Kanton Solothurn

Zwar kein Corona, aber durchs ständige Daheimbleiben drohen Senioren andere Leiden

Auch in Zeiten von Corona dringend geboten: Bewegung an der frischen Luft. (Archiv)

Auch in Zeiten von Corona dringend geboten: Bewegung an der frischen Luft. (Archiv)

Während der Coronapandemie bleiben viele Rentner zuhause. Ohne Bewegung draussen an der frischen Luft setzen sie aber ihre Gesundheit aufs Spiel.

Die dringende Empfehlung daheim zu bleiben, hält die meisten Leute nicht davon ab, sich regelmässig draussen zu bewegen. Sie spazieren, joggen oder fahren Velo. Doch es gibt Ausnahmen, besonders bei den Seniorinnen und Senioren, die in der herrschenden Pandemie gesamthaft als Risikogruppe eingestuft sind. Diese Personen überlassen oft nicht nur das Einkaufen jüngeren Leuten, sie verlassen das Haus gar nicht mehr.

Einer der Orte, an dem sich das Phänomen zeigt, ist der Schrebergarten. Bereits vor Ostern äusserte sich der Präsident des Grenchner Familiengartenvereins, Rolf Vogt, besorgt, dass vereinzelte betagte Pächter seit dem Beginn des Ausnahmezustandes Mitte März ihre Parzellen in der Witi nicht mehr besuchen. Diese Gartenparzellen bleiben seither verwaist oder werden von jüngeren Angehörigen der Pächter oder von Nachbarn gepflegt.

Da sich die Selbstisolation im Verborgenen abspielt, ist sie sonst allenfalls Angehörigen, Nachbarn und der Spitex (siehe Text unten) bekannt. Deshalb sind die Motive dafür unklar. Naheliegende Vermutungen: Furcht vor Ansteckung mit dem Coronavirus; eine strikte Auslegung der Empfehlungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) die Wohnung nur in Ausnahmefällen zu verlassen – wobei Spazieren gehen im Ausnahmekatalog nicht explizit erwähnt wird; oder, ganz banal, eine ohnehin bestehende Neigung zum Stubenhockertum, der nun mit (vermeintlich) obrigkeitlichem Segen nachgelebt werden darf.

Es droht ein Verlust der Selbstständigkeit

Was auf den ersten Blick vorbildlich wirkt, gefährdet die Gesundheit der Betroffenen mit jedem Tag mehr. Dies gilt besonders im Hinblick darauf, dass der Alltag der Altersgruppe 65+ länger und stärker eingeschränkt bleiben dürfte als für jüngere Leute. Schon jetzt, in der sechsten Woche des Ausnahmezustandes, sind Senioren, die gar nicht mehr aus dem Haus gehen, bedroht von körperlichen und psychischen Leiden.

Dazu gehören Schlafstörungen, Muskelschwund, der Verlust von Kraft und Beweglichkeit mit dem erhöhten Risiko von Stürzen, Vitaminmangel (durch falsche Ernährung und wegen des Mangels an Sonne auf der Haut), Osteoporose sowie eine Reihe von psychischen Krankheiten.

Das bestätigen auf Anfrage Expertinnen der Solothurner Spitäler AG (soH), die Chefärztin Akutgeriatrie, Vesna Stojanovic, sowie die Gerontopsychologin, Nicole Rach. Einige der Leiden und Krankheiten, die durch ständiges Daheimbleiben drohen, könnten die Lebensqualität ernsthaft beeinträchtigen. Das gelte besonders, wenn die Gesundheit bereits angeschlagen ist.

Aus Studien vor der Pandemie sei bekannt, dass «Immobilität und soziale Isolation besonders auf Menschen, die älter als 65 sind, schwerwiegende Folgen haben können», sagt Stojanovic. Gerade Personen mit Demenzkrankheiten, die bis anhin mit wenig Unterstützung selbstständig leben konnten, seien jetzt gefährdet, denn: «Eine aktuelle Studie aus China zeigt, dass Social Distancing mit einer Verschlechterung der Gedächtnisfunktionen bei älteren Menschen einhergeht», so Stojanovic.

Erschwerend komme hinzu, dass digitale Kommunikationsmittel und Telefon-Hotlines solche Personen überfordern. Liegt eine Demenz im Anfangsstadium vor, droht durch die Isolation folglich ein ungünstiger Krankheitsverlauf und damit eine (frühere) Einweisung in eine Institution.

Alleinlebende und Paare gleichermassen betroffen

Wie verbreitet das strikte Daheimbleiben bei den Senioren ist, können die soH-Expertinnen nicht abschätzen. Gerontopsychologin Rach weist darauf hin, dass ihr neben einer guten Umsetzung der BAG-Empfehlungen beide Extreme begegnen: überängstlicher Rückzug und Missachtung der Schutzbestimmungen. «Mir sind ältere Personen bekannt, die ihre Wohnung gar nicht mehr verlassen.» Daneben gebe es «Personen im deutlich fortgeschrittenen Lebensalter und mit mehreren risikobehafteten Vorerkrankungen, die ihren Alltag kaum verändert haben».

Bei der strikten Quarantäne handle es sich übrigens nicht nur um alleinlebende Personen, sondern teilweise um Paare. Als Grund würden diese Leute hauptsächlich Angst vor einer Erkrankung angeben, aber nicht nur. «Ich weiss auch von Vorfällen, in denen Ältere in Geschäften angepöbelt wurden oder böse Blicke ertragen mussten.» Eindringlich warnt Rach deshalb von einer schleichenden Altersdiskriminierung.

Der Balkon-Aufenthalt allein genügt nicht

Ungünstig für Körper und Geist ist neben der wochenlangen Dauer des Ausnahmezustands auch die Ungewissheit der künftigen Entwicklung. Was hingegen bei diesem Problem gerade hochbetagten Senioren aus der «Verzichtsgeneration» zugutekommt, so Rach, sei die Erfahrung, dass man im Leben nicht immer alles haben kann. Deshalb falle ihnen zeitweiser Verzicht leichter als manchen Vertretern der jüngeren «Anspruchsgeneration». Grundsätzlich empfehlen Rach und Stojanovic den Senioren sich wenn immer möglich zu bewegen und bei schönem Wetter in der Nähe der Wohnung spazieren zu gehen.

«Schon ein Spaziergang von 15 bis 30 Minuten täglich führt zu einer signifikanten Reduktion des Sturzrisikos», sagt Stojanovic. Rach ergänzt: «Frische Luft und Sonne auf dem Balkon ist sicher gut, kann aber Bewegung draussen nicht ersetzen.» Dabei ist ihr bewusst, dass sich ein Mahlzeitendienst einfacher organisieren lässt als etwa eine Begleitung zum Spazieren. Beim Spazieren, so betont sie, müssen im Interesse der Gesellschaft die Distanzregeln beachtet werden, die für alle gelten. Ihr Tipp für ängstliche Zeitgenossen und solche, die gern allein etwas unternehmen: Genügend breite Pfade und Strassen wählen, wie sie in den meisten Wohnquartieren vorhanden sind, und eine Tageszeit, in der nicht viele Leute unterwegs sind.

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