Kanton Solothurn
Wohnheim für Demente eröffnet: Weitere Angebote werden gesucht

Fast 4000 Menschen leben im Kanton mit Demenz. Wegen der Überalterung soll diese Zahl noch ansteigen. Kreative Wohnformen werden deshalb unterstützt und gesucht. Denn die Bedürfnisse der Erkrankten unterscheiden sich von anderen Pflegefällen.

Christof Ramser
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Spezialplätze ausserhalb von herkömmlichen Heimen sollen Demente und ihre Angehörige entlasten. (Symolbild)

Spezialplätze ausserhalb von herkömmlichen Heimen sollen Demente und ihre Angehörige entlasten. (Symolbild)

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Damit die Wohngruppe für Demente in Selzach eröffnet werden kann, waren langjährige Abklärungen nötig. «Es war eine Knochenarbeit», sagt Ueli König vom Vorstand des Mutterhauses, des Alters- und Pflegeheims Baumgarten. Schon seit 2007 plant das Heim eine Aussenwohngruppe. Vor zwei Jahren erteilte das kantonale Amt für soziale Sicherheit ASO die provisorische Betriebsbewilligung.

Demenzkranke brauchen eine andere Betreuung als andere pflegebedürftige Menschen. «In der klassischen Form haben Demente oft starken Bewegungsdrang», sagt Ursula Brunschwyler vom ASO. Weil Berührungen Aggressionen auslösen können, sollten die Gänge in den Wohnheimen breit sein.

Dass im Kanton vermehrt Wohngruppen für Personen mit Demenzerkrankungen entstehen, sei sinnvoll, sagt Brunschwyler. «Die Menschen müssen beschäftigt werden. Sie sollen zusammen spielen oder kochen können. Das funktioniert in einer kleinen Gruppe mit individueller Betreuung besser.»

Anzahl Menschen mit Demenz im Kanton Solothurn

Anzahl Menschen mit Demenz im Kanton Solothurn

Alzheimervereinigung Kanton Solothurn

Zudem leben in grossen Heimen Menschen mit unterschiedlichen Ansprüchen, etwa was das Ruhebedürfnis betrifft. Deshalb unterstütze der Kanton Solothurn Einrichtungen wie die externe Wohngruppe in Selzach ideell.

Gemäss der Sozialgesetzgebung sei die Altenpflege ein kommunales Leistungsfeld. Die Bewilligung dagegen ist eine kantonale Aufgabe. Bevor eine Institution aufgehen kann, prüft das Amt akribisch, ob alle Voraussetzungen erfüllt sind. Die Bewilligung für die Wohngruppe ist auf zwei Jahre befristet.

Im optimalen Fall folgt darauf die ordentliche Betriebsbewilligung für sechs Jahre. Neben der Wirtschaftlichkeit wird dabei gemäss Sozialgesetz unter anderem geprüft, ob der Bedarf überhaupt vorhanden ist, ob das Angebot in geforderter Qualität erbracht wird, aber auch ob Angehörige ihre Meinung sagen können und einbezogen werden. Vorliegen muss zudem ein Betriebskonzept, und nicht zuletzt nehmen auch Bau- und Lebensmittelinspektorate einen Augenschein.

«Betreuung kann krank machen»

Der Bedarf an Spezialplätzen ausserhalb von herkömmlichen Pflegeheimen ist durchaus vorhanden. Gemäss der Alzheimervereinigung lebten 2014 im Kanton 3900 Menschen, die an Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz erkrankt sind. Jährlich erkranken im Kanton 950 Menschen neu an Demenz.

Weil die Bevölkerung immer mehr altert, dürfte sich die Zahl der Dementen gemäss einer Schätzung bis 2035 auf 7100 Personen verdoppeln. Denn das Risiko steige mit zunehmendem Alter stark an.

Neue Wohnformen seien deshalb nötig, schreibt die Alzheimervereinigung. «Es braucht zusätzliche Angebote wie zum Beispiel Wohngemeinschaften, besonders für allein lebende Menschen mit Demenz.»

Auch das Entlastungsangebot, wie es in Selzach angeboten wird, ist für die Vereinigung hochwillkommen. Um Angehörige zu entlasten, brauche es dringend solche Tagesstätten und Nachtangebote. Denn: «Auch Betreuung kann krank machen.»

Die Finanzierung für die externen Wohngruppen gestaltet sich wie bei einem öffentlichen Heim. Neben dem Patienten und der Krankenversicherung zahlen auch der Kanton und die Gemeinde hälftig einen kleineren Teil. Dazu kommen unter Umständen Ergänzungsleistungen.

«Das Lächeln eines Dementen ist sehr wertvoll» Interview: Christof Ramser Warum ist die Arbeit mit Demenzkranken anspruchsvoller als mit anderen Pflegebedürftigen? Felix Schaerer: Es ist vor allem auf der psychischen Ebene anspruchsvoller. Die ständig wiederholten Fragen etwa oder Instruktionen, die mehrfach wiederholt werden müssen, können sehr ermüdend wirken. Die Leute müssen im Alltag Schritt für Schritt geführt und instruiert werden. Demente haben oft starken Bewegungsdrang und können aggressiv sein. Was bedeutet das für die Pflegenden? Aggressionen sind sicher ein Thema. Wenn ein Mensch aus der vertrauten Umgebung zu Hause in eine Institution gebracht wird, die er nicht kennt, kann er mit Gewalt reagieren. In einer Wohngruppe wie der Aussenstation in Selzach, wo die Tagesstruktur dem Ablauf zu Hause entspricht, kann das Gewaltpotenzial abgefedert werden. Wir achten stark auf die Biografie der Menschen und versuchen, ihre Fähigkeiten am besten einzusetzen. Sei es etwa im Garten beim Rasenmähen oder beim Kochen. Man kann aber niemanden dazu zwingen. Wenn jemand das ganze Leben nicht gekocht hat und dann in der Küche stehen soll, sind aggressive Reaktionen kein Wunder. Welche Eigenschaften brauchen Pflegende im Demenzbereich? Sie müssen sicher psychisch belastbarer sein. Die Schwierigkeit bei Demenzkranken ist, dass sie nicht wie Kinder erzogen und ins Leben hinaus begleitet werden können. Hier geht es gerade in die andere Richtung, es ist keine Entwicklung mehr möglich. Es kommt aber auch viel zurück. Ein Lächeln eines Demenzkranken ist etwas sehr wertvolles. Wie gestaltet sich der Kontakt mit Angehörigen? Das ist sehr unterschiedlich. Viele Angehörige, die Demenzerkrankte zu Hause pflegen, kommen an ihre Grenzen. Sie schätzen die Entlastung sehr und sind dankbar. Die Angehörigen wissen zudem, dass die Demenzerkrankten in einem sicheren Umfeld sind, wo auch baulich alles auf die Krankheit abgestimmt ist. Andere Angehörige sind sehr kritisch und haben das Gefühl, die Menschen seien zu wenig gut betreut.Generell habe ich aber gute Erfahrungen gemacht im Kontakt mit Angehörigen von Demenzerkrankten. Felix Schaerer (49) ist Pflegefachmann und Teamleiter der Wohngruppe für Demenzerkrankte in Selzach. Er hat ursprünglich Schreiner gelernt und sich im Pflegebereich weiterentwickelt. Er war als Heimleiter tätig.

«Das Lächeln eines Dementen ist sehr wertvoll» Interview: Christof Ramser Warum ist die Arbeit mit Demenzkranken anspruchsvoller als mit anderen Pflegebedürftigen? Felix Schaerer: Es ist vor allem auf der psychischen Ebene anspruchsvoller. Die ständig wiederholten Fragen etwa oder Instruktionen, die mehrfach wiederholt werden müssen, können sehr ermüdend wirken. Die Leute müssen im Alltag Schritt für Schritt geführt und instruiert werden. Demente haben oft starken Bewegungsdrang und können aggressiv sein. Was bedeutet das für die Pflegenden? Aggressionen sind sicher ein Thema. Wenn ein Mensch aus der vertrauten Umgebung zu Hause in eine Institution gebracht wird, die er nicht kennt, kann er mit Gewalt reagieren. In einer Wohngruppe wie der Aussenstation in Selzach, wo die Tagesstruktur dem Ablauf zu Hause entspricht, kann das Gewaltpotenzial abgefedert werden. Wir achten stark auf die Biografie der Menschen und versuchen, ihre Fähigkeiten am besten einzusetzen. Sei es etwa im Garten beim Rasenmähen oder beim Kochen. Man kann aber niemanden dazu zwingen. Wenn jemand das ganze Leben nicht gekocht hat und dann in der Küche stehen soll, sind aggressive Reaktionen kein Wunder. Welche Eigenschaften brauchen Pflegende im Demenzbereich? Sie müssen sicher psychisch belastbarer sein. Die Schwierigkeit bei Demenzkranken ist, dass sie nicht wie Kinder erzogen und ins Leben hinaus begleitet werden können. Hier geht es gerade in die andere Richtung, es ist keine Entwicklung mehr möglich. Es kommt aber auch viel zurück. Ein Lächeln eines Demenzkranken ist etwas sehr wertvolles. Wie gestaltet sich der Kontakt mit Angehörigen? Das ist sehr unterschiedlich. Viele Angehörige, die Demenzerkrankte zu Hause pflegen, kommen an ihre Grenzen. Sie schätzen die Entlastung sehr und sind dankbar. Die Angehörigen wissen zudem, dass die Demenzerkrankten in einem sicheren Umfeld sind, wo auch baulich alles auf die Krankheit abgestimmt ist. Andere Angehörige sind sehr kritisch und haben das Gefühl, die Menschen seien zu wenig gut betreut.Generell habe ich aber gute Erfahrungen gemacht im Kontakt mit Angehörigen von Demenzerkrankten. Felix Schaerer (49) ist Pflegefachmann und Teamleiter der Wohngruppe für Demenzerkrankte in Selzach. Er hat ursprünglich Schreiner gelernt und sich im Pflegebereich weiterentwickelt. Er war als Heimleiter tätig.

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