Prostitutionsgesetz
Xenia-Stellenleiterin: «Registerblätter in Salons sind unnütze Bürokratie»

Christa Ammann, die Stellenleiterin Xenia Bern im Interview über das Berner Prostitutionsgesetz und dessen Auswirkungen auf die Sexarbeiterinnen.

Samuel Thomi
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Christa Ammann ist Stellenleiterin Xenia Bern, der Fachstelle Sexarbeit des Kantons.

Christa Ammann ist Stellenleiterin Xenia Bern, der Fachstelle Sexarbeit des Kantons.

zvg/key

Frau Ammann, als erster Kanton verfügt Bern über ein umfassendes Prostitutionsgesetz. Wie lautet nach zwei Jahren das Fazit Ihrer Beratungsstelle?

Das Ziel, die Sexarbeiterinnen besser zu schützen, konnte bisher nicht erreicht werden. Die Massnahmen betreffen primär die Überprüfung von Arbeits- und Betriebsbewilligungen. Viele Etablissements müssen schliessen, da sie in Wohnzonen liegen oder nur eine zweijährige Betriebsbewilligung erhalten haben. Dies bedeutet, dass im Kanton Bern dieses Jahr gegen 100 Arbeitsplätze verloren gehen.

Wie reagieren die Frauen darauf?

Sie ziehen sich vermehrt in Privatwohnungen zurück und arbeiten dort alleine, um die Bewilligung zu umgehen. Salons, die noch bewilligt werden, liegen öfter in Industriezonen am Stadtrand oder in Agglomerationen. Damit sinkt der Schutz der Frauen weiter, weil die Nachbarschaft fehlt und der Arbeitsweg gefährlicher ist. Belebte Orte dienen auch der Gewaltprävention.

Nebst dem Schutz der Sexarbeiterinnen soll das bernische Gesetz die Bevölkerung vor Ärger bewahren. Ziel erreicht?

Es wird immer Leute geben, die sich am Sexgewerbe stören. Was stört, hat zudem meist mehr mit Vorurteilen oder der Sichtbarkeit an sich zu tun. Ich kenne Salons in Quartieren, die noch nie Anlass gaben zu Beschwerden.

Wie Bern verlangt Solothurn künftig von Salons, dass sie ein Sexarbeiter-Register führen. Wie stehen Sie dazu?

Pässe oder IDs und Arbeitsbewilligungen reichen bei Kontrollen. Registerblätter in Salons sind unnütze Bürokratie und eine indirekte Registrierung aufgrund einer Tätigkeit. Das ist diskriminierend. Wer eine Arbeitsbewilligung hat, hat die Daten ja bereits beim Migrationsdienst angegeben.

Bern regelt die Prostitution in einem Gesetz, Solothurn will dazu das Wirtschaftsgesetz nur um einen Artikel
ergänzen: Eine richtige Gewichtung?

Ja. Sexarbeit soll als eines von vielen Gewerben Anerkennung finden. Es braucht dazu kein Sondergesetz. Begrüssenswert ist auch, dass in Solothurn neben den Betreibern und Sexarbeitenden die Kunden explizit erwähnt und damit in die Pflicht genommen werden.

Solothurn will faktisch eine Kondompflicht einführen, Ähnliches plant in Deutschland derzeit die Bundesregierung: Was halten Sie davon?

Einerseits ist diese Idee nett gemeint, aber nicht wirklich praktikabel. Andererseits wirkt eine solche Vorschrift stigmatisierend. Da als Sexarbeiterin der Körper das Kapital ist, achten die Frauen darauf, dass sie gesund bleiben, sonst können sie nicht arbeiten. Zudem weiss ich nicht, ob etwa in Bayern, wo es bereits eine Kondompflicht gibt, tatsächlich weniger Sex ohne Gummi verlangt wird.

Damit bleibt die ewige Frage: Würde Prostitution nicht ehrlicher verboten?

Nein. Sex wird immer angeboten werden. Ein Verbot wie in Schweden mit Bestrafung von Freiern ist keinesfalls im Sinn der Frauen. Werden die Kunden in die
Illegalität getrieben, müssen Sexarbeiterinnen versteckt arbeiten. Dies verschlechtert wiederum die Arbeitsbedingungen und den Schutz der Frauen.