Der Kontrollgang durch den Spitalkorridor ist für Anneke Bischofberger oft auch eine Gratwanderung. In den weitverzweigten Gängen des Bürgerspitals Solothurn begleitet sie Ärzte, Operationsfachleute oder Pflegefachleute, läuft ihnen hinterher und schaut über die Schulter. Werden die Hände regelmässig desinfiziert? Wird die Schutzkleidung richtig an- und vor allem ausgezogen? Akribisch kontrolliert die Hygienefachfrau, ob die Hygienerichtlinien im Bürgerspital eingehalten werden. Immer und immer wieder. «Dabei muss ich konsequent und streng sein, aber auch tolerant», sagt Anneke Bischofberger. Dass sie auf die Vorschriften pocht, löse manchmal schon einen gewissen Widerstand aus. «Deshalb muss ich diplomatisch vorgehen, um eine Vertrauensbasis zu schaffen.» Schulmeistern führt hier zu nichts.

Keine Kompromisse bezüglich der Hygiene macht Anneke Bischofberger bei invasiven Tätigkeiten. In anderen Situationen könne sie toleranter sein. «Meine Arbeit braucht viel Erfahrungswissen», sagt die Pflegefachfrau. Seit 2001 arbeitet sie am Bürgerspital in der Spitalhygiene.

2000 Tote fordern Spitalinfektionen jedes Jahr in der Schweiz

Dass die Spitäler die Einhaltung der Hygienerichtlinien nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen, zeigen folgende Zahlen: Schweizweit erkranken jährlich rund 70 000 Patienten an Spitalinfektionen. Etwa 2000 Personen sterben daran.

Es besteht also Handlungsbedarf. Gemäss den Zahlen des Vereins für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken (ANQ) weist das Bürgerspital nach Hüftgelenk-Operationen eine Infektionsrate von 6,9 Prozent aus. Von 75 Spitälern, die an der Infekterfassungsstudie teilgenommen haben, weist einzig das Spital Flawil noch eine höhere Rate aus. Bei den Gallenblasen-Operationen liegt der Wert im Bürgerspital bei 5 Prozent. Der schweizerische Durchschnitt liegt bei 2,4 Prozent. Bei der Dickdarm-Chirurgie liegt das Bürgerspital mit 12,3 Prozent im Durchschnitt.

Die Zahlen wurden 2011 respektive 2012 erhoben. Laut Eric Send, Mediensprecher der Solothurner Spitäler, wurden damals bereits Sofort-Massnahmen ergriffen. Ein Grund für die hohe Infektionsrate war die Antibiotika-Prophylaxe, die vor Hüft-Eingriffen bei Patienten mit über 80 Kilo Körpergewicht zu tief angesetzt war. Gemäss Eric Send haben die Massnahmen Wirkung gezeigt. «Jetzt sieht es besser aus.»

In sechs Schritten zu sauberen Händen

Auch der Effort der Spitalhygiene trägt dazu bei, dass die Patienten nicht kränker aus dem Spital heimkehren, als sie engetreten sind. Die Hygienefachfrau steht vor einem Isolationszimmer auf der Chirurgie. An der Zimmertür hängen verschiedene Merkblätter, auf einem Rollwagen stehen Kartons voller Schutzmasken und Handschuhen. Ein Arzt drückt zwei Mal auf den Dispenser und verteilt das Desinfektionsmittel auf den Händen. Gemäss der Standard-Einreibemethode für hygienische Händedesinfektion sind sechs Schritte notwendig, um wirklich saubere Hände zu erhalten. Eine halbe Minute reiben und kreisen auf Finger, Fingerbeere, Handfläche, Handrücken, Handgelenk. Ganz wichtig: Die Lösung lange einwirken lassen. Durch die Etage strömt der typische Alkoholgeruch. Den bemerkt Anneke Bischofberger längst nicht mehr.

Bei der Patientin im Isolationszimmer wurden multiresistente Keime festgestellt. Die Hygieneverantwortliche hat eine Verordnung zusammengestellt, die über Befund und Massnahmen informiert. Seit dem 23. Dezember liegt die Frau im Zimmer. Sie darf weder in die Cafeteria noch Körperkontakt zu anderen Personen haben. Das Spital darf sie nur auf direktestem Weg und nur mit frischen Kleidern verlassen. Die Begleitperson muss danach eine gute Händedesinfektion durchführen. Wer ins Zimmer muss, für den ist eine Maske und Schutzkleidung vorgeschrieben. Denn über die Luft könnten ansteckende Tröpfchen übertragen werden.

Künstliche Fingernägel sind Bakterienschleudern

Anneke Bischofberger wechselt ein paar Worte mit der Stationsleiterin Nicole Marti. «Es ist wichtig, dass wir immer wieder an die Hygienevorschriften erinnert werden», sagt Marti. Das Personal sei offen für die Stichproben. Gerade die vielen jungen Mitarbeiter müssten auf Massnahmen aufmerksam gemacht werden. «Dabei spielt auch das Erscheinungsbild eine wichtige Rolle», weiss Marti. Lange Haare müssen sie zusammenbinden, und sie dürfen keine Halsketten tragen, die Patienten berühren könnten. Verpönt sind künstliche Fingernägel: Sie sind wahre Bakterienschleudern. Ungünstig sind auch Fingerringe.

Grippeimpfung ist in Schweizer Spitälern ein heikles Thema

An der Bluse trägt Bischofberger einen Anstecker mit der Aufschrift «Grippeimpfung Ja!». «Das ist ein heikles Thema unter den Kollegen», weiss sie. Viele halten nichts von dieser Grippeprävention. Anders als etwa in den USA, wo Pflegepersonal oft vertraglich zur Impfung verpflichtet wird, bleibt dies in der Schweiz freigestellt. Für die Hygienefachfrau ist klar: «Mit der Impfung können Todesfälle verhindert werden. Ein Verzicht kann fatal sein.»

Und wie hält es Anneke Bischofberger nach Feierabend mit der Händehygiene? «Ich wasche mir auch im Haushalt vermehrt die Hände. Zu Hause aber Desinfektionsmittel zu verwenden, das wäre übertrieben.»

Selbst wenn die Weltgesundheitsorganisation den 5. Mai zum Tag der Händehygiene ausgerufen hat: Dass Spitäler keimfrei werden, ist ausgeschlossen. Im Kampf gegen Mikroorganismen wird Bischofberger zusammen mit ihren Kolleginnen der Spitalhygiene auch morgen wieder penibel daran erinnern, dass dank ihren Hygienevorschriften Todesopfer vermieden werden können.