Alterssitz Buechibärg
«Zu ihrem Glück können wir sie nicht zwingen»: Zu Besuch in der Senioren-WG

Heute leben Senioren nicht mehr nur in Heimen. Auch im Kanton Solothurn gibt es mittlerweile Studios und Wohngruppen für betagte Menschen. Wie in Messen, wo vier Bucheggbergerinnen zusammenleben. Eine Reportage aus einer auffällig stillen WG.

Noëlle Karpf
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Im Esszimmer kommen die WG-Bewohnerinnen zusammen. Einmal in der Woche besucht sie eine Aktivierungstherapeutin (am Kopf des Tisches). Eine Pflegerin (ganz rechts) ist rund um die Uhr vor Ort.

Im Esszimmer kommen die WG-Bewohnerinnen zusammen. Einmal in der Woche besucht sie eine Aktivierungstherapeutin (am Kopf des Tisches). Eine Pflegerin (ganz rechts) ist rund um die Uhr vor Ort.

Hanspeter Bärtschi

Ein grosses, weisses Bauernhaus. Grüne Fensterläden, ein braunes Scheunentor. «Willkommen in der Dépendance Hofschmitte», steht auf einem laminierten Blatt beim Hauseingang. Durch einen schmalen Gang geht es zur Wohnungstür. Davor steht eine Flasche auf einem Tisch. «Bitte Hände desinfizieren.» Die Wohnung beginnt mit der Küche: weisse Schränke mit Spülbecken, Kühlschrank und Backofen.

Ein Tresen trennt die Küche vom Esszimmer. Dort sitzen die vier Bewohnerinnen dieser Wohnung vor Glastüren an einem runden Holztisch, drei in Rollstühlen. Mit kurzem, lichtem Haar, in Blusen und Strickjacken. Sie schweigen. Interviews geben können drei von ihnen nicht mehr. Die Vierte, die weisshaarige Frau Frei*, hat keine Lust auf «diesen Rummel».

«Alterssitz Buechibärg»

Rund 68 Seniorinnen und Senioren wohnen im «Alterssitz Buechibärg». Zu diesem
gehören folgende Wohn- und Pflegeheime:

- Chronehof, Schnottwil: 15 Senioren im Pflegeheim, 7 in eigenen Wohnungen

- Alterssitz, Lüterswil: 42 Senioren, inklusive Wohnoase für Demenzkranke

- Hofschmitte, Messen: 4 Seniorinnen in einer Wohn-Gemeinschaft

Weitere 32 Senioren wohnen im bernischen Partnerbetrieb «Seniorenhof» in Iffwil.

Je nach Anzahl inbegriffener Mahlzeiten und Dienstleistungen wie Wohnungsreinigung oder Wäschebesorgung variieren die Preise der Angebote. Ein WG-Platz kostet zwischen 60 und 90 Franken, ein Platz in einem Pflegeheim rund 170 Franken. Diese Preise gelten ausschliesslich für Wohnen und Betreuung – Pflegedienstleistungen, beispielsweise durch die Spitex, werden einzeln verrechnet.

Die Mehrheit der Bewohner des Alterssitzes Buechibärg stammt aus der Region Bucheggberg oder hat Kinder, die dorthin gezogen sind. (NKA)

«Hier wohnen sehr unterschiedliche Persönlichkeiten», berichtet Daniel Burkhalter, Leiter des Alterssitzes Buechibärg, zu dem auch die Dépendance Hofschmitte gehört. Die Seniorinnen, die dort leben, sind zwischen 84 und 92 Jahre alt und pflegebedürftig. In drei Schichten werden sie rund um die Uhr betreut.

Die Aktivierungstherapeutin, die einmal die Woche vorbeikommt, greift nach ihrer Gitarre und stimmt ein Lied an. Eine Seniorin singt mit, eine andere bewegt lautlos die Lippen, die Dritte starrt aus dem Fenster, vor dem selbst gebastelte Girlanden aus Blättern hängen. «Singen sie mit, Frau Frei», sagt die Pflegerin in weissen Gesundheitslatschen und orangefarbenem Poloshirt zur vierten Seniorin, legt ihr einen Arm um die Schulter und beginnt, sich im Takt des Liedes hin und her zu bewegen. «Da mache ich nicht mit, ich will in mein Zimmer», sagt Frau Frei.

Ihr Zimmer liegt hinter einer der vier zugezogenen weissen Holztüren im Bereich hinter der Küche. «Hier wohnt Frau Frei», steht auf einem Schild neben der Türe. Dahinter ist fast alles aus Holz: der Schrank, der Tisch und die Kommode. Alles eigene Möbel. An der Wand hängen Bilder von Bauernhäusern, ähnlich dem Haus, in dem Frau Frei aufgewachsen ist. In der Dusche steht ein Plastikstuhl, neben dem Bett hängt ein Knopf, mit dem die Höhe des Gestells verändert werden kann. Oberhalb des Türschlosses befindet sich ein Drehknopf zum Abschliessen.

«Das ist nicht wie in einem Altersheim, in dem man sich ein Badezimmer teilen muss», sagt Burkhalter. In der Hofschmitte könnten die Bewohnerinnen noch relativ selbstbestimmt und in einer persönlich eingerichteten Umgebung leben.

«Ich gehe jetzt in mein Zimmer und schliesse mich ein», wiederholt Frau Frei vorne am Esstisch. Sie bleibt sitzen und macht keinen Wank zur Musik. Sie starrt auf die zusammengefaltete Zeitung vor ihr. Ohne zu blättern.

Den Seniorinnen gehe es in der Wohngemeinschaft sehr gut, meint Burkhalter. «Zu ihrem Glück können wir sie aber nicht zwingen.»

Die Aktivierungstherapeutin legt ihre Gitarre zur Seite. Sie nimmt einen eingetopften Haselnussstrauch aus einem Plastiksack hervor. An jedem Blatt der Pflanze klebt ein Post-it mit einem Wort. Rätsel für die Seniorinnen. «Daraus kann man Suppe machen», sagt die Aktivierungstherapeutin, nachdem sie ihre Augen auf das erste Post-it gerichtet hat. Es sei ein herbstlicher Begriff. Erst als sie das mitgebrachte orange Gemüse auf den Tisch stellt und «Kkkk...» sagt, errät eine Seniorin den Begriff. «Kürbis.»

Die anderen Seniorinnen sitzen stumm und ausdruckslos daneben. Eine verzieht das Gesicht zu einer angestrengten Miene, bis sie mit leiser Stimme das nächste Wort «Schrebergarten» errät. Die Falten auf der Stirn verschwinden, sie lächelt und schweigt wieder. Frau Frei blickt nach wie vor auf die Zeitung vor ihr. Als der nächste Begriff «Kürbissuppe» erraten wird, hebt sie ruckartig den Kopf. «Das habe ich im Wallis mal gegessen», krächzt sie. «Das war also sehr fein.» Dann richtet sie den Blick wieder nach unten auf die zusammengefaltete Zeitung.

«In dieser WG macht jede Bewohnerin nur so viel mit, wie sie Lust hat», erklärt Burkhalter. Das gelte auch morgens: Wenn eine nicht mit den anderen frühstücken wolle, lasse man sie schlafen.

Es klingelt. Herr Meier*, der Ehemann einer der Bewohnerinnen, kommt herein, ohne eine Antwort abzuwarten. Brille, grün kariertes Beret und Gehstock. Er nickt zur Begrüssung, dann geht er in das Zimmer seiner Frau. «Ich muss mich kurz hinlegen.» Später isst er mit den vier Seniorinnen zu Abend. Ganz bleiben will er aber nicht. Jeden Abend fährt Herr Meier wieder nach Hause. Er wohnt zwei Strassen weiter im Dorf. Auch der Mann von Frau Roth* ging früher in der Hofschmitte ein und aus. Er wohnte gemeinsam mit Frau Roth im Grössten der vier Zimmer. Dort steht jetzt nur noch ein Bett. Herr Roth hängt in einem Bilderrahmen an der Wand, auf dem Tisch unter ihm stehen Blumen und Kerzen.

In der Wohngemeinschaft können die Seniorinnen «in Ruhe gehen», sagt der Heimleiter. An einem Ort, den sie von früher noch kennen. Zwei der Seniorinnen sind in Messen aufgewachsen. Die anderen beiden kommen aus umliegenden Gemeinden des Bucheggbergs, erklärt Burkhalter.

Von der Terrasse hinter dem Haus aus kann eine Seniorin auf das Haus blicken, in dem sie aufgewachsen ist. Die meiste Zeit bleiben die Stühle und Sitzbänke aber leer. Manchmal sitzen die vier Seniorinnen vor dem Haus und schauen den Kindern auf dem gegenüberliegenden Schulhof beim Spielen zu. Dann sagt aber schnell eine mal «es zieht» und sie setzen sich nach drinnen.

Die vier Frauen waren laut Burkhalter früher Bäuerinnen. «Damals ging man raus zum Arbeiten. Wer draussen einfach rumsass, hatte keine Arbeit.» Die vier seien halt keine Stadtfrauen. «Das Modell Wohngemeinschaft kennen sie eigentlich gar nicht.»

Bald ist es 18 Uhr. Den ganzen Nachmittag haben die Seniorinnen am Holztisch gesessen, die meiste Zeit schweigend. In der Küche riecht es nach Käse und Fleisch. Die Pflegerin rührt in einer Pfanne mit Tomatensauce auf dem Herd. Es gibt Hörnli mit Auflauf. Etwas Einfaches. «Ihr Lieblingsessen», erklärt die Pflegerin. Im Schrank steht noch ein Birchermüesli. «Falls eine doch nicht Lust auf etwas Salziges hat.» Zudem habe sie für den Notfall immer etwas Brot und Käse da. «Das haben die Frauen früher ja zu Abend gegessen.» Die Bewohnerinnen sitzen noch immer am runden Holztisch. Sie lauschen der Aktivierungstherapeutin, die aus einem Buch vorliest. Sie schweigen.

«Das ist halt keine typische WG», sagt Burkhalter. Aber die Frauen hätten sich entschlossen, hier in der Hofschmitte zu bleiben. «Bis zum Tod.»

*Namen der Bewohnerinnen von der Redaktion geändert

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