Im Winter 2009 zeigte die damals noch knapp minderjährige Tamilin Chinthuja R.* den ebenfalls aus Sri Lanka stammenden, damals 27-jährigen Viswanathan A.* an. Sie sei ein halbes Jahr zuvor im Breitenbacher Asylantenheim und bei sich zu Hause vergewaltigt worden.

Zwei Zeugen bestätigten, dass ihnen die junge Tamilin kurz nach der Vergewaltigung von der Tat erzählt hatte, und so wurde Viswanathan A. im Mai 2012 vom Amtsgericht Dorneck-Thierstein zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und acht Monaten verurteilt.

Verteidiger ermittelte selber

Viswanathan A., der immer seine Unschuld beteuert hatte, ging in Berufung, weshalb nun das Solothurner Obergericht den Fall neu beurteilen muss. Da seit der vermeintlichen Vergewaltigung einige Zeit vergangen war, kontaktierte Viswanathans Verteidiger, Lukas Breunig, vor der Berufungsverhandlung nochmals die damaligen Belastungszeugen. Und diese «privaten» Ermittlungen brachten Erstaunliches zutage: Die eine Zeugin, eine Freundin des Opfers, stellte der Verteidigung aufgezeichnete Facebook-Gespräche zur Verfügung.

In diesem «Chat» gab Chinthuja R. zu, dass sie die Polizei angelogen hatte. «Wenn ich die Anzeige jetzt zurückziehe, bekomme ich Probleme», schrieb sie, und bat: «Sage, was ich Dir sage, bitte, bitte, bitte. Wenn sie fragen, ob ich Dir über dieses Problem erzählt habe, dann sag ja, dass er mich auf dem Schulweg belästigt hat. Sag, ich hatte damals am Hals eine kleine Wunde.»

Ein anderer Belastungszeuge, ein ehemaliger Freund des vermeintlichen Opfers, hatte Anwalt Breunig einen Brief an das Obergericht diktiert. «Einige Zeit nach dem Urteil des Amtsgerichts erzählte sie mir, dass sie das nur gemacht habe, um sich zu rächen. Weil sie von A. zurückgewiesen wurde, habe sie gewollt, dass er Probleme mit seiner Frau bekommt und sie ihn verlässt», zitierte Breunig aus diesem Brief.

Gericht unterbricht Verhandlung

Nach kurzer Beratung entschied das Obergericht, die beiden neuen Beweismittel zuzulassen. «Wir haben einige Hinweise darauf erhalten, dass die Privatklägerin nicht die Wahrheit gesagt hat», erklärte Oberrichter Hans-Peter Marti.

«Unsere Pflicht, die Wahrheit zu finden, erfordert, dass wir als Berufungsgericht das Beweisverfahren nochmals aufnehmen.» Das Gericht werde die beiden Zeugen und Chinthuja R. zu einer Befragung vorladen. Wann die Verhandlung weitergeht, steht noch nicht fest.

* Name von der Redaktion geändert