Amtsgericht
Zwei Firmen geschädigt: Chef soll 100 000 Franken veruntreut haben

Ein Gäuer muss sich vor Gericht verantworten, weil er seine Stellung als Chef in einer Firma missbraucht, und zwei Firmen geschädigt haben soll. Erpressung und Urkundenfälschung werden im vorgeworfen. Er meint aber: «Das ist ein anderer gewesen!»

Bastian Heiniger
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Der Autokauf war zwar nicht illegal, der entstandene Streit brachte aber den Fall erst ins Rollen (Symbolbild).

Der Autokauf war zwar nicht illegal, der entstandene Streit brachte aber den Fall erst ins Rollen (Symbolbild).

Marco Tancredi

Er war jung, ehrgeizig und stieg die Karriereleiter allzu schnell empor. Mit 33 wird der angeklagte Elektriker in die Geschäftsleitung eines mittelgrossen Unternehmens der Region Gäu aufgenommen. Ein Jahr später gründet er sein eigenes Unternehmen. Eine Bilderbuchkarriere, eigentlich.

Nur: «Ihm fehlt es an der charakterlichen Integrität eines Chefs», sagt der Staatsanwalt. Er könne Dein und Mein nicht unterscheiden. Er habe seine Stellung missbraucht.

Und so musste sich der heute 44-jährige Gäuer am Mittwoch in Solothurn einem Strafprozess stellen. Die Verhandlung hätte eigentlich am Amtsgericht Thal-Gäu stattfinden sollen. Doch der Fall war zu gross.

Er wurde in den Saal des Obergerichts verlegt. In der 13-seitigen Anklageschrift werden dem Beschuldigten etwa ungetreue Geschäftsbesorgung, mehrfache Urkundenfälschung, Veruntreuung und Erpressung vorgeworfen.

Hinter dem Richterpult steht eine grosse Kartonkiste voller Bundesordner, vor der Tür warten mehrere Zeugen. Bei der Befragung tritt der Beschuldigte auf, als wäre er der Chef im Gerichtssaal. Vorwürfe streitet er allesamt ab. Das sei ein anderer gewesen, sagt er immer wieder.

Der Fall kommt ins Rollen

Dieser Andere brachte 2007 den Fall überhaupt ins Rollen. Damals war der Angeklagte in der Firma B Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident. Sein Mitaktionär, nennen wir ihn Müller, war zuständig für die Buchhaltung und Administration.

In dieser Zeit beschloss das Unternehmen, keine Einkäufe zu tätigen, sparen war angesagt. Doch als Müller aus seinen Ferien zurückkam, lag eine Rechnung von über 227 000 Franken auf seinem Pult. Der Beschuldigte kaufte sich einen Audi und einen VW.

Die Rechnung war mit einem Post-it versehen: «Bezahlen!» Einwände liess der Chef nicht gelten. «Sie sind ein Kleindenker», habe er zu Müller gesagt. «Wenn ich ein Auto will, kaufe ich es.» Müller ging daraufhin aus dem Geschäft, er brauchte einen Kaffee.

Als er zurückkam, waren die Türschlösser ausgewechselt. Müller hatte keinen Zutritt mehr. Fristlose Entlassung. Es folgten eine Anzeige und ein Zivilprozess – weil noch Löhne ausstanden, weil Müller für das Unternehmen bürgte.

Er bekam zwar Recht. Doch bis vors Bundesgericht ging er nicht, als sein ehemaliger Chef den Fall weiterziehen wollte. Zu viel habe er schon verloren. Er wollte das Kapitel abschliessen. Am Strafprozess vom Mittwoch trat Müller denn auch nicht als Zeuge auf.

Staatsanwaltschaft deckt auf

2008 erfolgte auch eine Anzeige der Firma A, wo der Beschuldigte vor seiner Selbstständigkeit als Bereichsleiter angestellt und Mitglied der Geschäftsführung war – und wo auch Müller vorher arbeitete.

Die Staatsanwaltschaft deckte nach und nach die mutmasslichen Machenschaften auf. Und zwar in Firma A und in Firma B. Allein bei der Firma A sind es zwischen 2004 und 2005 fünf Vorfälle.

Drei Beispiele: Bei einem Hotel in der Region Gäu erledigte die Firma A Arbeiten in der Höhe von 11 000 Franken. Die Rechnungen gingen an den Beschuldigten. Er leitete aber nur eine Rechnung in der Höhe von 3000 Franken weiter.

In Absprache mit dem Hotelinhaber habe der Beschuldigte seine Mitarbeiter und private Begleitpersonen mehrfach zum Essen eingeladen.

Beispiel 2: Er habe Rechnungen von über 28 000 Franken für Arbeiten in einem Bordell in der Region vernichtet. Im Gegenzug sollen Gutscheine ausgeteilt worden sein, heisst es in der Gerichtsverhandlung. Der Beschuldigte streitet dies jedoch ab.

Überprüfen lässt sich das Tauschgeschäft nicht – der ehemalige Bordellbesitzer wurde aus der Schweiz ausgewiesen und dessen Mitbetreiber ist untergetaucht.

Beispiel 3: Im Oktober 2005 übernimmt der Beschuldigte seinen Bereich der Firma A und gründet zusammen mit Müller und zwei weiteren Personen die Firma B. Diese übernimmt Mobiliar, Material und Kundenstamm der Firma A. Bis zum 31. Oktober hätten gemäss Vertrag Arbeiten an die Firma A verrechnet werden sollen.

Hätten. Das Geld floss in das neue Unternehmen. Firma A wurde so um über 10 000 Franken geschädigt. Ein Gesamtschaden von über 70 000 Franken.

Verteidiger fordert Freispruch

Ähnlich ging es auch im eigenen Betrieb weiter. Zwischen 2005 und 2009 hat sich der Beschuldigte laut Anklageschrift in vier Fällen der ungetreuen Geschäftsbesorgung schuldig gemacht.

So habe er sich private Rechnungen, etwa für Anwaltskosten von über 11 000 Franken oder für Bauarbeiten an seinem und auch an Müllers Einfamilienhaus, über die Firma verbuchen lassen – ohne diese korrekt auszubuchen. Der Schaden: über 27 000 Franken.

Dann der mutmassliche Erpressungsversuch: 2007 soll er den Treuhänder der Firma A zu sich ins Büro bestellt haben. Laut Staatsanwaltschaft drohte der Beschuldigte, sensible Daten der Firma A an die Steuerbehörden weiterzuleiten, sofern diese ihm nicht 1,5 Millionen Franken bezahlen würde.

Darauf ging die Firma A jedoch nicht ein. Der Beschuldigte streitet die Erpressung ab. Es steht Aussage gegen Aussage.

Die Verteidigung fordert einen Freispruch in allen Punkten. «Dass Müller nicht zur Verhandlung kam, ist ein Affront», sagt der Verteidiger. Dieser wolle nun alles dem Beschuldigten in die Schuhe schieben. Dabei habe Müller, der für die Buchhaltung zuständig war, die Abrechnungen getätigt.

Am Schluss darf noch mal der Beschuldigte sprechen: Das Plädoyer des Staatsanwalts habe ihn persönlich verletzt. Sein anfängliches Selbstbewusstsein ist einer zittrigen Stimme gewichen. Das Urteil fällt im Januar.

Die beiden Firmen

Im Gerichtsfall geht es um zwei Unternehmen: Firma A und Firma B. In beiden soll sich der Beschuldigte privat bereichert haben.

In Firma A fungierte er zwischen 2004 und 2005 als Bereichsleiter und gehörte zur Geschäftsleitung. Sein Bereich führte Elektroinstallationen durch. 2005 wollte die Firma A diesen Bereich an ein Stromunternehmen verkaufen.

Der Deal platzte. Also gründete der Beschuldigte die Firma B – zusammen mit bereits vertrauten Mitarbeitern.

Sie übernahmen Mobiliar und Kunden der Firma A. Der Beschuldigte fungierte nun als Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident.

2009 ging die Firma B schliesslich in Konkurs. Der Beschuldigte führt heute ein neues Unternehmen.