Jubiläums-Jahr

«Zu Beginn gab es viel Skepsis» - und doch hat die Solothurner Selbsthilfe 25 Jahre überlebt

Will die Selbsthilfe im Kanton – und im Gesundheitssystem verankern: Kontaktstellen-Leiterin Regina Schmid.

Will die Selbsthilfe im Kanton – und im Gesundheitssystem verankern: Kontaktstellen-Leiterin Regina Schmid.

Zweimal stand die Kontaktstelle Selbsthilfe Kanton Solothurn aus finanziellen Gründen vor dem Aus. Jetzt gibt es die Organisation, die die rund 80 Selbsthilfegruppen im Kanton koordiniert, schon seit 25 Jahren. Leiterin Regina Schmid spricht im Interview über die Probleme der Vergangenheit - und ein Projekt für die Zukunft.

Ein Mann ist – nach seiner Pensionierung – dran, eine Selbsthilfegruppe auf die Beine zu stellen, erzählt Regina Schmid. Für die Opfer von sexuellem Missbrauch im kirchlichen Umfeld. Dieses Beispiel nennt Schmid, Leiterin der Kontaktstelle der Selbsthilfe Solothurn, auf die Frage, ob eine der rund 80 Selbsthilfe-Gruppen im Kanton sie speziell berührt habe. Vor allem täten dies aber überhaupt die mutigen Menschen, die sie im Arbeitsalltag antreffe. Oft hat Schmid jedoch keinen einfachen Job. 25 Jahre lang gibt es die Kontaktstelle, die 48-jährige Sozialarbeiterin steht ihr seit sechs Jahren vor.

Zweimal stand die Kontaktstelle in den vergangenen 25 Jahren kurz vor dem Aus. Wo lagen und liegen die grössten Schwierigkeiten?

Bei den Finanzen. Die Selbsthilfe hat als ehrenamtliches Projekt des gemeinnützigen Frauenvereins in Olten begonnen. Dann wurde die Stelle Schritt für Schritt professionalisiert. So entstanden natürlich auch mehr Kosten. Eine soziale Institution übernahm zunächst die Trägerschaft, diese wurde geschlossen, dann wurde 2015 eine eigene Trägerschaft gegründet. Dank dem Kanton, der jeweils unter anderen ein gesprungen ist, konnte die Schliessung verhindert werden. Heute erhalten wir einen jährlichen Betrag vom Kanton, ebenso zahlen einige Gemeinden den freiwilliger Sozialbeitrag in den Topf des Verbands der Einwohnergemeinden. Aus diesem Topf erhalten wir seit letztem Jahr 10 000 Franken.

Dann sind die Finanzen heute kein Thema mehr?

Doch, die Finanzen sind ständig Thema. Die kantonalen und kommunalen Beiträge müssen laufend neu ausgehandelt werden und auch heute sind wir von Spenden abhängig. Unser Trägerverein arbeitet im Hintergrund sehr viel dafür, dass wir beispielsweise die budgetierten 25 000 Franken Spenden für dieses Jahr erreichen. Wir sind heute aber auf einem Level, wo die Schliessung nicht mehr unmittelbar droht.

Ihr Ziel, die Selbsthilfe im Kanton zu verankern, haben Sie zumindest teilweise erreicht?

Ja, davon bin ich überzeugt. Ich denke, viele Institutionen und Gemeinden sehen unseren Wert. Wir stellen fest, dass wir zu vielen kantonalen Veranstaltungen eingeladen und in Konzepten erwähnt werden. Zu Beginn gab es da schon viel Skepsis – das typische Vorurteil, dass man in einer Selbsthilfegruppe im Kreis sitzt und gemeinsam jammert. Heute zeigen aktuelle Studien, dass nicht nur Fachwissen, sondern auch Erfahrungswissen der Betroffenen dabei helfen, Erkrankungen zu überwinden.

Mit einem Pilotprojekt wollen Sie «selbsthilfefreundliche Gesundheitsinstitutionen» auszeichnen. Ärzte helfen Menschen, warum muss ein Spital noch selbsthilfefreundlich sein?

Konkret werden Massnahmen ausgearbeitet, um die Selbsthilfe für Patientinnen und Patienten zugänglicher zu machen. Sei dies über die systematische Information über die Selbsthilfe während des Klinik- oder Spitalaufenthaltes oder durch Selbsthilfeangebote nach dem Spitalaufenthalt, als ein weiteres Nachsorgeangebot.

Wozu?

Wie erwähnt sind heute immer mehr auch die Blickwinkel der betroffenen Personen für eine Behandlung wichtig. Die Menschen wissen meist sehr genau, welche Therapieform ihnen warum gut tut. Mit diesem Pilotprojekt soll dieses Bewusstsein beispielsweise in einem Spital gestärkt werden. Dadurch können Behandlungen hilfreicher werden. Das wiederum trägt möglicherweise sogar zur Reduktionen der Gesundheitskosten bei.


Warum hilft Selbsthilfe?

Weil in einer Selbsthilfegruppe existenzielle menschliche Grundbedürfnisse abgedeckt werden. Zusammengehörigkeit, Verstanden werden, sich entwickeln können. Das hilft, die eigene Krankheit besser zu verstehen; und kann eben auch zu mehr Lebensqualität trotz schwerer Krankheit beitragen.

Öffentliches Jubiläumsfest: 18. September, Bürgerspital Solothurn, Aula, mit Referat zu selbsthilfefreundlichen Gesundheitsinstitutionen. Beginn 18 Uhr, im Anschluss Apéro.

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