Wohngemeinschaft Dach Klus
«Hier ist niemand Chef» – wie eine Wohngenossenschaft seit 40 Jahren in Oensingen zusammenlebt

Ein Wohnprojekt, das an die Hippie-Bewegung der späten 60er-Jahre erinnert: In Bad Klus leben mehrere Familien, die eine nachhaltige alternative Lebensform gefunden haben. Wie es sich anfühlt, mit 40 anderen Menschen unter einem Dach zu wohnen, erzählt Bewohnerin Anna Gfeller.

Andri Morrissey
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Der Garten der Wohngenossenschaft Dach.

Der Garten der Wohngenossenschaft Dach.

Hanspeter Bärtschi

Es ist der erste warme Tag im Jahr und es fühlt sich auf dem Weg nach Bad Klus in Thal wie der Sommeranfang an. Beim Verlassen von Oensingen in Richtung Bad Klus ist Vogelgezwitscher zu hören und auf der Ravellenflueh ist eine Schweizerflagge im Wind zu sehen. Alles sieht idyllisch aus, wie man es sich in der Schweiz auf dem Land vorstellt.

Die Wohngemeinschaft Dach in Bad Klus sticht in diesem Gesamtbild zuerst einmal gar nicht hinaus. Aber beim zweiten Blick ist es ersichtlich, dass da keine durchschnittliche Wohngemeinschaft lebt. Zwei Häuser, je eins auf jeder Strassenseite, gehören zum Projekt Wogeno Dach und im Garten auf der linken Seite stehen Bauwagen. Beim Haus auf der linken Seite sind drei Balkons, die drei verschiedene Baustilen widerspiegeln. Im oberen Bereich steht eine Einrichtung für die Hühner. Im Garten spielen und schreien kleine Kinder.

Vier Häuser, eine Gemeinschaft

Die Genossenschaft lebt hier unter zwei grossen Dächern und in zwei kleineren Hütten im grossen Garten, unmittelbar am Dorfeingang. Im Garten, der mit einem handgemachten Wegweiser mit der Aufschrift «Wanderweg» gekennzeichnet ist, begrüsst Anna Gfeller vom Vorstand der Wohngenossenschaft.

Anna Gfeller ist eine aufgestellte Person mit einer ruhigen Stimme. Sie witzelt gerne, lacht auch viel, ihre Stimme trägt aber ein gewisses Verantwortungsbewusstsein. Während des Gesprächs widmet sie sich sporadisch immer wieder ihrer kleinen Tochter, die Aufmerksamkeit und Süssigkeiten will.

Anna Gfeller, Bewohnerin und Vorstandsmitglied der Wohngenossenschaft.

Anna Gfeller, Bewohnerin und Vorstandsmitglied der Wohngenossenschaft.

Hanspeter Bärtschi

Der Wunsch nach einer alternativen Lebensform hätte schon vor dem Kauf des Hauses gestartet, sagt Gfeller. Die Genossenschaft wurde Anfang 80er gegründet, zu einer Zeit, als überall in der Schweiz neue Wohn- und Kulturprojekten aus dem Boden sprangen. Die bekanntesten davon etwa die rote Fabrik in Zürich oder die Reitschule in Bern.

Keine amtliche Übersicht über Anzahl alternativer Wohngenossenschaften im Kanton Solothurn

Schweizweit gibt es zahlreiche alternative Wohngenossenschaften und Kommunen und Zentren. Einzigartig ist, dass kein Amt einen Überblick über die Anzahl solcher Projekte hat. Auf Anfrage wussten weder das kantonale Hochbauamt noch das Amt für Raumplanung, wie viele solche Projekte im Kanton Solothurn existieren. Es ist auch schwierig, «alternativ» zu definieren. Von illegalen Besetzungen bis hin zu bewilligten Genossenschaften, auf Wagenplätze oder in grossen Bauernhäusern kann von alternativen Wohngenossenschaften gesprochen werden.

Gfeller beschreibt das ursprüngliche Projekt als ein «Hippie»-Projekt. «Vor 40 Jahren haben wir die Genossenschaft gegründet und machten uns auf die Suche nach günstigem Wohnraum», sagt Gfeller. Man wolle Wohnräume schaffen für Menschen, die sich keine Wohnung leisten konnten oder keine gewöhnliche Wohnung wollten. Im Vordergrund lag zu dieser Zeit vor allem, günstiger Wohnraum und daran gebundene alternative Kultur zu schaffen.

Erstmals wenig Verständnis von den Nachbarn

Als die Gruppe in Bad Klus einzogen, hätten die Anwohner nicht gerade Freude gezeigt, sagt Gfeller.

«Ich weiss auch von Grosseltern, die ihren Enkeln sagten ‹Zu denen gehst du mir nicht!›. Man kennt es nicht, und darum muss es etwas Gefährliches sein.»

Aber die Auswahl der Möglichkeiten, um das grosse Haus zu beleben, sei limitiert gewesen. Entweder hätte eine Garage, ein Bordell oder die Wohngenossenschaft entstehen sollen. Und am Schluss hätten sich die Verwalter für die dritte Option entschieden.

Ein politisches Projekt sei die Wohngenossenschaft aber jetzt kaum noch, sagt Anna Gfeller. Einzig der Wunsch nach günstigem Wohnraum sei jetzt noch ein politischer Aspekt der Genossenschaft. Mit 40 Menschen so eng zusammen zu leben, sei durchaus «spannend», sagt Gfeller lachend. Vor allem, da 16 der 41 Anwohner Kinder aller Altersgruppen sind. Wichtig sei vor allem, dass Probleme offen kommuniziert werden. Alles von Aufgaben im Haus, bis hin zum allgemeinen Zusammenleben. Dafür gibt es eine hausübergreifende Sitzung einmal im Monat.

Dezentralisiertes Zusammenleben

Die Strukturen in der Genossenschaft sind aber sehr locker und sind keinen Regulierungen ausgesetzt. Alle Bewohnerinnen und Bewohner haben ihre eigene Wohnung und damit persönlichen Freiraum. Dazu sind alle finanziell unabhängig, denn während viele Wohngenossenschaften ein gemeinsames Konto für alle Mitbewohner haben, entscheiden die Anwohner der Genossenschaft selbstständig über ihr Einkommen. Jedoch müssen im Jahr mindestens 50 Stunden pro Person in die Gemeinschaft investiert werden, also Bauarbeiten, Gartenarbeiten, Kochen, Holz hacken oder aufräumen. An der Monatssitzung wird ausgehandelt, wer welche Aufgabe übernimmt. «Hier ist niemand Chef», sagt Anna Gfeller.

Die Genossenschaft veranstaltete vor der Coronapandemie auch diverse Anlässe. Es fanden Konzerte, Theateraufführungen und Open-Air-Kinos im Haus und im Garten statt. Diese wurden nicht nach fixen Preisen organisiert, sondern nach einer Kollekte. Nun herrscht mit der Pandemie Ruhe um das Haus. Aber die Nähe zu Besuchern fehlt Gfeller. «Unter anderem planen wir ein Konzert im Juli. Aber wir müssen sehen, wie es kommt», sagt Gfeller zum Schluss des Gespräches.

Der Abschied von diesem Haus, Garten und umliegendem Areal fühlt sich surreal an. Es ist fast so, als würde man beim Betreten des Gartens aus der bekannten Realität aussteigen, und beim Verlassen des Hauses wieder einsteigen. Um das Haus herum ist das Herzblut, dass in das Projekt geflossen ist, stark spürbar. Dass verschiedene grössere Bauarbeiten von den Bewohnern der vier Häuser selbst in die Hand genommen wurden, zeugt von Selbstständigkeit, die im normalen Alltag nur schwer vorstellbar ist. Vor allem weist das Wohnprojekt auf eines darauf hin: Egal, welche Gefühle dabei geweckt werden, Hippies gibt es immer noch. Auch mehr als 50 Jahren nach der 68er-Bewegung.