Am 5. Februar 2016 fährt Alban K.* zu Franz S.*. Wütend, mit einer 9 Millimeter Beretta Pistole in der Hosentasche, betritt er das Areal der Transport- und Recyclingsfirma des Thaler Unternehmers Franz. Als Maler und Gipser hat Alban für Franz eine Mauer im Wert von 20 000 Franken erstellt. Als er den offenen Geldbetrag einfordern will, ist Franz' Betrieb bereits in Nachlassstundung. Den Gläubigern wird nur noch 20 Prozent ihrer Forderungen zugesprochen. Also fährt Alban zu Franz. Weil dieser nicht diskutieren will und sich abwendet, schiesst der Kosovare.

«Ich wollte ihn nur fragen, wieso er nicht bezahlt», erklärte Alban gestern vor Obergericht. Er hat gegen das vorinstanzliche Urteil des Amtsgerichts Thal-Gäu vom 13. September 2017 Berufung eingelegt, das ihn zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten – davon 12 bedingt bei einer Probezeit von 4 Jahren – verurteilt hatte. Wegen Nötigung und anderen Delikten und vor allem wegen Gefährdung des Lebens. Gegen diesen letzten Punkt wehre sich K.: Nämlich dass er das Leben eines andern – Franz S. – gefährdet haben soll.

Mit links und mit geschlossenen Augen geschossen

Im Betonboden des Thaler Unternehmens fand die Polizei drei Einschüsse. An besagtem Februartag waren fünf Anwesende vor Ort, doch für eine eindeutige Beweislage sorgte dies nicht. «Es gibt keine einzige Person, welche konstant die Wahrheit sagte», fasste Staatsanwalt Christoph Fricker zusammen. Dabei ging es etwa um Distanzen und Schussrichtung. Schütze und Opfer standen etwa vier bis zehn Meter voneinander entfernt. Die Schüsse wurden wohl dadurch umgeleitet, dass der Bruder des Angeklagten eingriff, indem er die Arme des Schützen umlenkte.

Einig, so Fricker, seien sich jedoch alle darüber gewesen, dass Alban «sehr aufgebracht und wütend» war. Er führte ins Feld, dass Alban vorher noch nie mit einer Waffe geschossen hatte und dass er als Rechtshänder mit der linken Hand schoss, zudem habe er die Augen geschlossen gehalten. «Er hätte so unmöglich kontrolliert schiessen können.» Er zitierte etliche Bundesgerichtsentscheide und führte etwa auch aus, dass eine Gefährdung des Lebens sogar ohne Schussabgabe und gar bei einer nicht entladenen Waffe vorliege. «Es führt kein Weg daran vorbei, die Tat als Gefährdung von Leib und Leben einzuschätzen.»

Sechs Vorstrafen – keine Erinnerung

Die äussere Erscheinung des 42-jährigen Alban im Saal wirkte etwas wild. Sein Auftreten war ruhig, doch bei der Befragung liess erkennen, warum er als impulsiv bezeichnet wird. Er ist seit 2008 in der Schweiz und sechs Mal vorbestraft, meist wegen Gewaltdelikten. Oberrichter Daniel Kiefer fragte Alban, wie man verhindern könne, dass er wieder straffällig werde. «Das weiss nur Gott», antwortete dieser. Obwohl er gemäss seines Verteidigers Fabian Brunner einsichtig ist, kritisierte Alban, dass in der Schweiz jeder eine Anzeige machen könne.

Staatsanwalt Fricker bezeichnete es als «besonders erschreckend, dass er sich nicht einmal mehr an seine Vorstrafen erinnert» – wohl, weil es nur Bussen gewesen seien. «Überall wo Probleme auftauchen, reagiert er mit Gewalt. Wenn er Teile der Strafe absitzen muss, führt es dazu, dass seine Warnblinker aufleuchten.» Fricker forderte zur Hauptsache eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 15 Monaten, davon 9 bedingt bei einer Probezeit von vier Jahren. Verteidiger Brunner forderte bloss eine bedingte Geldstrafe – 180 Tagessätze falls der Vorwurf der Gefährdung des Lebens wegfällt, 360 Tagessätze mit dem Vorwurf. Der Opferanwalt Samuel Neuhaus verlangt eine Entschädigung für Unternehmer Franz: Erwerbsausfall über 1620 Franken und eine Genugtuung von 500 Franken.

Ein Landesverweis des Kosovaren wurde schon in der Erstinstanz nicht angeordnet. Alban hat ein Einkommen von 6000 Franken, seine Frau eines von 3000 Franken. Er hat zudem zwei Kinder.

Etwas Licht in die Ereignisse hätte wohl die Auswertung der Videoüberwachung geben können. Alban, in Kenntnis der Überwachung, hatte diese gefordert. Als die Polizei das Speichermedium schliesslich hatte, waren die Daten aber gelöscht. Franz, der inzwischen seinen Betrieb wieder aufgestellt hat, sagte, er könne sich die Löschung nicht erklären. In einem Fernsehinterview Tage nach der Tat machte Franz, geltend, dass die Mauer Mängel aufwies. Zudem hätte auch Alban schon Rechnungen nicht bezahlt. Das Urteil in diesem Fall wird am Donnerstag eröffnet.

*Namen geändert