Drohende Stillegung

Zuglinie zwischen Solothurn und Belfort soll den Weissensteintunnel retten

Seit 2011 ist das französische Belfort ans TGV-Netz angeschlossen. Und ab 2017 hat auch die Schweiz eine direkte Bahnanbindung nach Belfort. (Archiv)

Seit 2011 ist das französische Belfort ans TGV-Netz angeschlossen. Und ab 2017 hat auch die Schweiz eine direkte Bahnanbindung nach Belfort. (Archiv)

So wollen umtriebige Planer die Bahnlinie Solothurn–Moutier retten: Daniel Cattin und Paul Stopper stellen ihre Vision eines Interregio-Zuges nach Frankreich vor. Das Amt für Verkehr und Tiefbau sieht Potenzial in diesem Projekt.

Manchmal ist eine Lösung ganz nah – nur sieht sie niemand. Diese Botschaft verkünden Daniel Cattin und Paul Stopper. Wenn alles so kommt, wie sie sich das vorstellen, lösen sich mehrere Probleme auf einen Schlag.

Dann würden die Zentralschweiz und der Jurabogen näher zusammenrücken. Dann würden die Solothurner noch schneller nach Paris kommen. Dann würde der Weissensteintunnel besser ausgelastet werden. Und vor allem um Letzteres geht es Cattin und Stopper.

Für sie ist das Potenzial der Schienen zwischen Solothurn und Moutier längst nicht ausgeschöpft. Der Bund will die Bahnlinie stilllegen. Zu tief ist ihre Kostendeckung, zu teuer die mit 170 Millionen Franken veranschlagte Sanierung des Weissensteintunnels.

Das Thema beschäftigt den pensionierten Raumplaner Daniel Cattin mehr als alles andere. Doch nun rumort es in ihm noch stärker als sonst. Mit dem Verkehrsplaner Paul Stopper, bekannt als geistiger Vater der Zürcher Durchmesserlinie, tüftelt er an neuen Ideen. Die Nebenlinie Solothurn–Moutier soll zu einer Hauptlinie aufsteigen.

Daniel Cattin aus Lommiswil ist pensionierter Raumplaner. Mit seinen Ideen kämpft er gegen die Schliessung der Bahnlinie zwischen Solothurn und Moutier.

Daniel Cattin aus Lommiswil ist pensionierter Raumplaner. Mit seinen Ideen kämpft er gegen die Schliessung der Bahnlinie zwischen Solothurn und Moutier.

Der Plan: ein Interregio-Zug zwischen Solothurn und dem französischen Belfort. Die Stadt ist seit 2011 ans Hochgeschwindigkeitsnetz Rhin-Rhône angeschlossen. Vom Bahnhof Belfort-Montbéliard aus sausen die TGV-Züge in 2 Stunden und 13 Minuten nach Paris. Seit vergangener Woche wird zudem die Strecke zwischen Belfort und dem Grenzort Delle saniert.

Wenn das Teilstück im Jahr 2017 wieder ans Netz geht, wird auch die Schweiz an Belfort angebunden sein. Allerdings soll es dann, entgegen früherer Pläne, keine schnellen Direktzüge zwischen Biel und Belfort geben.

Die Reisenden werden in Delémont und Delle umsteigen müssen. Paul Stopper spricht deshalb von einem «Pferdefuss»: Die Verbindung wäre für die 220 000 Menschen in den Regionen Biel und Solothurn kaum mehr attraktiv.

Sympathien bei den Behörden

Die beiden Querköpfe stecken viel Zeit in eigene Recherchen und vertrauen der Kraft von Zahlen. Das Resultat ist der Bericht, den Daniel Cattin nun vorlegt. Geht es nach seinen Szenarien, verkehren Züge auf der bestehenden Trasse in 83 Minuten zwischen Solothurn und dem Bahnhof Belfort-Montbéliard. Sie müssten in Moutier wenden und würden an acht Bahnhöfen halten. Zu den Stosszeiten auch in Oberdorf oder Gänsbrunnen.

Paul Stopper gilt als Erfinder der Zürcher Durchmesserlinie und war Verkehrsplaner der Stadt Zürich und des Kantons Graubünden. Wegen seiner Ideen wird er gleichermassen bewundert wie angefeindet.

Paul Stopper gilt als Erfinder der Zürcher Durchmesserlinie und war Verkehrsplaner der Stadt Zürich und des Kantons Graubünden. Wegen seiner Ideen wird er gleichermassen bewundert wie angefeindet.

Im günstigsten Fall erhielten nicht nur die Region Solothurn und der Berner Jura einen schnelleren Anschluss ans französische Hochgeschwindigkeitsnetz, sondern bei entsprechenden Anschlüssen auch der Grossraum Biel. Je nach Verbindung würde sich die Reisezeit nach Paris für Solothurner um 12 bis 42 Minuten verkürzen. Sie müssten nur noch einmal umsteigen und hätten dafür mehr Zeit als in Basel, wo bloss fünf Minuten bleiben.

Würde ein Interregio nach Belfort auf die ICN-Züge aus Zürich abgestimmt, profitieren davon nicht zuletzt Delémont und Porrentruy. «Für Reisende aus weiten Teilen der Schweiz rückt der Jura eine Viertelstunde näher», sagt Daniel Cattin. Ein Quantensprung in der Bahnwelt.

Im Solothurner Amt für Verkehr und Tiefbau stossen die Ideen von Daniel Cattin und Paul Stopper auf Sympathien. Der zuständige Abteilungsleiter Ludwig Dünbier sieht in der Direktverbindung zwischen Solothurn und Belfort eine «spannende Alternative» zur Route über Biel.

Die Vision Belfort-Solothurn-Luzern

Die Vision Belfort-Solothurn-Luzern

Potenzial attestiert er dieser allemal: Die Schnellzüge zwischen Biel und Basel sollen künftig im Halbstundentakt verkehren. Deshalb ist eine Direktverbindung zwischen Biel und Belfort wohl ab 2021 gar nicht mehr möglich. Zu eng getaktet wird der Fahrplan dann sein. Umso attraktiver wäre eine Direktverbindung von Solothurn nach Belfort.

Kaum Spielraum für Neues

Alles prima also. Wenn es da nicht ein grosses «Aber» gäbe: Es ist fraglich, ob eine bessere Auslastung zwischen Solothurn und Moutier reichen würde, um die Kosten der Tunnelsanierung zu kompensieren. Und der Spielraum für Neuerungen ist beim öffentlichen Verkehr ohnehin klein. «Eine Direktverbindung von Solothurn nach Belfort ist in keinem nationalen Konzept vorgesehen», sagt Dünbier. Erst im vergangenen Jahr mussten die Kantone beim Bund ihre Wünsche für die Angebote ab dem Jahr 2030 anbringen.

Paul Stopper und Daniel Cattin wollen sich trotzdem nicht entmutigen lassen. Die «vergessene Strecke» zwischen Solothurn und Moutier könnte eine wichtige Funktion nördlich und südlich des Juras einnehmen, sagt Stopper. «Da schlummert etwas.» Als regionale Nebenlinie lasse sich eine teure Tunnelsanierung nur schwer rechtfertigen. Werden die Schienen vom Fernverkehr beansprucht, wäre die Ausgangslage eine ganz andere.

Idee auf dem politischen Parkett

Für Daniel Cattin geht es auch um das grosse Ganze: Solothurn soll den Jura obendrein der Zentralschweiz näherbringen. In seinem Bericht skizziert er einen Interregio-Zug von Luzern nach Solothurn, der an den Zug nach Belfort anschliesst.

45 Minuten dauert die Direktfahrt gemäss seinen Berechnungen. Es stimmt, sagt Cattin, die Nachfrage bestimme das Angebot. «Aber diese schlanke Verbindung könnte in beide Richtungen zu einer steigenden Nachfrage führen.»

Mit dieser Idee ist er nicht allein. Der bernjurassische SVP-Nationalrat Jean-Pierre Graber fordert in einem Vorstoss ebenfalls eine Verbindung von Luzern über Solothurn nach Belfort. Deren Einzugsgebiet würde 310 000 Menschen zählen, so Grabers Berechnungen.

Der Knackpunkt hier: Für einen weiteren Interregio dürften auf der Neubaustrecke bis Wanzwil kaum mehr Kapazitäten verfügbar sein. «Natürlich sind die Möglichkeiten begrenzt», sagt Daniel Cattin. Man müsse aber zumindest versuchen, die Weichen neu zu stellen.

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