Kanton Solothurn
Zuhause üben, Leute zählen, Experte im Videocall: 3 Lehrlinge – 3 Schicksale in der Coronakrise

Corona hat ganze Branchen lahmgelegt und unseren Alltag einschneidend verändert. Wir haben drei Lehrlinge aus der Region besucht, denen das Virus einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht hat. Auf die eine oder andere Weise.

Sébastian Lavoyer 
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Coiffeur-Lehrlinge mussten in dieser Zeit zuhause üben.

Coiffeur-Lehrlinge mussten in dieser Zeit zuhause üben.

Tom Ulrich

Unsere Reise durch die von Corona zerrüttete Lehrstellenlandschaft beginnt in Lengnau. Einfamilienhaus-Idylle am Jurasüdfuss. Die Sonne brennt auf die Ziegeldächer der Grenchner Agglomerationsgemeinde. Es ist der letzte Tag des Lockdowns für zahlreiche Betriebe. Insbesondere das Kleingewerbe atmet auf. Sechs Wochen Stillstand neigen sich dem Ende. Hier treffen wir im Garten ihres Elternhauses:

Gina Schneiter, Coiffeur-Lehrtocher, 18

Gina Schneiter hat sechs Wochen lang Puppenköpfe frisiert. Bei sich zu Hause im Bad ihres Elternhauses.

Gina Schneiter hat sechs Wochen lang Puppenköpfe frisiert. Bei sich zu Hause im Bad ihres Elternhauses.

Tom Ulrich

Die erste herbe Enttäuschung erlebt Gina Schneiter unmittelbar vor dem Lockdown. Anfang März feiert die junge Frau ihren 18. Geburtstag. Aber was heisst schon feiern. Corona ist bereits in aller Munde. Anstatt die grosse Party in einem Klub feiert sie mit fünf Freundinnen daheim. Als der Bundesrat dann die Coiffeurbetriebe per sofort stilllegte, hätte sie eigentlich in Solothurn arbeiten müssen. Doch sie war krank. Leichter Husten, ein bisschen Fieber.

Richtig verabschiedet hat sie sich deswegen von ihren Kolleginnen bei Intercoiffure Kräuchi nicht. Seit Mitte März ist sie nun daheim. Aber wie wird man als Coiffeuse ausgebildet, wenn man nicht arbeiten kann? «Ich konnte bei meinem Lehrbetrieb nach knapp einer Woche fünf Puppen abholen gehen», sagt Schneiter. Jeden Tag hat sie eine bearbeitet. Daheim im Bad. Allein mit einem schweigenden Kopf mit Kunsthaar. Feedback gibt’s von der Lehrmeisterin via Videocall. Immer wieder haben sie so Kontakt. Sie kriegt Tipps, wiederholt Arbeitsschritte, übt sich an neuen Schnittwinkeln.

Und immer wieder am Messerhaarschnitt, ihrem Prüfungsschnitt. Eine Schnitttechnik, die ausser bei der Prüfung kaum gefragt ist und vor allem bei langhaarigen Männern zum Zug kommt. Dabei hat sie zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, wie genau ihr Abschluss laufen wird. Trotzdem sagt sie: «Ich hatte Glück. Mehrere Kolleginnen konnten einfach gar nichts mehr machen, weil sie keine Puppen zur Verfügung gestellt bekamen.»

Unterdessen ist klar: Eine theoretische Prüfung wird sie nicht schreiben. Am gleichen Tag, an dem wir uns treffen, erfährt sie aber, dass sie Anfang Juli zum praktischen Test antraben muss. «Eigentlich freue ich mich darauf», sagt sie. Wenigstens wisse sie jetzt, wofür sie all die Tage im Badezimmer verbracht habe. «Ein bisschen doof» aber findet sie, dass sie mit einem «richtigen Model», also einem langhaarigen Mann, arbeiten muss. Eigentlich mag sie das ja, das Arbeiten am und mit Menschen. Aber das Virus verunsichert. «Was, wenn das Model krank ist? Dann muss ich plötzlich ein neues suchen.» An der Übung sollte es nicht scheitern: Die fünf Puppenköpfe haben nach Ablauf des Lockdowns längst kurze Haare.

Unterdessen arbeitet Schneiter wieder. Mit Maske, Einwegumhängen und Desinfektionsmittel. Ein siebenseitiges Reglement regelt ihren neuen Alltag. So schnell wird sich dieser kaum ändern. Die Einschränkung als Konstante. Die Diplomfeier fällt schon einmal ins Wasser. «Das ist mega schade, ich habe mich so gefreut», sagt Schneiter. Etwas Schönes anziehen, zusammen feiern. «Jetzt werde ich mich nun wohl einfach mit vier Freundinnen treffen. Wir werden unsere Abendkleider anziehen und zusammen essen gehen. Es ist nicht das Gleiche, aber immerhin.»

Nino Suber, Produktionsmechanik-Lehrling, 29

Nino Suber machte während des Lockdowns seine Abschlussprüfung, aber nur ein Experte kam. Der andere gehörte zur Risikogruppe.

Nino Suber machte während des Lockdowns seine Abschlussprüfung, aber nur ein Experte kam. Der andere gehörte zur Risikogruppe.

Tom Ulrich

Im Untergeschoss seines Lehrbetriebs in der Industriezone Bellachs treffen wir Nino Suber. Während Schneiter im Bad Puppen frisierte, legte er seine praktische Prüfung ab. Ende März, etwas mehr als eine Woche nach dem Lockdown. Der 29-jährige Deutsche macht seine zweite Ausbildung als Produktionsmechaniker bei der Fraisa SA in Bellach. Die grösste Veränderung in seinem Berufsalltag bis dahin? «Ich habe eigentlich nur gemerkt, dass die Vorgesetzten lauter sprechen», scherzt Suber. Der Abstand und der Maschinenlärm vertragen sich schlecht.

Anstatt direkt an den Bildschirmen der Maschine unterrichtet zu werden, kriegt er plötzlich Screenshots und Erklärungen dazu. Aber weder der Berufsalltag noch der Prüfungsprozess kommen zum Stillstand. Trotzdem ist das Coronavirus am Stichtag präsent. Nur ein Experte ist präsent, der andere gehört der Risikogruppe an und muss fernbleiben. «Schon bei der Begrüssung vergass ich mich und reichte ihm die Hand. Da war das Eis gebrochen», erinnert sich Suber und schmunzelt. Gelaufen sei es ganz anständig, meint er. Die Maschine habe er im Griff. Und auch die Präsentation seiner Arbeit klappte ganz ordentlich. Obschon er sagt: «Ich fand es schon herausfordernd, zwischen Laptop und Mensch zu reden.» Denn bei diesem Teil ist der Experte, welcher der Risikogruppe angehört, per Videocall zugegen, wenn auch nicht direkt im gleichen Raum. Noch kennt Suber sein Resultat nicht, aber er hat Grund zum Optimismus.
Ganz anders sieht es bezüglich des theoretischen Teils seiner Prüfung aus. Die Prüfung ist abgesagt, die Noten sind bekannt. Sie beruhen auf den letzten Erfahrungswerten. Suber nervt’s ein bisschen. Nicht, dass er schlecht wegkäme, all seine Noten bewegen sich zwischen 5 und 5–6. Aber er hat sich intensiv und lange auf die Prüfung vorbereitet, hat unter anderem Mathematiknachhilfe genommen. Er sei zwar kein Prüfungsmensch, aber so ganz ohne findet er es auch schwierig. «Es ist wie ein Marathon, bei dem du bis zum 41. Kilometer bestens dabei bist – und dann trägt man dich ins Ziel.»

Corona wurde für Suber kurz nach seiner Prüfung plötzlich sehr konkret. Ein Kollege, ebenfalls Lehrling, erkrankte an Covid-19. Suber und weitere neun Mitarbeiter mussten in Quarantäne. «Ich bekam einen Anruf vom Chef, dass ich bis nach Ostern zu Hause bleiben soll», erinnert er sich und streicht sich über den kahlen Kopf. Dann richtet er die Brille und meint: «Vom Psychologischen her war das nicht ohne.» Die Sorgen um den Kollegen, die Ungewissheit über den eigenen Zustand – zwei Wochen können lang sein. Doch sie sind durch. Der Kollege ist wieder gesund. Noch ist der Alltag erschwert, die Schule findet online statt, Abstände, Desinfektionsmittel, all das. Aber die Normalität kommt schrittweise zurück. Suber hofft, im Juli seinen 30. Geburtstag und den erfolgreichen Abschluss am Grill zu feiern.

Jana Berger, Lernende Detailhandelsfachfrau (Sport), 19

Jana Berger zählte Menschen, anstatt Sportartikel zu verkaufen. Am Montag wird sie einen Teil ihres Alltags zurückgewinnen.

Jana Berger zählte Menschen, anstatt Sportartikel zu verkaufen. Am Montag wird sie einen Teil ihres Alltags zurückgewinnen.

Tom Ulrich

Schönbühl, Shoppyland, eines der grössten Einkaufscenter der Schweiz. Das Licht ist gleissend, die Stimmung der Kunden wechselhaft. Jeder Mensch hat eine andere Toleranzgrenze hinsichtlich der Einschränkung der individuellen Freiheiten. Nicht alle sind geduldig, nicht alle sind glücklich, nicht alle sind gut drauf. Jana Berger schon, Jana Berger lacht eigentlich immer. Auch später, draussen hinter dem Absperrband auf den Aussensitzplätzen des McDonald’s.

Sie wird es auch mit einem Lachen genommen haben, als sie erfuhr, dass ihr neuer Arbeitsplatz am Eingang des Shoppyland ist. Leute zählen statt Kunden beim Kauf von Sportutensilien zu beraten – kein Problem. «Es hat auch Vorteile, die Arbeitszeiten sind hier besser, ich bin eher daheim», sagt Berger, die kurz vor Abschluss ihrer Lehre als Detailhandelsfachfrau Sport steht. Und dann lacht sie, natürlich.
454 Menschen dürfen in den Supermarkt. Dazu 100 Mitarbeitende. Das sind für sie die Richtgrössen. Mehr oder weniger seit Beginn des Lockdowns. Auch wenn sie an diesem Montagabend Mitte März von einigen Kunden mit den Worten «Schöne Ferien!» verabschiedet wurde. Am Dienstag hätten sich die SportXX-Mitarbeiter wieder getroffen, die Saisonumstellung im Geschäft gemacht, aufgeräumt. Und noch einen Tag später sass sie dann am Ein- oder Ausgang des Supermarkts. Im Outfit des Sportfachmarktes. Schwarzer Pullover mit roten Streifen auf den Armen.

Fast 60 Tage verbrachte die 19-Jährige aus Kriegstetten im Exil. Sie arbeitete nicht in ihrem Beruf, wurde im Fernunterricht geschult. Am Montag geht’s wieder los in den Sportfachgeschäften. Die Tage werden wieder länger sein für Berger und der Lehrabschluss naht. In ihrem Fall ohne praktische Prüfung. «Ich hätte sie eigentlich gerne gemacht. Vor allem die Beratung in Französisch. Dafür habe ich mit einer Freundin so viele Sonntage geübt», sagt Berger. Aber sie sieht auch das Positive, schliesslich habe sie ja zwei Monate keinen Kundenkontakt gehabt, zwei Monate ohne Übung.

Es wird auch für sie ein Ende ohne Punkt. Die Diplomfeier fällt ins Wasser, die traditionelle Lehrabschlussfeier der Migros auf dem Gurten steht in der Schwebe. Vielleicht wird sie verschoben, vielleicht in anderer Form durchgeführt. Kein Grund, Trübsal zu blasen für Berger. Sie wird mit Schulkolleginnen von früher, die jetzt die Matura machen, ins Papa Joes essen gehen.

Damit endet die Reise. Mitten an einem dieser Orte, die in dieser Krise irgendetwas Gespenstisches haben. Weil fast alle Läden geschlossen sind, weil überall sichtbar ist, dass nichts normal ist in diesen Tagen. Doch schon am Montag wird auch das wieder anders sein. Dann öffnen viele Fachgeschäfte wieder. Ein weiterer Schritt Richtung Normalität.