Gastautor
Ypern – damals und heute

Koen de Bruycker, reformierter Pfarrer Solothurn
Koen de Bruycker, reformierter Pfarrer Solothurn
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Gasangriff. Britische Soldaten 1915 bei Ypern.

Gasangriff. Britische Soldaten 1915 bei Ypern.

Zeichnung aus dem Englischen Magazin «The Sphere»

Als Kind liebte ich den 11. November. Er war eine willkommene Abwechselung im Schulalltag, weil wir an diesem Tag immer frei hatten, aber nicht weil dann die Fasnacht begann oder weil Martinstag war.

Der 11. November ist in Belgien, Frankreich, Grossbritannien und allen Ländern des Commonwealth der Erinnerungstag für die Kriegsopfer des Ersten Weltkriegs. An diesem Tag im Jahr 1918 unterschrieben die Delegationen des Deutschen Reichs und der Westmächte Frankreich und Grossbritannien in einem Eisenbahn-Salonwagen den Waffenstillstand und führten damit nach vier Jahren Elend das ersehnte Ende dieses verheerenden militärischen Konflikts herbei. Fast 19 Millionen Menschen hat er das Leben gekostet.

Die Bilder vom damals verwüsteten Ypern, die das belgische Fernsehen jedes Jahr am Erinnerungstag ausstrahlt, beeindruckten mich als Kind zutiefst. Anfang des 20. Jahrhunderts war Ypern wie Solothurn eine charmante Kleinstadt. Während des Ersten Weltkrieges lag Ypern aber direkt an der Westfront und war während der vier Kriegsjahre Schauplatz blutiger Stellungskämpfe. Am Ende dieser humanitären Katastrophe war es völlig in Schutt und Asche gelegt. Die St. Martinskathedrale, die Schanzen, die wie diejenigen in Solothurn auf Vauban zurückgehen, und die ganze Altstadt mit den lokalen Geschäften lagen in Trümmern. Die Überlebenden unter der Bevölkerung hatten Ypern verlassen und die Kleinstadt schien für immer verloren zu sein.

Heute ist Ypern wieder wie Solothurn eine attraktive Kleinstadt voller Leben. Die Kathedrale, die Schanzen und die Altstadt wurden neu aufgebaut und die Menschen und damit die lokalen Geschäfte kehrten zurück. Wie in Solothurn ist es sicher schön, dort zu leben. Wegen seiner eindrücklichen Geschichte war es denn auch eine der ersten belgischen Städte, die ich mit meiner Frau mit Solothurner Wurzeln besucht habe.

Übrigens: Wenn wir wieder nach Belgien reisen dürfen, werde ich auch unseren beiden Söhnen Ypern zeigen, damit sie sehen, dass es trotz Krisen immer eine Hoffnung für die Zukunft gibt.