Wertvoller Fund

Die Zentralbibliothek birgt einen grossen Schatz

Stolz über den Fund: Verena Bider (Co-Direktorin der Zentralbibliothek) und Handschriftenbibliothekar Ian Holt.

Stolz über den Fund: Verena Bider (Co-Direktorin der Zentralbibliothek) und Handschriftenbibliothekar Ian Holt.

15 Briefe und Karten des Schweizer Schriftstellers Robert Walser lagen viele Jahre unerforscht im Bibliotheksarchiv. Der Fund ist sensationell, weil Walser in seinen bisherigen Briefen sehr wenig über die Entstehung seiner Texte verlauten liess.

Robert Walser war erst 21 Jahre alt und steckte noch in den Anfängen seines literarischen Schaffens, als er während etwas mehr als eines halben Jahres an der Gurzelngasse 34 in Solothurn ein- und ausging. Dort, beim jetzigen Büchergeschäft, wird er wohl aus dem Mansardenfenster über das Städtchen geblickt haben.

Vom 13. Oktober 1899 bis zum 14. Mai 1900 lebte er als Untermieter bei Regina Bloch, die eine Mehlhandlung führte. «Er arbeitete als Commis einer Bank», erzählt Walser-Forscher Bernhard Echte.

Dass Robert Walser (1878-1956) zu dieser Zeit in Solothurn lebte, wusste man zwar bereits. Etwa aus dem Buch «Schriftsteller sehen Solothurn» von Fritz Grob. Neu ist jedoch, dass man nun dank des wertvollen Fundes von Briefen und Karten weiss, woran Walser dazumal schrieb.

Sensation für die Forschung

Diesen Freitag werden in der Zentralbibliothek Solothurn 15 neu entdeckte Schriftstücke des Schriftstellers vorgestellt. Die Briefe und Karten lagerten, von der Forschung lange unbemerkt, im Archiv der Bibliothek und waren an Emil Wiedmer gerichtet, einen ehemaligen Redaktor der «Solothurner Zeitung». Gemäss Walser-Forscher Bernhard Echte gelten sie als Sensation.

Laut Verena Bider, Wissenschaftliche Bibliothekarin und Co-Direktorin der Zentralbibliothek, wird durch einen der Briefe bestätigt, dass Walser in Solothurn an den Dramoletten gearbeitet hat. Dabei handelt es sich um kurzdramatische Stückchen wie Aschenbrödel und Schneewittchen. Begeistert fügt sie bei: «Es ist toll, dass sich so etwas nach so langer Zeit noch belegen lässt.»

Die neu entdeckten fünf Briefe und zehn Karten hat Robert Walser von 1916 bis 1919 geschrieben, also lange nach seinem Solothurn-Aufenthalt. «Es sind unterschiedlich wichtige Schriftstücke», erklärt Bider, «zwei dieser Briefe enthalten neue, wichtige biografische Angaben». Und einer davon, datiert auf den 17. Januar 1918, gebe einen kurzen Hinweis auf sein Schaffen während der Solothurner Zeit.

Warum aber blieben die Schriften so lange unbeachtet und wie wurden sie entdeckt? Sie waren an Emil Wiedmer adressiert, der ab 1919 Redaktor der «Solothurner Zeitung» war. «Als dieser 1955 seine Redaktoren-Stube räumte, übergab er der Bibliothek unter anderem auch den Briefwechsel mit Robert Walser, also noch vor Walsers Tod», sagt Bider. «Die Briefe wurden sofort katalogisiert. Es handelte sich dabei allerdings um interne Kataloge, in denen man als Benutzer nicht einfach so herumstöbern konnte.»

2005 sei dieser Katalog in eine interne Datenbank aufgenommen worden. «Erst 2011 überführten wir diese Datenbank in den internetbasierten Katalog HAN, der über die Universitätsbibliothek Basel läuft und öffentlich zugänglich ist.»

«Ich habe gewusst, dass wir Walser-Briefe bei uns haben», räumt Verena Bider ein. «Ich dachte jedoch, sie seien der Forschung bekannt.» Der eigentliche Entdecker war dann Bernhard Echte, Literaturwissenschafter und Verleger.

Verena Bider, Co-Direktorin der Zentralbibliothek Solothurn, über die «Entdeckung» und die Bedeutung der Walser-Briefe.

Verena Bider, Co-Direktorin der Zentralbibliothek Solothurn, über die «Entdeckung» und die Bedeutung der Walser-Briefe.

Er war jahrelang Leiter des Robert-Walser-Archivs und einer der besten Kenner des Werks. Da eine Briefausgabe Walsers erscheinen soll, suchte er im Herbst 2015 auch in besagtem Online-Katalog: «Der Redaktionsschluss der neuen Ausgabe von Robert Walsers Briefen stand kurz bevor, und da habe ich als einer der beiden Herausgeber noch einmal überprüfen wollen, ob wir tatsächlich nichts übersehen hatten – und siehe da: Plötzlich stand da etwas im Netz, das wir noch nicht kannten.»

Briefwechsel bricht ab

Man einigte sich dann schliesslich darauf, den wertvollen Fund anlässlich des Geburtstags von Robert Walser am 15. April der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Schriftstücke werden in der neuen Briefausgabe enthalten sein, die 2017 im Suhrkamp Verlag herauskommen wird. Diese umfasst zwei umfangreiche Bände plus einen zusätzlichen Materialband.

Für den Walser-Experten Bernhard Echte sind die neu entdeckten Schriftstücke vor allem deshalb eine Sensation, weil Walser in Briefen sonst wenig über die Entstehung seiner Texte und sein schriftstellerisches Credo verlauten lässt.

«Hier tut er es aber ganz unverstellt und berichtet Wiedmer, wie er seine früheren Geschichten geschrieben hat, welche Einflüsse es dabei gab und wie die Reaktion darauf war.» Zudem schreibe er über die Differenz zwischen seinen Romanhelden und sich selbst. Und er thematisiere die Frage, warum er kein Erfolgsautor sei. Echte: «Über diese Zusammenhänge hatte man bisher keine vergleichbar direkten Äusserungen von ihm.»

Warum die Briefe an Wiedmer abrupt aufhören, ist unbekannt. Wiedmer war selber literarisch tätig und an zeitgenössischer Dichtung sehr interessiert. Als er 1955 der Bibliothek die 15 Walser-Schriftstücke übergab, überreichte er insgesamt 348 Korrespondenzen aus vier Jahrzehnten mit vielen Persönlichkeiten aus Kunst und Politik.

Bernhard Echte ist rätselhaft, warum die Korrespondenz zu Wiedmer plötzlich aufhörte. Der Kontakt sei genau an dem Punkt abgebrochen, als Wiedmer Redaktor der «Solothurner Zeitung» wurde – und für Walser eigentlich hätte nützlich werden können. Als Wiedmer bei Walser denn auch sofort anfragte, ob er ihm Texte schicken könne, habe Walser jedoch abgewinkt. Echte: «Über die genauen Gründe kann man nur spekulieren.»

Gibts noch weitere Schätze?

Wer weiss, welche Schätze in der Bibliothek noch schlummern. Bis jetzt nehmen einem selbst Computer und Internet das gezielte Suchen und konkrete Finden nicht ab. Bider: «Wir haben auch Briefe von Keller und Gotthelf. Von denen wissen wir aber, dass sie der Forschung bekannt sind. Doch wer weiss, was noch vorhanden ist. Man würde vielleicht noch sehr viel finden.»

Die öffentliche Präsentation der 15 Schriftstücke findet am 15. April um 18.30 Uhr in der Zentralbibliothek Solothurn statt. Moderiert wird der Anlass von Verena Bider. Es sprechen Bernhard Echte, Verleger Nimbus-Verlag, Reto Sorg, Leiter des Robert-Walser-Zentrums in Bern, Lucas Marco Gisi, Leiter des Robert-Walser-Archivs in Bern. Stadtpräsident Kurt Fluri spricht das Grusswort.

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