Sie verbreiteten Angst und Schrecken im Wasseramt, fast wie vor 90 Jahren Bonnie und Clyde im Mittleren Westen der USA. Laut Anklageschrift haben Rolf M.* und Karin L.* gemeinsam zwei Restaurants und einen Kiosk überfallen, drei Motorräder gestohlen und eine Indoor-Hanfproduktion betrieben.

Die Liste, die vor dem Amtsgericht Buchegg-Wasseramt verhandelt wurde, enthielt nicht weniger als 15 Anklagepunkte. Darunter auch versuchte Tötung, denn bei einem der Raubüberfälle wurde ein Schuss abgegeben.

Gerade einmal 21 Jahre alt war Rolf M. Ende März 2010, als er mit einer geladenen Pistole das Restaurant Linde in Subingen überfiel. «Plötzlich stand da ein Mann mit Kapuze und ein Gast sagte noch, die Pistole ist nicht echt», sagte der damalige Wirt vor Gericht. «Da nahm der vermummte Mann das Magazin mit den Schüssen raus und zeigte es uns. Ich wollte mich mit einen Stuhl wehren, aber er zielte mit der Pistole auf mich.»

Dann sei der Mann mit dem Portemonnaie geflüchtet, in dem die Tageseinnahmen von 2100 Franken waren. «Wir gingen hinaus und sahen, wie zwei Leute auf einem Motorrad Richtung Deitingen davonfuhren.»

Dieser Schuss ging nach hinten los

Dieser Schuss ging nach hinten los

Vor rund 6 Jahren wurden zwei Restaurants in Subingen und Kriegsstetten überfallen. Der 28-jährige Täter S.L. stand heute vor Gericht.

Doch das Motorrad bog bald darauf ab und fuhr nicht nach Deitingen, sondern nach Kriegstetten, wo im Romantikhotel Sternen schon der zweite Raubüberfall des Abends auf dem Programm stand. «Da rannte einer bei uns ins Office und schrie herum», erzählte der damalige Chef des Abends dem Gericht. «Ich ging gleich auf ihn los und war der Meinung, das sei ein Theater. Ich glaubte nicht, dass das eine echte Pistole war. Dann bekam ich einen Schlag auf den Kopf und war benommen.»

Der Schuss ins Gemälde

Der Räuber rannte davon und ein Gast warf ihm noch einen Stuhl in den Weg. Da schoss er – und traf das Bild von General Guisan an der Wand. Ein Mitarbeiter beschrieb die Szene dramatisch: «Vor dem Schuss hat er auf den Gast gezielt. Die Kugel ist nur um einen halben, maximal einen ganzen Meter daneben gegangen.» Ohne Beute flüchtete der Räuber aus dem Sternen. Auch hier wurden zwei Personen auf einem Motorrad beobachtet.

Staatsanwältin Claudia Scartazzini klagte Karin L. der Gehilfenschaft zum mehrfachen, qualifizierten Raub an. Die Freundin habe Schmiere gestanden und auf der Flucht das Motorrad gelenkt. «Ich kann gar nicht Motorrad fahren», verteidigte sich die damals 22-Jährige. Sie sei daheim gewesen und habe von nichts gewusst.

Dann brachte Rolf M. mit einem «Samir» den grossen Unbekannten ins Spiel. «Wer ist dieser Samir?», wollte Gerichtspräsident Ueli Kölliker wissen. «Ein Typ, den ich vorher nur ein paar Mal gesehen habe», erklärte der Angeklagte. Er gab zu, dass er in der Linde den Raub durchgezogen hatte. Aber im Sternen, da sei es eben der Samir gewesen, der schoss. «Ich habe auf dem Motorrad gewartet.» Zu den anderen Anklagepunkten sagte Rolf M. jeweils kurz und bündig «stimmt».

Die fehlende Tagebuchseite

«Warum wurde aus ihrem Tagebuch ausgerechnet die Seite mit dem Tag herausgerissen, als die beiden Raubüberfälle stattfanden?», stellte der Gerichtspräsident die Glaubwürdigkeit der Angeklagten auf eine Probe. «Das weiss ich nicht», antwortete diese.

Beim dritten Raubüberfall, nur drei Wochen später auf den Kiosk in Alchenflüh, gab Karin L. zu, dass sie beim Motorrad auf ihren Komplizen gewartet hatte. Rolf M. habe ihr das Geld und die Waffe in die Hand gedrückt, um das Motorrad zu starten. Sie bestritt aber, eine Passantin mit der Waffe bedroht zu haben, die eingreifen wollte.

Dass sie zusammen eine Indoorplantage in Niederönz betrieben hatten, die alle drei Wochen etwa 3400 Franken Gewinn einbrachte, gestanden beide Angekalgten ein. Bei den Einbrüchen in Niederbipp und Lengnau, bei denen sie insgesamt drei fabrikneue, potente Motorräder stahlen, gab Karin L. zu, ihren Komplizen mit dem Auto zum Tatort gefahren und Schmiere gestanden zu haben.

Zechprellerei zum Abschluss

Als das kriminelle Paar merkte, dass die Verhaftung unmittelbar bevorstand, machte es noch einen Ausflug ins Tessin. Die beiden liessen es sich im noblen Morcote gut gehen und bezahlten die Rechnung nicht. Ein weiteres Opfer ist der gemeinsame Hund: Nach der Verhaftung wurde dieser im Heim untergebracht. «Ich wollte ihn eigentlich zu mir holen, aber man sagte mir, er sei in eine Familie vermittelt worden», meinte Karin L. dazu. Das Tierheim schickte dem Gericht eine Rechnung über 19'290 Franken.

Die Verhandlung geht am Mittwoch mit den Plädoyers der Anklage und der Verteidiger weiter. Die Urteilsverkündung ist für Donnerstagmorgen vorgesehen.

*Namen von der Redaktion geändert