Heute hat Eva Meier Zeit. Die 48-Jährige aus Derendingen arbeitet 80 Prozent. Freitags hat sie jeweils frei – und deshalb Zeit für ein Gespräch. Schon vor 20 Jahren habe sie sich dazu entschieden, ihr Pensum etwas zu reduzieren. Lieber etwas weniger Lohn, dafür mehr Zeit.

«Zeit ist ein wertvolles Gut», sagt die gelernte Papeterie-Verkäuferin, die seit mehreren Jahren in einem Büro arbeitet. «Zeit ist aber auch Mangelware – das ist das Tragische an unserer Gesellschaft.» Die Leute seien gestresst, verbrächten ihre Zeit mit Dingen, die sie tun «müssen» und nicht «wollen».

Dem will Meier entgegenwirken. Mit dem Verein «ZeitTausch», den sie seit März präsidiert. So heisst die Zeitbörse im Kanton. Das ist keine neue Erfindung. Bereits vor 20 Jahren wurde sie gegründet, als in der ganzen Schweiz Zeitbörsen entstanden – als Gegenbewegung zur Konsumgesellschaft.

Zeit ist (wichtiger als) Geld

Gehandelt wird an der Zeitbörse nämlich nicht mit Geld, sondern mit Zeit. Alle Mitglieder haben ein Konto. Beim Eintritt erhalten sie einige Stunden gutgeschrieben. Dann verdienen sie Zeit, indem sie etwa Dinge ausleihen, die sie nicht oft brauchen. Bohrmaschinen, Vorhänge, Skiausrüstung. Und sie können sich im Gegenzug etwas leisten. Hilfe beim Umzug, oder beim Fenster putzen

Jedes Mitglied soll dort aushelfen, wo es kann und möchte. Und sich dafür Hilfe bei Dingen holen, die es weniger gut kann, oder auf die es einfach keine Lust hat. Der Preis: eine Stunde. Egal ob für eine Ware oder Unterstützung. Egal ob ein Ingenieur oder eine Putzfrau aushilft.

Auch Meier tauscht mit. Sie hilft etwa im Garten oder beim Putzen. Dafür holte sich kürzlich Hilfe beim Wände streichen. Oder zahlt mit einer Stunde für eine Massage. «Das hätte ich mit früher nie geleistet.» Meier kam zum Verein, als sie auf Stellensuche war. «Wenn ich jedes Mal, wenn ich Hilfe gebraucht hätte, einen Handwerker aufgeboten hätte, hätte das enorm viel Geld gekostet.» Im Verein nur eine Stunde.

Es geht aber nicht nur darum, mit Zeit zu handeln, sondern auch, die Zeit mit Dingen zu verbringen, die man gerne tut. Eine Freundin, die ihr mit einer Webseite geholfen habe, sagte nach getaner Arbeit zu Meier: «Du musst mir keine Zeit geben, ich mache das gerne.» Genau das sei aber das Ziel – Zeit «freudvoller verbringen». Und neue Bekanntschaften schliessen, auf Menschen zugehen. Man werde grosszügiger im Verein, ist Meier überzeugt. «Geht den Mitmenschen weniger aus dem Weg.»

Zeit zu wachsen

Trotz knapp 20-jährigem Bestehen kommt die Zeitbörse noch immer wie ein Projekt in der Pilotphase daher– derzeit sind knapp 60 Mitglieder im Verein. Das jüngste Mitglied ist 30 Jahre alt. Das älteste 85. Alleinstehende und Paare aus dem ganzen Kanton – auch ein Mitglied aus Olten ist dabei. Oft höre sie aber, «ich habe keine Zeit für so etwas», erzählt Meier. Auch erreiche der Verein junge Leute weniger gut, und man habe vor allem wenig männliche Mitglieder.

Die 47-jährige Präsidentin will nun neues Leben in den Verein bringen. Dazu hat sie dieses Jahr die App für alle Mitglieder eingerichtet. Auch an der Webseite von «ZeitTausch» arbeitet Meier derzeit. So sollen die Mitglieder künftig Inserate schalten können. Im Stil von: «Suche Veloschloss – helfe putzen».

Meier will dieses Jahr zudem einen Newsletter startet, in welchen die Mitglieder die aktuellen Inserate zugeschickt bekommen. Damit diese nicht alle Angebote durchstöbern müssen. Oftmals würden Mitglieder nämlich lieber Hilfe anbieten, anstatt jemanden um Hilfe zu beten, erzählt die Präsidentin. Damit schaufeln sie wortwörtlich Überzeit.

Die Gesellschaft habe die frühere Nachbarschaftshilfe, die selbstverständlich war, verlernt, sagt Meier. Diese will der Verein, ähnlich wie andere Organisationen in der Region (siehe Box: «Tauschbörse ‹PumpiPumpe›») wiederbeleben. «Aufgrund unseres Wohlstandes haben wir wohl das Gefühl, nicht mehr auf andere angewiesen zu sein.»

Vielleicht seien auch Hemmungen da, andere um Hilfe zu fragen. Weil man dann immer gleich das Gefühl habe, jemandem etwas schuldig zu sein. An der Zeitbörse habe sie das Gefühl nie, sagt die Derendingerin. Die Entschädigung ist klar geregelt. Es braucht nur Zeit dafür.