Oper
Zum TOBS-Saisonauftakt gibts einen Mafia-Knaller

Die Premiere von «Il Barbiere di Siviglia» des Theaters und Orchesters Biel Solothurn Tobs in Biel wurde bejubelt.

Silvia Rietz
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Theater Orchester Biel Solothurn mit «Il Barbiere di Siviglia»
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Theater Orchester Biel Solothurn mit «Il Barbiere di Siviglia»

Sabine Burger

Tobs eröffnet die Saison des Musiktheaters mit «Il Barbiere di Siviglia», Rossinis witziger Ode an den Coiffeur. In Biel mutiert sie zur Ode an Coppolas Mafia-Paten. In der Inszenierung von Joël Lauwers agiert nicht der korrupte Figaro als Strippenzieher, sondern der von Leonardo Galeazzi grandios verkörperte «Pate» Don Bartolo. Das spielfreudige Ensemble begeisterte unter der musikalischen Leitung von Franco Trinca mit einer quirligen Gauner-Komödie.

Dieser Barbier von Sevilla hat Gewehr und Pistole griffbereit und dient dem Paten von Sizilien. Kein innovativer Kunstgriff, aber mit dem Vorteil, dass die Herren des Chors als Bodyguards, Gangster und Polizisten ständig präsent sind, ihre Rollen nicht nur hervorragend singen, sondern lustvoll zelebrieren. Ausstatter Poppi Ranchetti hat Knarren, Anzüge und Sonnenbrillen dem Filmklassiker entliehen, Regisseur Joël Lauwers lässt die Mafiosi in der Anfangsszene tüchtig rumballern.

Trinca kitzelt den Rossini-Charme

In der düsteren Atmosphäre des ersten Bildes mag selbst Figaros «Largo al factotum» keine Funken versprühen. Doch kaum öffnet sich die Türe zum Hotel des Paten, bleiben Leichen und Verwundete aussen vor, regiert der mitreissende Geist der Komödie. Franco Trinca kitzelt den unwiderstehlichen Rossini-Charme bereits aus der Ouvertüre, leitet die Musikerinnen und Musiker des Theater Orchester Biel Solothurn gewohnt schwungvoll und präzise durch die Partitur. Der Maestro kann nicht nur auf ein motiviertes Orchester zählen, sondern auf Sängerinnen und Sängern, die mit Koloraturglanz und Slapstick Manier aufwarten.

Rossinis Opera buffa besticht ja mit Tempo, Belcanto-Perlen und atemberaubendem Parlando. All dies beherrscht Bariton Leonardo Galeazzi meisterhaft. Ein Bartolo, der «Un dottore» zum vokalen und szenischen Höhepunkt formt. Ein Buffo, der selbst in komischen Situationen dramatisch und expressiv zu singen vermag, dabei wendig artikuliert – das hat Weltklasse. Titelheld Geani Brad wirkte bei der berühmten Kavatine noch nicht ganz so locker, steigert sich aber im Verlaufe des Abends zur Bestform, gefällt mit schönem Timbre. Ebenfalls mit tiefer Samtstimme und im Mafioso-Habit hält Don Basilio alias Boris Petronje die Hand auf. Er zieht den Revolver genau so geschickt, wie er mit den Wendungen von «La Calunnia» betört.

Im Reigen der Rosina-Anbeter macht jedoch Almaviva das Rennen. Der Conte will die Angebetete erst mit Mario Lanza ab Schallplatte verführen, bevor er sie mit seinem lyrischen Tenor bezaubert. Dabei entpuppt sich Manuel Nuñez Camelino als wahrer Verkleidungskünstler. Der Argentinier punktet mit ungezwungenem Spiel, weiss sich durchzusetzen. Auch bei Rosina. Die Israelin Reut Ventorero scheint im kleinen Schwarzen mit Hut und Handschuhen nicht dem «Paten», sondern eher dem Hollywood-Klassiker «Frühstück bei Tiffany» entstiegen zu sein. Mit hohem Mezzo kokettiert, schmollt und umgarnt sie sowohl den Mafia-Boss wie auch Lindoro als Gesangslehrer und Offizier. Wobei sie bei «Una voce poco fa» das «ma» dramaturgisch geschickt als Effekt einsetzt.

Wie sehr das von Lauwers angeleitete Ensemble zusammengewachsen ist, zeigt sich im herrlichen «Buona sera», bei dem kein Auge trocken bleibt. Ob man ein Waffenarsenal auf der Bühne mag, ist Frage des persönlichen Geschmacks. Dennoch: Der Barbiere im Mafia-Milieu ist – vor allem musikalisch – alles andere als eine Platzpatrone, sondern als Knaller zum Saisonauftakt.

Premiere von «Il Barbiere di Siviglia» in Solothurn: 30. September, 19.00 Uhr, im Stadttheater.