Countertenor
Zurück zu den Anfängen: Dieser Mann singt so hoch wie eine Frau

Der Solothurner Countertenor Jan Börner singt im Konzert mit dem Kammerchor Buchsgau und den Singknaben, bei denen er als 9-Jähriger bereits gross rauskam.

Silvia Rietz
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Der Jan Börner aus Solothurn ist als Countertenor ein gefragter Solist.

Der Jan Börner aus Solothurn ist als Countertenor ein gefragter Solist.

Silvia Rietz

Jan Börner klettert auf Berge, fährt eine schwere Maschine. Ein Mannsbild wie aus dem Bilderbuch. Betritt er das Konzertpodium, folgen ihm bewundernde Blicke. Erklingt der erste Ton, gibt es oft ein Raunen: Der Mann singt so hoch wie eine Frau. Jan Börner gehört zur raren Spezies der Countertenöre. Es ist dem ehemaligen Singknaben der St.-Ursen-Kathedrale gelungen, die hohe Knabensingstimme über den Stimmbruch hinaus zu erhalten.

Dennoch wirkt nichts gekünstelt. Börners Counter strömt mühelos dahin. Er braucht weder zu forcieren noch in den Sprechgesang zu verfallen, sondern verlässt sich auf seine natürliche Stimme. Trotzdem singt der 30-jährige in Hubersdorf aufgewachsene Musiker nicht nur im Falsett, sondern auch im Baritonregister. «In der kommenden Johannes-Passion mit den Singknaben bin ich sowohl als Altus wie auch als Bariton (Jesus) im Einsatz», erzählt er.

Bereits als Neunjähriger sang er im bekannten Solothurner Knabenchor. «Der damalige Leiter Peter Scherer erkannte mein Potenzial früh, liess mich Soli singen. Ohne diese Erfahrungen hätte ich wohl kaum ein Leben als Berufsmusiker gewählt», ergänzt er. Am meisten wird der Countertenor für Alte Musik verpflichtet. Börner: «Vom gregorianischen Choral bis zu barocken Kantaten, Motetten, Passionen und Oratorien habe ich diese Musik in Frankreich, Belgien, Norwegen, Deutschland und sogar in Brasilien gesungen.» Neben dem Mandat als Musiklehrer in Zug singt er gut vierzig Konzerte im Jahr, ist also geübt im Kofferpacken. Einmal allerdings landeten die falschen Noten im Gepäck. «Zum Glück kenne ich das Weihnachtsoratorium von den Singknaben her in- und auswendig und konnte meinen Part trotzdem mühelos singen.»

Einzig in der ersten Reihe hätten sich wohl einige Besucher gewundert, warum der Solist Noten der Johannes-Passion in den Händen halte und etwas ganz anderes singe. Neben Bach, Schütz und Händel gehören Purcell und Dowland zu seinen Favoriten. «Die englische Vokalmusik ist für mich sehr wichtig. England ist das Mutterland des Countertenor-Gesangs», resümiert er. Der Fixpunkt für die Ausbildung bildet die Schola Cantorum Basiliensis in Basel.

Mit siebzehn mailte er an die renommierte Musikhochschule. Postwendend wurde er an den berühmten Richard Levitt verwiesen. «Mit klopfendem Herzen telefonierte ich dem verehrten Altmeister. Als ich meinen Namen nannte, meinte er lakonisch: Ja, toll. Und? Wann kommst Du? Eigentlich wollte Levitt keinen Anfänger mehr als Privatschüler nehmen. Für den Solothurner machte er aber eine Ausnahme. Später wurde das Nachwuchstalent Student an der Schola und wechselte zu Ulrich Messthaler. Der Professor ging das Experiment, erstmals einen Countertenor zu unterrichten, ein, weil er von der Stimme überzeugt war.

Gerne würde Jan Börner auch im Musiktheater Fuss fassen: «In der Barockoper werden heute viele Hosenrollen mit Frauen besetzt. Dabei war die Grundidee, dass die Helden von Männern mit sehr hohen Stimmen verkörpert werden.» So wählte Händel für den Titelhelden «Giulio Cesare» die hohe Stimmlage der Kastraten. Diese galten vor rund 300 Jahren als das Ideal in der Oper. Kastraten wie Farinelli waren umjubelte Superstars. In den 70er-Jahren des 18. Jahrhunderts war die Hochblüte dieser Sänger vorbei. Im 20. Jahrhundert wurde es dann üblich, solche Rollen in typische Männerlagen zu transponieren, um so den Hörerwartungen zu entsprechen. Dies änderte sich erst mit dem Boom der Historischen Aufführungspraxis. Heute setzt man entweder auf Frauenstimmen oder auf Countertenöre. Jan Börner lachend: «Unser Falsett klingt jedoch deutlich anders als eine Kastratenstimme.» In den kommenden Passionskonzerten zeigt Jan Börner, wie virtuos ein Countertenor klingen und welche Höhen er erklimmen kann.

5. April, 19.30 Uhr/6. April, 17 Uhr, G. Ph. Telemann «Der Tod Jesu», Marienkirche, Oberbuchsiten mit dem Kammerchor Buchsgau. 12. April, 19 Uhr, J. S. Bach «Johannespassion», Jesuitenkirche Solothurn mit den Solothurner Singknaben.