Angefangen hat es mit dem Wäscheplan. «Der ist in diesem Haus recht kompliziert», erzählt die 45-jährige Christine Gerber, die in einem Wohnblock in Selzach wohnt. Als sie hörte, dass neben ihr eine Flüchtlingsfamilie einzog, beschloss sie, Nachbarschaftshilfe zu leisten. So habe sie der Familie Alyafei aus dem Jemen alle Daten aufgeschrieben, an welchen sie die Waschküche benutzen dürfen. «Dann bin ich in ihre Wohnung rüber und habe ihnen diesen Plan gegeben», sagt Gerber. «Von da an blieb es nicht mehr nur bei einem ‹Grüessech› und ‹Ade› im Treppenhaus.»

Gerber lehrt der Familie etwa Wörter auf Hochdeutsch und Mundart. Dafür kann sie nun auch einige Begriffe auf Arabisch. «Sie kochen manchmal auch gleich für mich mit», erzählt die 45-Jährige. «Ich finde es schön, wie sie teilen. Sie haben ja nicht viel Geld, auch wenn sie keine Miete zahlen müssen.» Die Vierzimmerwohnung bezahlt der Sozialdienst – und ist laut diesem zu gross für eine dreiköpfige Familie. «Jetzt plant der Kanton, noch eine andere Familie einzuquartieren oder der Familie eine kleinere Wohnung zu geben», erzählt die Hausfrau. Das dürfe aber auf keinen Fall passieren.

ICFY-Projekt: Junge Familie aus dem Jemen

ICFY-Projekt: Junge Familie aus dem Jemen

Die junge Flüchtlingsfamilie Alyafei aus dem Jemen soll in Selzach (SO) ihre eigenen vier Wände haben. Sie wohnen in einer Wohnung vom Sozialdienst / Kanton und sollen die eigentlich mit einer anderen Flüchtlingsfamilie teilen - dies ist aber eine Belastung und eine Nachbarin hilft jetzt mit einem Crowdfunding-Projekt, sodass die Familie alleine in der Wohnung bleiben kann. Hier mithelfen: http://icfy.ch/Sicheres-Zuhause

Traumatisierter Familienvater

Gerber sammelt Spenden über die Internetplattform www.icareforyou.ch, damit die Familie alleine in der Wohnung bleiben kann. Die 45-Jährige sagt, sie habe schon gehört: «Warum braucht eine dreiköpfige Familie denn eine Vierzimmerwohnung?» Die Hausfrau erklärt: Vater Bassl sei traumatisiert. Im Jemen war er Teil des politischen Widerstands gegen das Regime. «Er war drei Monate lang im Gefängnis», sagt Gerber. Dort sei es immer dunkel gewesen, habe er ihr erzählt. «Und dort wurde er auch gefoltert.» Deshalb könne Bassl nicht ohne Licht schlafen.

Der Gedanke, mit einer anderen Familie die Wohnung zu teilen, mache der jemenitischen Familie Angst. Als sie eingezogen sind, lebte eine Familie aus dem Irak mit den Alyafeis zusammen in der Wohnung. «Die haben nicht verstanden, warum Tag und Nacht Licht brannte», erinnert sich Gerber.

Auch vor einem Umzug graue es der Familie, die sich mittlerweile in Selzach gut eingelebt habe. So kommt Tochter Rufeida nach den Sommerferien auch ein Jahr früher als geplant in die erste Klasse.

Wohnung ist Kanton zu teuer

Pro Kopf und pro Monat erhalten Flüchtlinge und Asylsuchende im Kanton Solothurn maximal 300 Franken für die Wohnungsmiete. Laut David Kummer vom Amt für soziale Sicherheit (ASO) wird dieses Kostendach nach dem Pauschalbeitrag des Bundes berechnet. Dieser zahlt dem Kanton für Asylsozialhilfe 1470 Franken monatlich pro zu betreuende Person. Die Limite von 300 Franken sei ein «Durchschnittswert»: Im Kanton Solothurn betragen die Wohnkosten für Asylsuchende und Flüchtlinge rund 275 Franken pro Person – inklusive Nebenkosten, so Kummer.

Die Familie Alyafei liegt momentan über dieser Limite. Die Wohnung kostet im Monat rund 730 Franken zu viel. Spart der Kanton Geld, indem er mehrere Familien in einer Wohnung einquartiert? Kummer sagt, das käme auf den Einzelfall an. «Generell sind aber sicher Kollektivunterkünfte günstiger», so der Mitarbeiter des ASO.

8000 Franken bis im September

Gerber sagt, sie wolle den Kanton keineswegs anprangern. «Die haben halt auch ihre Richtlinien, an die sie sich halten müssen.» Auf der anderen Seite denke sie sich auch: «Wenn ich alleine in einem fremden Land wäre und alle nur Arabisch sprechen würden – Jösses Gott!» Es sei wirklich eine verzwickte Lage, sagt die Hausfrau. Sie hofft nun auf den Erfolg des «I care for you»-Projektes.

Noch fehlen 8000 von insgesamt 8800 Franken. Das Spendenprojekt läuft bis zum 9. September. «Ich hoffe, dass alle, die gesagt haben, dass das Projekt super sei, auch noch spenden», sagt Gerber. Sie arbeite Tag und Nacht daran. Schon um die 100 E-Mails habe sie verschickt und auch die Fraktionen des Solothurner Kantonsrates angeschrieben.

Zudem hat sie den Solothurner SP-Nationalrat Philipp Hadorn als Projektpate ins Boot geholt. «Dann kann ich auf jeden Fall nicht sagen, ich hätte nicht alles versucht.»