Er schäme sich, dass er in seinem Alter wegen einer solchen Dummheit nochmals ins Gefängnis müsse, sagt Dragomir T.* am Ende der Gerichtsverhandlung. «Ich verlange keine Gnade. Was ich getan habe, habe ich getan. Aber ich habe nur getan, was ich auch zugegeben habe.» Was genau will der 47-jährige Serbe damit sagen? Um dies zu verstehen, müssen wir die Zeit um einige Stunden zurückdrehen.

Dragomir T. betritt mit kleinen Schritten das Amtshaus 2 beim Dornacherplatz. Um seine Hand- und Fussgelenke trägt er Handschellen. Begleitet wird er von einem Polizisten, dieser hatte ihn vom Untersuchungsgefängnis in Olten nach Solothurn gebracht. Im Gang des Amtshauses setzt sich Dragomir T. auf einen Stuhl – bis zu seinem Termin vor dem Richteramt Solothurn-Lebern dauert es noch einige Minuten. Auch sein mutmasslicher Komplize Bojan C.* – an dieser Verhandlung lediglich als Auskunftsperson vorgeladen – betritt nun das Amtshaus. Er reicht Dragomir T. die Hand, die beiden führen ein kurzes Gespräch. Bojan C. trägt (noch) keine Handschellen, sein Termin vor Gericht wird erst zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden.

Monatelange Überwachung

Die beiden Serben treffen sich an diesem Tag im Amtshaus, weil ihnen vorgeworfen wird, zwischen Mitte Mai und anfangs Juni 2014 zusammen mit verschiedenen weiteren Landsleuten dreimal in der Nacht in Einkaufszentren eingebrochen zu sein. In Kirchberg, Utzenstorf und Jegenstorf sollen sie Zigaretten im Gesamtwert von rund 57'000 Franken erbeutet haben. Achtet man nun auf die Aufzählung der Gemeinden, fragt man sich, warum die Solothurner Behörden den Fall bearbeiten.

Dieser Umstand hat mit Bojan C. zu tun. Diesem wird nämlich vorgeworfen, früher mit einem weiteren Serben, welcher in Solothurn Einbruchdiebstähle verübte, gemeinsame Sache gemacht zu haben. Diese Komplizenschaft führte dazu, dass die Solothurner Ermittlungsbehörden die zwei vor Gericht Anwesenden und weitere Personen seit geraumer Zeit überwachen liessen. Es wurden Handys angezapft, Kameras vor Wohnungen platziert sowie Autos mit GPS-Trackern bestückt. Die Überwachung führte schliesslich zu Festnahmen nach dem letzten Diebstahl. Dieser Einbruch in Jegenstorf ist dann auch der, den Dragomir T. an der Gerichtsverhandlung als «Dummheit» bezeichnet. Bei den anderen streitet er eine Beteiligung ab.

Mühsame Befragung

Während der Verhandlung wird Bojan C. als erstes von Amtsgerichtspräsident Yves Derendinger befragt. Derendinger macht klar, dass es bei der Befragung nur um die Rolle von Dragomir T. gehe. Bojan C. scheint dies jedoch nicht so recht klar zu sein. Er wiederholt mehrmals, dass er nichts falsch gemacht habe, weicht zudem mit Wiederholungen den Fragen aus, oder sucht Ausflüchte.

Die Nerven von Derendinger werden sichtlich strapaziert. Der Übersetzer, der bei der Befragung mehr und mehr zwischen die Fronten gerät, kann einem fast leidtun. Glücklicherweise fällt die anschliessende Befragung des Angeklagten etwas ruhiger aus. Dragomir T. gibt nämlich meist kurze Antworten – sein schlechtes Gedächtnis erhöht den Puls von Derendinger zum Schluss aber nochmals.

Hohe Freiheitstrafe gefordert

Mithilfe der ausgewerteten Telefongespräche, Überwachungsbilder und GPS-Daten konstruiert Staatsanwalt Martin Schneider während seines Plädoyers den Tathergang der drei Einbruchdiebstähle und sieht die Beteiligung des Angeklagten als erwiesen an. Da Dragomir T. sich zudem trotz Einreisesperre bis März 2015 in der Schweiz aufhielt, steht für Schneider fest: Dieser Mann ist ein Kriminaltourist. «Und Kriminaltouristen sollte man vor Augen führen, dass es hier keine läppischen Strafen gibt, wenn man erwischt wird», so Schneider. Dementsprechend fiel auch seine Forderung aus: eine Freiheitsstrafe von 40 Monaten.

Dies bezeichnet der amtliche Verteidiger Severin Bellwald als «jenseits». Er wirft den Ermittlungsbehörden vor, in die aufgezeichneten Telefongespräche Tatsachen hineinzuinterpretieren, die nicht herzuleiten seien. Die Bilder der Überwachungskameras seien «nicht viel wert», weil man darauf oft wenig erkenne. «Möglichkeiten sind keine Beweise.» Der Verteidiger fordert für seinen Mandanten darum eine bedingte Freiheitsstrafe von fünf Monaten, die sofortige Entlassung aus der Haft und eine angemessene Genugtuung für die bisherigen neun Monate hinter Gittern.

Amtsgerichtspräsident Yves Derendinger kam bei der Urteilseröffnung – einen Tag nach der Verhandlung – weder der Forderung des Staatsanwaltes noch der des Verteidigers nach, sondern verurteilte Dragomir T. zu einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten unbedingt. Die neun Monate Haft werden ihm angerechnet. Derendinger machte klar, dass dem Angeklagten wegen mehreren Vorstrafen sowie Uneinsichtigkeit eine sehr schlechte Prognose gestellt werde. «Deshalb kommt keine teilbedingte oder bedingte Haft infrage», so der Amtsgerichtspräsident.

Die Richter stützten sich bei ihrem Urteil vor allem auf die Datenauswertung der GPS- und Handyüberwachung und brachten Dragomir T. so mit der Vorbereitung und Beteiligung aller drei Diebstähle in Verbindung. «Er ist ein Kriminaltourist», meinte schliesslich auch der Amtsgerichtspräsident.

* Namen von der Redaktion geändert.