Nachholbildung
«Zeitweise wars schon hart»: Sie haben mit 56 noch eine Lehre abgeschlossen

Esther Baumgartner und Ruth Gantenbein – beide 56 – haben bei der Firma Fraisa SA in Bellach ihre Lehre als Logistikerin erfolgreich abgeschlossen.

Alois Winiger
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Sind jetzt gelernte Logistikerinnen: Esther Baumgartner (links) und Ruth Gantenbein in der Spedition der Fraisa SA.

Sind jetzt gelernte Logistikerinnen: Esther Baumgartner (links) und Ruth Gantenbein in der Spedition der Fraisa SA.

ALOIS WINIGER

Seit 2012 bietet die Werkzeugbaufirma Fraisa SA in Bellach ihren Mitarbeitenden die Möglichkeit, sich innerhalb der Arbeitszeit weiterzubilden oder eine Lehre als Produktionsmechaniker, Anlageführer oder Logistiker nachzuholen. Sechs Frauen und vier Männer haben jüngst eine solche Lehre mit Erfolg abgeschlossen.

Zu ihnen zählen Esther Baumgartner aus Langnau i.E., Mutter von zwei Kindern, und Ruth Gantenbein aus Oensingen, Mutter von drei Kindern. Sie arbeiten noch bis Ende dieses Jahres in der Abteilung Lager/Spedition, dann wird dieser Bereich nach Deutschland ausgelagert. Dank der Nachholbildung als Logistikerin bleibt den beiden 56-jährigen Frauen eine Anstellung bei der Firma erhalten.

Seit wann arbeiten Sie bei der Firma Fraisa?

Ruth Gantenbein: Seit sieben Jahren. Ich hatte einmal eine Anlehre als Coiffeuse gemacht, aber nicht lange als solche gearbeitet. Dann kam die Familie mit den drei Kindern. Als mein Mann blind wurde wegen Makula-Degeneration, entschied ich mich, eine Arbeit zu suchen.

Esther Baumgartner: Wenn ich die Zeit bei der Firma E. Weber AG in Bärau einrechne, die 2004 an die Fraisa übergegangen ist, sind es 28 Jahre. Bei der Weber AG hiess mein Job seinerzeit noch Magaziner, aber ich habe auch in anderen Bereichen mitgearbeitet, wo es gerade nötig war.

Wie war es für Sie, wieder in die Schule zu gehen?

Gantenbein: Je näher der Start kam, desto mehr hatte ich ein komisches Gefühl. Aber eigentlich freute ich mich darauf.

Baumgartner: In den ersten Monaten war es für mich eine Katastrophe. Zum Glück wurde es dann schnell besser.

Haben Sie je ans Aufgeben gedacht?

Baumgartner: Ja, mehrmals sogar. Ich dachte mir, ich gehe nur so lange, als es mir Spass macht. Für mich war es nicht wie für jemanden, der beruflich noch weiterkommen oder Karriere machen will.

Gantenbein: Aufgeben war für mich kein Thema, ich wollte diese Lehre unbedingt machen. Es war zwar zeitweise schon ein wenig hart, aber wenn es dann gute Noten gab, machte mir das Lernen richtig Spass.

Was war das Schwierigste in der Schule?

Gantenbein: Das viele Lehrmaterial, die vielen Bücher. Die Frage, was muss man sich davon bis zum Schluss alles merken.

Baumgartner: Da stimme ich Ruth zu. Aber es wurde anderseits mit der Zeit auch spannend, denn ich lernte Sachen kennen, die mich vorher nicht interessiert haben. Zum Beispiel, was für Arten von Güterwagen die Bahn einsetzt und wofür.

Gantenbein: Überhaupt habe ich von der Schule vieles fürs Leben mitbekommen. Ich nehme vieles bewusster wahr, kann mir nun vorstellen, welcher Aufwand hinter etwas steckt, wo man es nicht vermutet.

Als Logistikerinnen haben Sie nun eine vertiefte Ahnung vom Onlinehandel. Kaufen Sie privat Sachen online ein?

Baumgartner: Mit Onlinebestellungen habe ich rein gar nichts am Hut. Ich bestelle nur dann etwas online, wenn es nicht anders geht.

Gantenbein: Ich habe noch überhaupt nichts online eingekauft. Das Hin- und Hersenden der Päckli finde ich nicht gut. Ich gehe viel lieber in den Laden und schaue mir die Ware an, dann kann ich auch gleich entscheiden, ob das Produkt die gewünschte Qualität hat.

Baumgartner: Aber die Logistik ist natürlich schon etwas Faszinierendes. Besonders beeindruckt hat mich die Lebensmittelverteilung. Ruth und ich konnten ein vierzehntägiges Praktikum machen bei Coop in Wangen bei Olten. Da einmal mitzubekommen, was es alles braucht, bis die Ware in meiner kleinen Coop-Filiale ist, in der ich einkaufe, das ist schon sehr eindrücklich.

Würden Sie denn lieber in einem grossen Verteilzentrum arbeiten als hier in der Fraisa mit ihrer überschaubaren Spedition?

Gantenbein: Warum sollte ich es anderswo probieren? Ich bin sehr froh, diese Arbeitsstelle hier zu haben. Die ist tipptopp – und das Klima ist es auch.

Baumgartner: Zu wechseln wäre doch unfair gegenüber der Fraisa. Die Firma hat uns eine Möglichkeit geboten, die sonst niemand von den anderen hatte, die wir während der Lehre kennen gelernt haben. Die Schule zählte als Arbeitszeit, und wir bekamen sogar die Zugfahrt zur Schule und die Verpflegung bezahlt.

Gab es einen entscheidenden Anstoss dafür, dass Sie die Ausbildung anpackten?

Baumgartner: Das ist schon dem Sepp zu verdanken.

Wer bitte ist der Sepp?

Baumgartner: Das ist unser Chef, der CEO, Sepp, also Josef Maushart.

Heisst das, Sie sind per Du mit ihm?

Baumgartner: Ja, wir sind alle per Du miteinander in der Firma.

Finden Sie das gut?

Gantenbein: Nein, eigentlich nicht so. Ich glaube, bei einzelnen Leuten geht dadurch der Respekt verloren. Eine gewisse Distanz schadet nichts.

Baumgartner: Ich finde, das Du ändert nichts in Bezug auf den Respekt.

Wie hat der CEO euch überzeugt?

Gantenbein: Er hat uns nichts vorgemacht und klipp und klar erklärt, es werde früher oder später soweit kommen, dass nur noch Arbeitskräfte gebraucht werden, die eine Ausbildung gemacht haben. Er hat betont, wie wichtig es für ihn sei, dass wir alle eine Ausbildung machen. Dann könnten die Leute auch vielseitiger eingesetzt werden.

Den Rat zu hören ist eines, ihn in die Tat umzusetzen braucht wohl etwas mehr.

Baumgartner: Wir wussten, dass es um unsere Arbeitsplätze geht. Denn das Lager und die Spedition, wo wir beide arbeiten, wird es ab Ende dieses Jahres nicht mehr geben. Täglich gehen sechs- bis achthundert Warensendungen aus dem Haus. Bis auf einen kleinen Teil wird die gesamte Logistik an eine Spezialfirma in Deutschland ausgelagert. Für den kleinen Teil hier im Haus werde ich dann verantwortlich sein.

Gantenbein: Und ich werde in die Warenannahme wechseln. Wie genau der Job aussehen wird, weiss ich noch nicht, aber das macht nichts, ich bin offen.

Verdienen Sie jetzt mit der abgeschlossenen Lehre mehr als bisher?

Baumgartner: Davon wissen wir noch nichts. Aber ich nehme an, man wird schon mit uns darüber reden, wenn wir aufs neue Jahr den neuen Posten antreten werden.

Wie haben die Leute zu Hause und im Betrieb darauf reagiert, dass Sie eine Lehre nachholen wollen?

Gantenbein: Zuerst haben sie gelacht, aber dann schnell begriffen, dass es mir ernst ist und sie haben mich unterstützt, fanden das super. Alle, vor allem aber mein Mann, haben mir immer wieder helfen können, wenn ich mal nicht weitergekommen bin.

Baumgartner: Eines meiner Grosskinder hat mich gefragt: «Grosi, hast Du denn in der Schule zu wenig aufgepasst, dass du jetzt nochmals in die Schule gehen musst?» Ich sagte dann, das sei fast ein wenig so. Denn ich hatte früh das erste Kind und hatte nur gerade ein Handelsdiplom gemacht, und das zählt ja nichts.

Werden Sie anderen Frauen und Männern empfehlen, auch eine Lehre zu machen?

Baumgartner: Wenn das Thema aufkommt, dann setze ich mich dafür ein. Aber missionieren werde ich nicht.

Gantenbein: Auf jeden Fall. Ich mache gerne Werbung dafür. Es gibt einem ein gutes Gefühl, so eine Lehre. Und ich kann den Leuten auch sagen, dass so eine Lehre zu schaffen ist.