Digitalisierung
Ypsomed testet, wie das 5G-Netz die Industrie verändern wird

Ypsomed testet in Solothurn das 5G-Netz. Die Firma hat Produktionsprozesse digitalisiert, wodurch diese vereinfacht, noch sicherer und deutlich effizienter werden.

Lucien Fluri
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Sieht nicht viel anders aus als das Wlan zuhause, soll aber die Industrie revolutionieren: Die 5G-Technologie hier in der Solothurner Ypsomed, die als erster Swisscom-Kunde seit Frühjahr 2017 5G in der Produktion testet.

Sieht nicht viel anders aus als das Wlan zuhause, soll aber die Industrie revolutionieren: Die 5G-Technologie hier in der Solothurner Ypsomed, die als erster Swisscom-Kunde seit Frühjahr 2017 5G in der Produktion testet.

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Die Besucher streifen sich weisse Hauben über die Haare und Plastik über die Schuhe. Klinisch rein ist es in den Produktionshallen der Solothurner Ypsomed. Und fast ebenso ruhig. Nur wenige Mitarbeitende bewegen sich durch die Räume, wo der Weltmarktführer für Injektionssysteme flüssiger Medikamente produziert. Der Maschinenpark erledigt schon heute einen Grossteil der Arbeit.

Das ist 5G

5G, auch bekannt als «nächste Mobilfunkgeneration», ist erheblich schneller als das heutige 4G-Mobilfunk-Netz. 5G reagiert quasi in Echtzeit; viel mehr Geräte können gleichzeitig ihre Daten übertragen und untereinander kommunizieren (Stichwort: «Internet der Dinge»). Dies ermöglicht neue Anwendungen. Ob künstliche Intelligenz oder autonomes Fahren: Ohne die Technologie ist das nicht vorstellbar. (szr/mgt)

Bald soll der nächste grosse Schritt in Richtung Vollautomatisierung folgen: Als erste Industriefirma unter den Swisscom-Kunden hat die Ypsomed in Solothurn die neue 5G-Technologie in der laufenden Produktion getestet. Am Montag haben die beiden Firmen einen Einblick gegeben, wie die Technologie die Industrieproduktion dank Quasi-Echtzeitdatenübertragung und der Kommunikation unter Maschinen verändern könnte.

«Wir überleben nur, wenn wir an der Spitze stehen in Sachen Produktivität», sagt Ypsomed-CEO Simon Michel. 20 Milliarden Kunststoffteile stellt die Firma jährlich für Injektions- oder Pumpensysteme für flüssige Medikamente her. «Wir wollen auch morgen noch Weltmarktführerin sein», so Michel, der die Firma mit rund 1500 Mitarbeitenden – davon 400 in Solothurn – seit 2014 leitet.

«Der Kostendruck verlangt eine vollautomatische Produktion.» Hier setzt Michel seine Hoffnung auf die 5G-Technik, von der er sich noch einfachere, sicherere und effizientere Produktionsprozesse verspricht. Das Ziel: weniger Produktionsunterbrüche. «Am teuersten ist es, wenn die Maschine steht», so Michel.

Verlagerungen in die Schweiz?

Wie verändert die Technologie die Arbeitswelt? Braucht es gar keine Mitarbeitenden mehr? «Die Anforderungen verändern sich», sagt Michel. «Vor 30 Jahren waren 70 Prozent der Mitarbeitenden in der Produktion beschäftigt. Heute sind es noch 20 Prozent.» Vor zehn Jahren wurde die Produktion automatisiert. «Sie sehen niemanden mehr in der Produktion. Wir haben Experten, die die Anlagen bedienen und warten.» Und künftig? «Der Mensch entwickelt und definiert nur noch die Prozesse.» In der Produktion kommt er nicht mehr vor. Das bedeute, so Michel, nicht, dass es weniger Arbeitsplätze gebe. Aber die einzelnen Mitarbeitenden bräuchten mehr Kompetenzen.

Komponente des 5G-Netzwerks beim Industriekonzern Ypsomed

Komponente des 5G-Netzwerks beim Industriekonzern Ypsomed

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Michel sieht in der Technologie dank Vollautomatisierung und günstiger Produktionskosten Chancen für die Schweiz. «Es ermöglicht uns, Produktionsprozesse wieder hier anzusiedeln.» Ypsomed habe bereits Teile der Produktion – und damit 50 Arbeitsplätze – aus Mexiko in die Schweiz zurückverlagert. Über 100 Mio. Franken hat die Firma in den vergangenen Jahren in die Standorte Solothurn und Burgdorf investiert.

«Daten besser nutzen»

Doch wie verändert die 5G-Technologie den Industriebetrieb? Interessant ist die Technologie für Michel dort, wo sie die Herstellungskosten überdurchschnittlich senken kann; etwa bei den 150 Spritzgussmaschinen, die in Ypsomed-Produktionshallen stehen. «Wir generieren eine Menge Daten, die wir noch besser nutzen wollen», so Michel. Quasi in Echtzeit können die Maschinen die Daten ans Rechenzentrum weitergeben und ebenso schnell fliessen sie zurück.

Jederzeit kann dann beispielsweise die Temperatur in der Spritzgussmaschine nachvollzogen werden. Es wird klar, wann die Maschine zu heiss wird. Wartungsfenster können dank den Informationen am besten abgeglichen werden mit den anstehenden Aufträgen. Und nicht zuletzt kann das Qualitätsmanagement die Wege der Produkte während des Produktionsprozesses nachverfolgen oder mit 3-D-Brillen und Augmented Reality direkt vor der Maschine mit den Vorgaben abgleichen und kontrollieren. Der Weg entfällt.

Noch gibt es 5G in der Schweiz nicht. Die Swisscom selbst hat den Start des 5G-Netzes auf Ende 2018 vorgezogen. Doch noch fehlen dafür die regulatorischen Grundlagen. Derzeit diskutiert Bundesbern über die notwendige Lockerung der heutigen Strahlenschutzverordnung, die zehnmal strengere Grenzwerte als im europäischen Ausland kennt. «Die Schweiz wartet nicht auf die Politik. Swisscom geht vorwärts», sagte Heinz Herren, Chief Information Officer und Chief Technology Officer der Swisscom, am Montag bestimmt.

Und auch Simon Michel ist überzeugt: «Die Industrie kann und will nicht warten.» Für Michel ist unverständlich, warum in der Schweiz über höhere Grenzwerte diskutiert wird als im Ausland. «Wir brauchen 5G. Es ist für uns überlebenswichtig.» Auch für Heinz Herren ist die neue Technologie die Grundlage für die Digitalisierung in der Schweiz. «Die Industrie sieht ihre Chancen und fordert eine schnelle Realisierung.»

Zu Besuch bei Ypsomed
16 Bilder
In Reih und Glied
Simon Michel, Josef Maushart und Esther Gassler
Einblick in die Pen-Produktion
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Einblick in die Pen-Produktion
Kantonsratspräsident Urs Huber ist auch unter den Gästen
Einblick in die Pen-Produktion
Einblick in die Pen-Produktion.01
Simon Michel, CEO der Ypsomed
CEO Simon Michel demonstriert einen Pen
Einblick in die Pen-Produktion
CEO Simon Michel erklärt, die Vertreter aus Politik und Wirtschaft sind ganz Ohr
CEO Simon Michel erklärt, Marianne Meister und Esther Gassler staunen
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Carsten Gansert (Ypsomed), Tony Ackermann (Ypsomed), RR Esther Gassler, Simon Michel (CEO Ypsomed), Ulrike Bauer (Ypsomed), Dav

Zu Besuch bei Ypsomed

Hanspeter Bärtschi