Sie hat wohl damit gerechnet, dass endlich alles vorbei ist und sie mit der Geschichte abschliessen kann. Rund eine Stunde lang schilderte M. F. (Name geändert) im August 2012 vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen, wie sie in jener Nacht 2009 in Schönenwerd zu Oralsex gezwungen wurde und fast vergewaltigt worden wäre. Das Amtsgericht – und später das Solothurner Obergericht – verurteilten ihren Peiniger zu drei Jahren Freiheitsstrafe.

Doch bald wird die 28-jährige Frau wieder vor den Richtern sitzen und sich nochmals an jene Nacht erinnern müssen. Denn gestern hat das Bundesgericht ein Urteil veröffentlicht, mit dem es das Solothurner Obergericht verpflichtet, den Fall wieder aufzurollen.

Zustehendes Recht nicht gewährt

Das Bundesgericht sieht allen Grund dazu: Es hat nämlich im Solothurner Urteil eine «gewichtige Einschränkung der Verfahrensrechte» ausgemacht. Diese seien in «unzulässiger Weise beschnitten» worden. Denn der mutmassliche Täter, Oliver B. (Name geändert), durfte weder bei der Einvernahme des Opfers noch bei dessen Aussage vor Gericht persönlich anwesend sein, obwohl dies die Strafprozessordnung so vorsieht. B. erhielt nie die Möglichkeit «im Rahmen einer persönlichen Konfrontation» Fragen zu stellen, so das Bundesgericht. So musste B. den Gerichtssaal verlassen, als das Opfer aussagte. Warum genau der Mann ausgeschlossen wurde, begründete das Obergericht nicht. Es verwies lapidar darauf, die Zeugin habe gewünscht, dass der Mann nicht anwesend sein soll.

Zwar, so halten die Lausanner Richter fest, könne von einer direkten Konfrontation von Täter und Opfer ausnahmsweise abgesehen werden, wenn dies der Schutz des Opfers erfordere. Nicht aber im vorliegenden Fall, «wenn die Kraft des Beweismittels in entscheidender Weise vom Eindruck abhängt, der bei seiner Präsentation entsteht» oder «wenn die Aussage das einzige direkte Beweismittel darstellt.» – Hier war die Frau die einzige direkte Zeugin.

Ein Mann starb

Oliver B. ist kein Unbekannter: Landesweit in die Schlagzeilen geriet er als «Todesfahrer von Zürich». Nachdem er im Februar 2013 eine brasilianische Barmaid in einer Wohnung an der Zürcher Langstrasse brutal vergewaltigt hatte, stieg er, stark angetrunken, in sein Auto und fuhr noch an der Langstrasse in fünf Menschen hinein. Ein Mann war sofort tot. Das Bezirksgericht Zürich hat B. im vergangenen April deshalb erstinstanzlich zu 15 Jahren verurteilt. Der 27-Jährige bestritt die Vergewaltigungsvorwürfe stets. Sowohl in Zürich als auch in Schönenwerd sei der Sex einvernehmlich gewesen, so Oliver B.