Kanton Solothurn

Zu wenig Platz und schimmelnde Zeitzeugen: Wie weiter nach 100 Jahren Staatsarchiv?

Seit Jahren lagern unter Solothurner Stadtboden Schätze der Kantonsgeschichte. Nun stösst das Staatsarchiv an seine Grenzen. Die Archivberge wachsen - plötzlich auch digital. Im 100. Jubiläumsjahr der kantonalen Amtsstelle ist klar: Vieles muss sich ändern. Was laut dem Herren des Archivs bleibt: Der Kanton braucht sein historisches Gedächtnis.

Vor rund 50 Jahren wurde in Solothurn ein Bunker gebaut. So zumindest sieht das Solothurner Staatsarchiv von aussen aus: ein grauer Betonblock an der Bielstrasse. Und auch in den Räumen unter der Erdoberfläche herrscht die entsprechende Stimmung: Es ist kühl und riecht nach Keller. Weisse Wände und Türen mit runden Sichtfenstern trennen schmale Gänge. Doch wer die richtige Türe aufstösst und das Licht anknipst, dem offenbart sich ein Paradies. Regale, bis tief in den Raum hinein; Magazine, bis unter die Decke vollgestellt mit dicken Einbänden und Kartonschachteln.

Das älteste Dokument des Archivs stammt aus dem 8. Jahrhundert, das neuste aus dem Jahre 2019. Hier finden sich der Solothurner Bundesbrief von 1481, die Jahresrechnungen sämtlicher Solothurner Gemeinden seit Ende 1842, Gerichtsakten, Regierungs- und Kantonsratsunterlagen, Strassenpläne, Mikrofilme der Urkunden ab 1147.


Doch das historische Gedächtnis des Kantons droht zu verlottern. Andreas Fankhauser ist Herr des Staatsarchivs. Für 14,5 Lauf-Kilometer Akten sei das Archiv konzipiert worden, mittlerweile sei man bei rund 10 Laufkilometern angelangt. Fankhauser tritt an ein Regal und deutet auf eine Reihe Schachteln. Sie stammen von der Amtsschreiberei und vom Richteramt Balsthal. Als die Dünnern im Sommer 1926 überlief, wurden die Akten beschädigt. Sie seien an der Sonne getrocknet worden, erzählt der Staatsarchivar. Und schliesslich ins Staatsarchiv gebracht worden. Der Grossteil ist bis heute nicht benutzbar - «noch immer klebt Schlamm der Dünnern zwischen den Seiten». Einen Quarantäneraum für solch beschädigte Dokumente gibt es nicht. Auch keine Mitarbeitenden, die sich solcher Akten annehmen könnten.

Der Weg durch das Labyrinth führt durch einen Heizungsraum in einen kleinen Raum, wo ein Mitarbeiter auf einem Tisch einige Akten für die Ausstellung anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums des Staatsarchivs aufgelegt hat. Laut Fankhauser fehlen im Archiv ein Aufbereitungs- und ein Vortragsraum. In den Betonwänden der bestehenden Räume hat es dafür Risse. Das fünfzigjährige Gebäude habe mittlerweile die zweite Hälfte seiner Lebensdauer erreicht.
Die Geschäftsprüfungskommission des Kantonsrates verlangte vom Regierungsrat deshalb eine Strategie für das Staatsarchiv. Das Hochbauamt prüft nun den baulichen Zustand des Gebäudes. Bis 2021 soll ein Entscheid gefällt werden, ob der jetzige Standort erweitert werden kann, oder ein neuer Standort gesucht werden muss.

Renitente Kantonsangestellte und digitale Zeitzeugen

Ein Lift führt im Staatsarchiv unter die Erde. Einen Warenlift gibt es nicht, der Personenlift wurde mit Metallplatten ausgekleidet, damit Archivbestände transportiert werden können. Jedes einzelne Dokument des Archivs befand sich schon in diesem Lift. Immer öfter sind das aber nicht mehr nur Bücher oder Mappen. Die kantonalen Ämter speichern ihre Daten vermehrt auch digital ab. Und auch diese muss das Archiv für die Zukunft bewahren. Aber wie?

Bis im Sommer 2021 soll die «digitale Langzeitarchivierung» möglich werden. «Die nächsten 35 Jahre lang werden wir immer noch auch analoge Akten übernehmen», ist Fankhauser überzeugt. Eine flächendeckende elektronische Geschäftsverwaltung könnte tatsächlich noch Jahre dauern – elektronische Gerichtsdossiers beispielsweise gibt es noch überhaupt nicht. Digital erfasst sind auch die bisherigen Dokumente im Archiv nicht – auch das würde laut Fankhauser Jahre dauern, und deutlich mehr Mitarbeitende brauchen.

Nicht mehr so lange dauern soll es, bis alle Ämter der Verwaltung ihre Registraturpläne haben. In diesen steht, was wann wie archiviert wird. Bis 2022 sollten laut Archivgesetz alle Stellen der Verwaltung einen solchen Plan haben. Doch: «Das ist ein Ziel, an dem ich seit 30 Jahren arbeite», seufzt Fankhauser. Die Zeiten, in welchen Ämter ungeordnete Papierberge einfach beim Staatsarchiv abgestellt hätten, seien zwar vorbei. Auch werde die Anzahl Dienststellen, die den Sinn einer geordneten Schriftgutverwaltung nicht einsehen, immer kleiner. Dass die Verwaltung Teile ihrer Akten sauber archiviert und abliefert, ist aber noch nicht überall Standard.

«Dienst für die Gesellschaft», der an Bedeutung verliert

 Über der Erde herrscht ganz andere Stimmung. Hier befindet sich der Lesesaal. Es ist warm und hell, bunte Kirchenfenster schmücken den Raum, im Saal stehen Stühle mit Stoffbezug. Wer recherchieren möchte, kann hier oben seine Interessen anmelden und anschliessend in Akten stöbern. An diesem Tag sitzt ein Herr ganz alleine im Saal und blättert sich durch Papiere. Viele verirren sich nicht mehr hier her. Lehrpersonen, die Heimatforschung betrieben, gibt es immer weniger. Auch verschlägt es immer weniger Schülerinnen und Schüler hierher, die Arbeiten über ein Solothurnisches Thema schreiben.

Dafür liefern die Akten des Staatsarchivs Informationen für Behörden und Öffentlichkeit – etwa darüber,wo in der solothurnischen Uhrenindustrie radioaktives Radium für Zifferblätter verwendet wurde und später Häuser kontaminiert waren. Private interessieren sich beispielsweise für ihre Familiengeschichte – Adoptierte für die leiblichen Eltern, zu denen eine Spur aus dem Staatsarchiv führen könnte. «Wir leisten hier einen Dienst für die Gesellschaft», fasst Fankhauser, zurück in seinem Büro, zusammen.

Lic. phil. steht auf dem Schild neben dem Arbeitsplatz des Historikers, auch im Büro stehen reihenweise dicke Bücher in Regalen. In 1,5 Jahren wird er pensioniert. «Es war manchmal zermürbend», sagt Fankhauser über seine Arbeit, vor allem Sparprogramme in der 90er hätten grosse Projekte verunmöglicht. Aber: «Es war immer und ist immer noch faszinierend», s0 Fankhauser, der nicht nur gerne archiviert, sondern auch in den Akten gestöbert hat. Das Staatsarchiv diene nicht einfach dazu, ein paar «schrullige Historiker» zu beschäftigen. «Jede Demokratie braucht ein Archiv», so Fankhauser. «Nur so wird staatliches Handeln überprüf- und nachvollziehbar.» Das Staatsarchiv im Bunker an der Bielstrasse helfe, Geschichte zu verstehen. Und das soll auch so bleiben.

Jubiläumstag der offenen Tür:
Das Staatsarchiv Solothurn öffnet am Samstag, 16. November 2019, seine Magazine. Im Rahmen von drei rund einstündigen Führungen um 10.30, 14.00 und 15.30 Uhr werden verschiedene Aspekte des Themas «Fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen im Kanton Solothurn vor 1981» beleuchtet. Die Führungen sind kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

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