Friedlich begannen meine Ferien in der Türkei vor zwei Wochen. Obwohl ich nur einige Tage nach dem Terror-Anschlag auf dem «Flughafen Atatürk» in Istanbul landete, zeigte sich die Lage im Land zu Beginn friedlich. Es war zwar die Rede von möglichen weiteren Terroranschlägen. Der versuchte Militärputsch aber vom vergangenen Freitagabend, der das ganze Land erschütterte, kam völlig unerwartet. Er kostete das Leben Hunderter Menschen und führt weiterhin zu täglichen Verhaftungen im ganzen Land.

Aufgrund der Unglaublichkeit des Ereignisses war man sich in der Türkei des Ausmasses zu Beginn gar nicht bewusst. Auch ich konnte kaum glauben, was passiert war. Als im türkischen Fernsehen die Meldung ausgestrahlt wurde, dass das Militär die Regierung gestürzt haben soll und nun ein Ausgeh- und Ausreiseverbot einführt, war ich wie vom Blitz getroffen.

Denn am nächsten Abend sollte ich von meinen Strandferien im Süden der Türkei zurück nach Istanbul fliegen, um am Montag wieder in die Schweiz zurückzukehren. Obwohl ich in Izmir, wo ich mich zum Zeitpunkt des Militärputsches befand, zuerst persönlich nicht viel von den Ereignissen mitbekam, berichteten Bekannte in Istanbul, dass in der Nacht mehrmals Kriegsflugzeuge zu hören waren, die im Tiefflug über die Stadt brausten.

Eine SMS vom Präsidenten

Nach einer schlaflosen Nacht, voller Fragen ohne Antworten, brachte der Samstagmorgen die Festnahme der «Putschisten» mit sich. Die Situation hätte sich wieder stabilisiert, gab man bekannt. So wurde der Flug nach Istanbul am gleichen Abend nicht gestrichen. Gegen Mitternacht landete ich am «Sabiha Gökcen», dem kleineren Flughafen in Istanbul. Ich war erleichtert, doch war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst, wie die Nacht ausgehen wird. Denn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte seine Anhänger – wie bereits in der vergangenen Nacht – aufgefordert, sich auf den Strassen und öffentlichen Plätzen zu versammeln, um für ihn zu demonstrieren.

Die Aufmerksamkeit der Menschen versuchte er nicht nur durch das Fernsehen zu gewinnen. Er verschickte den Bürgerinnen und Bürgern vielmehr auch SMS-Nachrichten. Viele Menschen folgten seinem Aufruf. In der Folge verhinderte eine grosse Menschenmenge vor dem Istanbuler Flughafen die Zu- und Wegfahrt. Wir Reisenden mussten mitsamt unserem Gepäck einen längeren Fussmarsch bewältigen. Bereits von Weitem sahen wir die Menschen, die sich beim Haupteingang des Flughafens aufhielten. Je mehr wir uns ihnen näherten, desto klarer wurde uns die kritische Lage: Tausende von Personen, die sich mit ihren Flaggen auf der Strasse aufhielten, versperrten den Weg, es gab kein Durchkommen mehr.

Plötzlich waren Schüsse zu hören

Wir hörten, wie Schüsse fielen. In diesem Moment verspürte ich Todesangst. Auf den Militärpanzern der letzten Nacht standen Polizisten und überblickten die Menschenmenge. Zahlreiche Bürger hielten sich vor den gigantischen Panzern auf und schossen stolz lächelnd ihre Selfies. Von allen Seiten hörte man Rufe, die der Unterstützung des türkischen Präsidenten dienen sollten. Solche «Feierlichkeiten» – wie sie von den Erdogan-Anhängern genannt werden – finden an zahlreichen Orten im Land statt und fordern weiterhin Verletzte und gar Tote.

Die Bürger, die sich über die wahren Hintergründe informieren, sind teilweise sehr verängstigt und blicken mit wenig Hoffnung in die Zukunft. Denn vieles ist weiterhin ungeklärt. Gibt es überhaupt einen Grund für solche «Feierlichkeiten», in deren Mitte ich mich plötzlich unfreiwilligerweise befand? Wieso feiert man das Ende Hunderter Menschenleben und damit den Tod eigener Soldaten und Polizisten? Die im Internet kursierenden Aufnahmen dieser grausamen Szenen können die Bürger doch nicht zum Feiern einladen.

Auch die Handlungen der türkischen Regierung bringen nicht wirklich Klarheit. Wieso werden nun «Säuberungsaktionen» durchgeführt? Weshalb werden massenhaft Richter, Anwälte und weitere Tausende Personen festgenommen? Und weshalb wird plötzlich die Wiedereinführung der Todesstrafe zum Thema? Viele türkische Bürger vermuten dahinter eine Taktik des Präsidenten, um seinen kritisierten Regierungsstil weiterzuführen. Viel diskutiert ist auch die Meinung, dass der Putschversuch absichtlich inszeniert wurde, um die Macht des türkischen Präsidenten weiter zu festigen.

Fragen über Fragen, und man kann nichts anderes tun, als abzuwarten. Klar ist aber, dass sich das türkische Volk immer mehr spaltet und die Lage im Land kritischer ist als je zuvor. Denn nun fürchtet man sich nicht einzig vor Terroranschlägen, sondern auch vor Anschlägen seitens des eigenen Volkes.

*Gizem Meric, 21, wohnt in Zuchwil und ist schweizerisch-türkische Doppelbürgerin. Sie hat vor kurzem ein Praktikum auf der Redaktion dieser Zeitung absolviert.

Berfin Göçer, 20, aus Solothurn wurde in der Türkei geboren und ist Kurdin. Seit 14 Jahren lebt sie in der Schweiz und hat im Juli die Ausbildung zur Kauffrau abgeschlossen.

Berfin Göçer aus Solothurn

Berfin Göçer aus Solothurn

Göçer: «Ich habe mit meiner Familie über die türkischen Medien vom Putschversuch erfahren. Wir haben das Geschehen am Fernsehen und parallel dazu auch in den sozialen Medien wie Twitter und Facebook verfolgt. Der erste Moment war schrecklich, ein Schockmoment. Wir haben dann gleich unsere Verwandten, die in der Türkei leben, angerufen. Sie waren aber glücklicherweise vom Putschversuch nicht direkt betroffen, denn sie wohnen ausserhalb von Istanbul und wurden erst von uns über die Ereignisse informiert. Ein Freund, der in Ankara wohnt, hat mir aber erzählt, dass er gesehen hat, wie sich wegen der Schüsse die Fensterscheiben bewegt haben. Die Situation dort ist untragbar.

Trotzdem ist ein Teil meiner Familie bereits am Montag in die Türkei gereist, um dort Urlaub zu machen – allerdings weit ausserhalb von Istanbul. Ich war erleichtert, als sie mir mitgeteilt haben, dass sie gut angekommen sind. Auch ich habe geplant, in drei Wochen in der Türkei Ferien zu machen. Das werde ich trotz der jüngsten Ereignisse tun. Dennoch werde ich bei der Reise sicherlich angespannter sein, als ich das normalerweise bin. Ob ich dagegen meine Idee, demnächst in Istanbul einen Job anzunehmen und einige Zeit dort zu arbeiten und zu leben, wirklich in die Tat umsetzen werde, weiss ich noch nicht. Das muss ich mir noch einmal in Ruhe überlegen.» (nac)

Ahmet Sazdili, 35, ist Kurde und Inhaber des Restaurants Akropolis in Solothurn. Er lebt seit 21 Jahren in der Schweiz, ist verheiratet und hat drei Kinder.

Ahmet Sazdili aus Solothurn

Ahmet Sazdili aus Solothurn

Sazdili: «Ich habe die Ereignisse von der ersten Minute an im Internet und am Fernsehen bis morgens um fünf Uhr live mitverfolgt. Als es losging, habe ich sofort meine Frau angerufen, denn sie ist derzeit mit unseren drei Kindern in der Türkei im Urlaub. Bei ihnen in Kahramanmaraş – rund 1000 Kilometer von Istanbul entfernt – war die Lage aber ruhig und sie haben nur wenig mitbekommen vom Putschversuch. Sie bleiben vorläufig noch dort, denn ich habe kein gutes Gefühl, wenn sie jetzt nach Istanbul gehen würden, um zurück in die Schweiz zu kommen. Ich selber reise jedes Jahr mehrmals in die Türkei, um Urlaub zu machen oder aus geschäftlichen Gründen. Wenn die Lage aber so bleibt oder noch instabiler wird, werde ich meinen Urlaub im Oktober woanders verbringen. Zurzeit stehe ich täglich mit meiner Frau und meinem Bruder in Kontakt. Wir diskutieren viel über die aktuelle Lage der Türkei und sind uns einig: Dieser Putschversuch schadet allen – egal, ob Kurden, Türken, Muslimen oder Christen. Das ganze Volk wird dadurch nochmals um 50 Jahre zurückgeworfen. Zudem finde ich es nicht korrekt, dass Erdogan derzeit Politik und Religion so stark vermischt wie noch nie zuvor. Meine Frau erzählt, dass die Moscheen jede Stunde dazu aufgerufen haben, auf die Strasse zu gehen und für Erdogan und für mehr Demokratie zu demonstrieren. Erdogan benutzt die Religion, um seine Macht zu stärken.» (fba)

Der gebürtige Türke Mustafa Dikbaş wohnt in Kriegstetten. Der 43-Jährige hat drei Kinder und ist tätig als Medienprofi.

Mustafa Dikbaş aus Kriegstetten

Mustafa Dikbaş aus Kriegstetten

Dikbaş : «Als ich die Putsch-Meldung erhielt, war ich fassungslos. Mit einem türkischen Freund, der gerade in Slowenien in den Ferien weilt, begann ich noch in derselben Nacht Pläne zu schmieden. Für den Fall, dass er und seine Familie nicht zurückreisen können. Als ich am nächsten Morgen auf mein Handy blickte, war der Putsch für beendet erklärt. Ich bin wohl noch nie so glücklich aufgewacht. Für einen entfernten Verwandten von mir ging die Nacht nicht glimpflich aus: Er wurde von Putschisten angeschossen. Vielleicht muss sein Bein amputiert werden.» (fvo)