschaft forderte für den Schwiegervater eine Freiheitsstrafe von 56 Monaten, die Verteidigung Freisprüche in allen Anklagepunkten und eine Entschädigung von 16'200 Franken für die ungerechtfertigte Untersuchungshaft. Für den Schwiegersohn beantragte die Anklage 66 Monate, die Verteidigung eine Entschädigung von 35'600 Franken wegen der unangebrachten Zwangsmassnahmen.

Die öffentliche Urteilsverkündung folgt heute Freitag um 16 Uhr.