Tradition
Zum orthodoxen Osterfest gehören Sliwowitz und Spanferkel einfach dazu

Heute findet das russisch-orthodoxe Osterfest statt. Jasmina Rajic aus Gränichen gewährt Einblick in ihre Traditionen.

Tijana Nikolic
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Spanferkel gilt als traditionelles Essen an russisch-orthodoxen Feiertagen.
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Patriarch Pavle.
Russisch-Orthodoxes Osterfest

Spanferkel gilt als traditionelles Essen an russisch-orthodoxen Feiertagen.

Tijana Nikolic

Ostern ist noch nicht vorbei. Zumindest noch nicht bei der russisch-orthodoxen Glaubensgemeinde. Denn heute, eine Woche nach dem Osterfest der Katholiken, findet nach dem julianischen Kalender das russisch-orthodoxe Osterfest statt. Der Hauptunterschied zwischen den beiden Festen liegt vor allem in der Zeitberechnung.

Einige Unterschiede gibt es auch bei den Bräuchen. Eine orthodoxe Familie aus Gränichen AG gewährt Einblick in diese Kulturunterschiede. An Karfreitag wird streng gefastet und wie bei den Katholiken nur Fisch gegessen. Ein Verstoss gegen diesen Fastentag wird als eine grosse Sünde angesehen. Falls jemand versehentlich etwas Verbotenes isst, muss er Gott sofort in einem kurzen Gebet um Verzeihung bitten.

Die ganze Familie trifft sich an Karfreitag bei einem Familienmitglied zu Hause, um dort die Ostereier zu färben. «Niemandem würde in den Sinn kommen, gefärbte Eier aus einem Laden zu kaufen. Das machen wir natürlich alles selber mit der Familie zusammen. Es geht um das Zusammensein», sagt Jasmina Rajic. Man nehme meistens frei an diesem Tag und färbe den ganzen Nachmittag gemeinsam Eier. «Es wird geplaudert und Spass gehabt. Gefärbt wird traditionell mit gekochten Zwiebelschalen», erzählt die gebürtige Serbin.

Die meisten Arbeitgeber wissen Bescheid, wegen des Datumsunterschieds und sind mit ihren orthodoxen Arbeitnehmern sehr kulant. «Man kann mittlerweile problemlos freinehmen an unserem Fest», meint Jasmina. Am Samstag wird jeweils gross gekocht und alles vorbereitet. Das Essen ist immer das mehrgängige traditionelle Mahl, wie jedes Jahr. Dazu gehören Spanferkel frisch vom Grill (schmeckt auch kalt immer noch sehr gut), russischer Salat mit üppig viel Mayonnaise, Slani Rolat (mit Schinken und Frischkäse gefüllte Rouladen), eingelegte Kabisblätter gefüllt mit Hackfleisch und zwei oder drei selbst gemachte Torten.

«Das Spanferkel, wie es mein Mann Milorad zubereitet, ist das beste, das ich je gegessen habe», schwärmt Jasmina Rajic. Auf Bestellung mache er das auch für andere Leute. «Er hat sich da ein kleines Geschäft aufgebaut», meint sie schmunzelnd. Diese Speisen werden übrigens auch am Weihnachten und an anderen grösseren Heiligenfesten serviert.

Zurück zum Karfreitag: Jasmina Rajic sitzt mit ihrer Schwester, Mutter und Tochter am Küchentisch. Gemeinsam wickeln die Frauen die vorbereiteten Eier in Nylonstrümpfe, die sie am Ende mit einer Schnur zubinden. Bevor sie anfangen, geht traditionell das jüngste Kind der Familie in den Garten und sammelt schöne Blumen und Blätter, welche dann als Motive um die Eier gewickelt werden.

Es herrscht eine ausgelassene Stimmung. Die Frauen unterhalten sich über die Tortenrezepte und um welche Zeit sie sich zum gemeinsamen Osterfestessen treffen wollen. Jede von ihnen trinkt dazu ein Glas selbstgebrannten Sliwowitz, welcher immer wieder aufs Neue aufgefüllt wird. Hierbei handelt es sich um einen Zwetschgenschnaps aus Serbien, der dort von den Familien selbst gemacht wird. «Viele Leute wundern sich, warum wir so viel davon problemlos trinken können und höchstens ein wenig beschwipst sind. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man bei uns damit aufwächst. Schon die Kinder dürfen daran nippen. Unser Schnaps ist aus natürlichen Zutaten, ohne Schadstoffe, und wir halten deshalb ein Gläschen davon zwischendurch für sehr gesund», sagt Jasmina Rajic.

Die alte und die neue Zeitmessung

Das heiligste Fest der Orthodoxie ist wie bei den Katholiken auch das Osterfest. Die Fastenzeit vor dem Osterfest beträgt bei den Katholiken 40 Tage und bei den Russisch-Orthodoxen 70 Tage.

Der Hauptunterschied zwischen den beiden Glaubensrichtungen besteht darin, dass das Jahr in fast allen orthodoxen Kirchen (eine der Ausnahmen wäre beispielsweise die finnische Kirche) nach dem julianischen Kalender berechnet wird. Dieser wurde seinerzeit von Julius Caesar eingeführt. Als Hauptkirchen des orthodoxen Glaubens sind in erster Linie die russische, die griechische, die serbische und die rumänische Kirche zu verstehen.

Das Kirchenjahr der orthodoxen Gemeinde beginnt am 1. September. Einige der Kirchen halten jedoch für einzelne Feste am julianischen Kalender fest. In Griechenland feiert man beispielsweise Weihnachten auch wie im Westen am 25. Dezember. In Russland und der Ukraine feiert man Weihnachten jedoch erst am 7. Januar des Folgejahres.

Der heute weltweit verbreitete gregorianische Kalender (benannt nach Papst Gregor XIII.) entstand Ende des 16. Jahrhunderts. Der julianische Kalender hinkte damals dem Jahreslauf der Sonne im 16. Jahrhundert, im Verhältnis zum 4. Jahrhundert, bereits um zehn Tage nach. Da ein julianisches Kalenderjahr mit seinen durchschnittlichen 365,25 Tagen um etwa elf Minuten länger ist als das Sonnenjahr heisst das, dass der julianische Kalender den astronomischen Ereignissen im Sonnenjahr um fast zwei Wochen nachhinkte. Der gregorianische Kalender ist nicht ein grundsätzlich anderer, sondern ein flexibilisierter julianischer Kalender. Von Zeit zu Zeit fallen die Osterdaten der Westkirche und der Ostkirche zusammen. Meistens liegen sie jedoch eine bis fünf Wochen auseinander.

Im Mai 1923 gab es eine grosse, weltweite Debatte, in der man die Ostkirchen von der Notwendigkeit, den gregorianischen Kalender zu reformieren, überzeugen wollte. Diese Debatte stand zur Diskussion, nachdem nahezu alle Staaten mit orthodoxer Bevölkerung im säkularen Bereich den reformierten Kalender eingeführt hatten.
In Russland geschah dies mit der Gründung der Sowjetunion. So ein Beschluss wurde jedoch bis heute nicht verwirklicht. (tn)

Am Ostersonntag geht die ganze Familie am frühen Vormittag in die Kirche. An diesem Tag finden praktisch in jedem Kanton Messen statt. «Ich und meine Familie besuchen am liebsten die Messe in Buchrein im Kanton Luzern. Der Pfarrer dieser Kirche kommt aus dem gleichen Dorf in Serbien wie wir», erwähnt Jasmina Rajic. Mit einem Stück Brot und einem Schluck geweihtem Wein wird der Abschluss der Fastenzeit feierlich zelebriert und damit den Gläubigen die Sünden vergeben. Diese Zeremonie wird jeweils an Weihnachten und an Ostern durchgeführt. «Bei der Fastenzeit vor Ostern habe ich dieses Mal nicht mitgemacht, weil ich schon vor Weihnachten gefastet habe», berichtet Jasmina Rajic. Die Fastenzeit bei den Orthodoxen dauert 70 Tage. Zweimal im Jahr zu Fasten, sei ihr einfach zu viel.

Beim Verlassen der Messe bekommen alle Kirchenbesucher ein verziertes Osterei geschenkt. Osterhasen wie im Westen gibt es im orthodoxen Glauben keine. Die Kinder werden aber dennoch damit beschenkt, damit sich nicht benachteiligt fühlen.

Nach der Kirche versammelt sich die Familie am reich gedeckten Tisch. Es wird viel gegessen und getrunken. Danach wird Kaffee serviert und ausgiebig geplaudert, bis sich wieder Hunger einstellt. Dann wird ein zweites Mal gegessen. Besuch wird an Ostern keiner empfangen, die Familie bleibt unter sich. Am Ostermontag wird dann nochmals festlich zusammen diniert. «Es geht vor allem darum, eine gemütliche Zeit mit seinen Liebsten zu verbringen und diesen heiligen Tag zu ehren», so Jasmina Rajic.

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