Bereits die Vorbereitung auf den Betriebsrundgang machte klar, dass es sich beim Ypsomed-Werk in Solothurn nicht um eine «gewöhnliche» Fabrik handelt. Schutzanzüge, Kopfhauben, Schuhschutz sowie Händewaschen sind Bedingung, um überhaupt die Produktionshallen betreten zu dürfen. In den Gebäuden, in denen früher Autophon, später Ascom und Flextronic Telefone produzierten, werden seit 2004 unter Reinraumbedingungen Produkte der Medizinaltechnik gefertigt. Auf Reih und Glied aufgestellte Kunststoff-Spritzgiessmaschinen fertigen Einwegpens. Die Injektionssysteme zur dosierten Abgabe von Insulin an Diabetiker bestehen aus nur 13 Teilen und werden millionenfach produziert. In einer weiteren Halle läuft die Produktion von Pen-Injektionsnadeln, selbstredend unter Reinraumbedingungen.

Hohe Wertschöpfung in Solothurn

«Wir erzielen rund 50 Prozent unserer Wertschöpfung in Solothurn», erklärte Ypsomed-Chef Simon Michel zuvor bei der Firmenpräsentation am Industrietag des Industrieverbandes Solothurn und Umgebung (Inveso). Damit unterstrich er – der Mitte Jahr die Firmenleitung von seinem Vater, Firmengründer und Verwaltungsratspräsident Willy Michel übernahm – die Wichtigkeit des Standortes Solothurn. Der Anteil soll auf 60 Prozent steigen.

Dazu will Ypsomed weiter in die Fertigungsanlagen investieren. Die Produktionskapazität für die Einwegpens liegt bei jährlich 100 Millionen Stück und bei den Nadeln bei 1 Milliarde. «Nur dank dem hohen Automatisierungsgrad ist die Produktion in der Schweiz überhaupt möglich», erläuterte Simon Michel. Im laufenden Jahr habe Ypsomed «mindestens fünf Millionen Franken in neue Anlagen in Solothurn investiert», ergänzte Ypsomed-Sprecher Benjamin Overney auf Anfrage. Und im zweiten Geschäftshalbjahr würden Investitionen in ähnlichem Umfang anfallen. Das wirkt sich auch beschäftigungsmässig positiv aus. Es sei geplant, in den kommenden 18 Monaten 30 bis 40 neue Stellen zu schaffen, ein Grossteil davon in Solothurn, sagt Overney. «Wir bleiben in Solothurn», versicherte Simon Michel am Industrietag. Insgesamt habe Ypsomed seit der Eröffnung 2004 rund 200 Millionen Franken in Solothurn investiert.

Bekenntnis zur Industrie

Das wird die anwesende Volkswirtschaftsdirektorin Esther Gassler gefreut haben. «Wir wollen die industriellen Arbeitsplätze hier behalten», meinte sie am Anlass. Es brauche die Produktion vor Ort, ansonsten sei die Gefahr gross, dass auch Forschung und Entwicklung abwanderten. 60 Prozent der im zweiten Sektor aktiven Solothurner Firmen seien im Export tätig. «Sie sind exportfähig und damit in der Lage, im weltweiten Konkurrenzkampf zu bestehen.»

Doch dieser globale Wettbewerb sei mit steigenden Herausforderungen verbunden, auch in der Medizinaltechnik, führte Simon Michel aus. Die Jahre mit zweistelligen Wachstumsraten in der Branche seien vorbei. Der Preis- und Margendruck sei enorm, Produktionsverlagerungen seien die Konsequenz. Ypsomed begegne dem Druck nebst mit Produktivitätssteigerungen in der Fertigung mit hohen Investitionen in Forschung und Entwicklung, um innovative Produkte auf den Markt bringen zu können. «Die Ausgaben belaufen sich jährlich auf 8 bis 10 Umsatzprozente oder 25 bis 30 Mio. Franken.»

«Steuern müssen runter»

Gleichzeitig gab Michel der Volkswirtschaftsdirektorin einige Hausaufgaben mit auf den Heimweg. Damit Ypsomed und andere Firmen in Solothurn weiter wachsen könne, brauche es auch verbesserte Rahmenbedingungen. So müsse ein «echter Medtech Cluster Solothurn-Biel» aufgebaut werden und die im schweizweiten Vergleich hohe Unternehmensgewinnsteuer müsse um mindestens fünf Prozent gesenkt werden. Und: «Politik und Behörden dürfen es nicht als selbstverständlich erachten, dass die Unternehmen hier sind.»

Die Ypsomed-Gruppe beschäftigt weltweit rund 1100 Mitarbeitende. Am Hauptsitz in Burgdorf sind es 460, in Solothurn 184 und in Grenchen 87 Angestellte. Ypsomed erwartet im laufenden Geschäftsjahr einen Umsatz von über 300 Mio. Franken.